(II) Wandelnde Werte

Richtig gut oder schlecht falsch

(II) Wandelnde Werte

Ein Essay – attacca

sasint (oben) und geralt © - pixabay.com

Im ersten Teil des Essays habe ich Überlegungen zur inneren Dialektik von Wertvorstellungen angestellt. Mir ging es insbesondere um das Spannungsverhältnis zwischen dem was als „gut“ gilt und dem, was eben dieses „Gute“ real ist, nämlich oft höchst mehrdeutig. Dabei habe ich das blosse Misslingen („… gut gemeint, aber …“) vom inhaltlich Unguten unterschieden. Vieles von dem, das nicht ist, was es behauptet, habe ich in fehlgelaufenen Umgangsformen verortet, in reflektions-entbundenen Ritualen und sozialen Normierungen sowie deren Derivaten, Institutionen und Zuweisungen. Im zweiten Teil nun suche ich nach den Stellschrauben, mit deren Hilfe es gelingen könnte, die Werte und ihr Wirken wieder in Einklang zu bringen. Die Crux dabei ist, nicht über die Werte selbst zu verhandeln; oder eben erst am Ende.  

 

9. Was tun
Lenin hatte Recht, die Frage ist berechtigt! Den möglichen Untergang nur zu beschreiben hiesse, ihn zu befördern, self-fulfilling. Begonnen habe ich mit der Beobachtung, dass die besten Intentionen sich verkehren können oder ins Abseits geraten, gelandet bin ich bei der bangen Frage, ob nicht unser (¿?) gesamter Wertekanon zerrüttet ist. Wenn aber „nix mehr gildet“, oder, „noch schlimmer“, wenn die Werte mehrwertig werden, „flottieren“, nach Tageszeit oder Aussentemperatur mal so sind und mal anders – woran bemisst sich das Handeln dann? 

Wenn es eine Alternative gibt – und es gibt immer eine, so oder anders zu handeln –, braucht es ein Kriterium, sich für dies oder jenes zu entscheiden. In aller Regel kennen wir die Kriterien selbst dann, wenn wir uns gegen sie entscheiden: lügen und betrügen, stehlen oder morden, bei diesen grundlegenden Handlungsoptionen plagen uns ja nicht etwa Zweifel. Was Du nicht willst, das man Dir tut … so schwer ist das nicht; und wir ahnen zumeist, dass wir in einer Gesellschaft nicht leben wollen, nicht leben können, die solches Tun und Verhalten nicht als Fehlverhalten sanktioniert. Dass die Bewertungen in einer Gesellschaft mehrwertig werden oder flottieren, liegt nicht an einer etwaigen Uneindeutigkeit „auf dieser Ebene“ des Handelns. Das Problem entsteht, wo Gesellschaften so gross werden und Verhaltensoptionen so vielfältig, dass die Eindeutigkeit der Kriterien verwischt oder gar unerkennbar wird. Du musst nichts Böses gewollt haben, um einen Autounfall schuldhaft zu verursachen – oder, in einer anderen Perspektive auf das Uneindeutige, Du musst kein asoziales oder kriminelles Subjekt sein, um die Regeln zu dehnen. Noch wackeliger jedoch geraten die Fundamente und Kriterien, wenn das, was Du tun „musst“ (1) zum Beispiel um Deinen Lebensunterhalt zu verdienen, Folgen hat, die Du nie bedacht hast oder wollen würdest, aber nicht zu vermeiden weisst – oder, das ist ja die Regel, zu unterlassen nicht die Wahl hast. Wenn es also darum geht, über die Werte und Kriterien nachzudenken, um sie neu auszurichten, geht es um die fundamentalen Ziele und Verabredungen der Gesellschaft.  

Die damit verbundenen Aufräumarbeiten, das hatte sich bereits angedeutet, werden gelerntes und in dem Sinne traditionelles Denken, Fühlen und Handeln verändern … müssen. Und in diesem Sinne werde ich mir das „gut Gemeinte“ jetzt gleich sofort vornehmen – denn in dieser Figur spielen die Ziele die zentrale Rolle. 

„Gut gemeint“, der ultimative Reflex jedes Realisten, ist ein Schlag ins Gesicht, der „vorher“ oder „nachher“ verabreicht wird. Vorab – lehnt es einen Rat- oder Vorschlag ab ( „…is ja gut gemeint, aber danke, danke nein.“); nachher kommt es von oben herab ( „ … sicher, das war ja gut gemeint, aber …“), da ist Arroganz im Spiel, Klugscheisserei.

Was dabei „gut gemeint“ war, ist eine Tat, ein vorgeschlagenes oder bereits erfolgtes Handeln. Entscheidend für das vernichtende Urteil ist das von der Tat angestrebte Ziel: was war gemeint, was sollte geschehen oder werden – und, im Ergebnis, hätte sich irgendetwas zu welchem Besseren wenden sollen? Damit ich hier nicht von Alltäglichkeiten oder Lappalien spreche, erhöhe dieses Ziel, das Bessere, vorübergehend, zu einem „Entwurf“. Um irgendein Klein-Klein soll es nicht gehen, weil … inkrementelles Gekrittel absorbiert das System. Indem ich von einem Entwurf spreche, richtet sich etwas gegen den Bestand, die Realität, und weniger wäre ja kaum der Rede wert. 

In diesem stilisierten Setting steht auf der einen Seite eine fest fussende, eine bestehende, aber bestreitenswürdige Realität – und welche Realität wäre das nicht! – die, nebenbei bemerkt, ihrerseits Ergebnis des Probierens ist, trial and error. Gleichsam als Widersacher, auf der anderen Seite, haben wir einen „Entwurf“, der diese Realität, also mindestens in bedeutsamen Aspekten, überschreiben möchte. Ist oder war etwas nur „gut gemeint“, geht es darum, dass der Versuch mutmasslich scheitern – und so gar nicht erst versucht werden wird –, oder aber „sowieso“ nicht klappen konnte. 

In beiden Fällen handelt es sich um eine Kritik des Gemeinten, der Intention und der ihr innewohnenden Realisierbarkeit. Die Kritik geht damit vom Ergebnis aus – was „gemeint“ war oder ist: schon das war oder ist falsch. Eine solche Kritik ist (natürlich) dogmatisch, reaktionär, rückwärtsgewandt und repräsentiert eine intolerante Fehlerkultur: wer das Ziel verfehlt, versagt. Vorwärts gesprochen läge die Betonung dagegen auf dem „gut!“, und sofort würde deutlich, dass das Ziel, der Entwurf, gewollt wird; mit dem Versagen will man sich nicht aufhalten. Das „gemeint“ implizierte in dieser Intonation die Möglichkeit der Verbesserung, eine Akzeptanz sozusagen des möglichen zu kurz Springens. Jetzt zielt das „gut!“ auf das Wie und fordert … try again! An Stelle der kompletten Entwertung einerseits, gelänge eine Kritik dann, andererseits, als eine Diskussion des Prozesses, der Zielführung. In dieser Betonung steht nicht das Scheitern im Hintergrund, das fortdauernde Wollen ermöglicht ein zukünftig Besseres, hilft dem Springen auf die Sprünge, motiviert. Das wäre doch schon mal eine halbe Lösung, insoweit, immerhin. Oder!

Die zweite Hälfte des Problems ist aber das Scheitern. Es wäre, fast möchte man sagen: zwar „intentional überwunden", aber damit doch noch nicht ausmanövriert! Wir müssten uns freilich erst dann wirklich damit beschäftigen, wenn nicht „ich, Dummerchen“ es nur nicht kann, sondern wenn „es nicht geht“. Dann nämlich wäre auch klar, dass der Fehler weder im Guten noch im Ergebnis läge, sondern im Gemeinten selbst, dem Plan, dem Entwurf; und das wäre eine unbedingt ernst zu nehmende Kritik! Die etwaige Lücke zwischen einem Entwurf und seiner Umsetzung resultierte nicht aus dem Handeln, sondern aus dem Zielen.  

Das ist eine wichtige Unterscheidung, die wir oft mit dem Stichwort „Aktionismus“ verbinden: darin nämlich bringen wir ein (möglicherweise sogar gelingendes) Tun mit einem falschen, unreflektierten oder fehlgeleiteten Ziel zusammen. Es könnte also dem, was am Gemeinten „gut“ hätte sein sollen, an Ratio, Schärfe, Weitsicht, strategischem Planen, in Summe schlicht an Dialektik gefehlt haben. Zugegeben, das Delta zur oben genannten Klugscheisserei könnte man – vielleicht: mangels Masse – übersehen; immerhin: wenn da eines wäre, so läge es in der Affirmation, nämlich nicht das Versuchen zu behindern, sondern dem Gemeinten zum Guten hinzuhelfen. 

Beinahe häufiger noch ist der Wiederholungstäter, der, wie es scheint, die Kritik des Ergebnisses ignoriert: „Wie kannst Du den immergleichen Fehler begehen und auf ein anderes Ergebnis hoffen?“ Die Antwort ist darauf ist aber auch klar: „Ich WILL das nicht akzeptieren.“ Das herablassende „gut gemeint“ hier ist alles andere als „objektiv“, sondern repräsentiert seinerseits einen UnWillen, das Gewollte, Angestrebte als erstrebenswert anzuerkennen.

Nach diesen feinteiligen Untersuchungen blicken wir auf das ideologische Gerüst darunter: Das mit dem Entwurf Gemeinte „WILL eine bessere Welt“, zunächst unabhängig, nämlich oberhalb und unterhalb einer praktisch abgewogenen Umsetzbarkeit. Bei diesem Polarisierungsgrad münden Aufklärung und Lebenserfahrung dann in eine sehr allgemeine politische Frage: ob nämlich irgendeine „unmögliche“ Forderung „überhaupt“ gut sein kann. Eine praktische Antwort: Abwarten!

 

10. Operation gelungen, Patient tot
Das war jetzt vielleicht noch zu abstrakt und stünde, wie gesagt, ohnehin nur am Beginn eines möglichen Ausweges. Diese gut gemeinte Diskussion – hätte, hätte, Fahrradkette – könnte man als „Variationen über ein Thema im Konjunktiv“ verbuchen: sehr theoretisch. Rein praktisch aber kann sogar die erfolgreiche Umsetzung des „guten“ Entwurfes ins Abseits geraten. Mit dem Erfolg, durch den Erfolg, des Erfolges wegen! 

Hier kommt das Abwarten ins Spiel: Wenn nämlich so ein Entwurf, dem ich jetzt einmal als „gute Idee“ ein Label verpasse, weiter unten wird deutlich, warum – wenn also eine Idee Publikum erobert, Breite bekommt, wahrgenommen wird, sich durchsetzt, wenn sie beginnt, sogar vormalige Gegner zu unterwandern – wichtiges Detail: wenn also Zeit vergeht – dann verändert sich die Idee. Kaum bemerkt, aber zwangsläufig.
Und so korrumpiert sie. 

Auf den ersten Blick ist das vielleicht überraschend, beim zweiten hinsehen liegt es aber doch, scheint’s, in der Natur der Sache: schon der marginale, der ein/fache Erfolg korrumpiert. Weil der Zweifel schwindet; Du kennst das doch: „WENN der X oder die Y oder sogar beide mir zustimmen, dann KANN das ja soo völlig falsch nicht sein, wie ich in bangen Stunden befürchtet hatte.“ Besonders dieser Effekt hat sich im letzten Jahrzehnt verselbständigt: „Früher dachte ich, ich bin vielleich nich so schlau, aber hey, auf facebook habe ich fiele Freunde!“ Ernsthaft: Es kommt noch schlimmer. Je mehr Erfolg, desto schlechter, schwächer, dünner wird die Idee. 
Denn sie vermittet, sie schleift ihre Ränder. 

Bis eine Idee in der Mitte ihrer Zielgruppe ankommt, das nenne ich die erste Geissel des Guten, ist sie (bereits) falsch - geworden. Dafür sind zwei gegenläufige, tatsächlich sogar paradoxe Bewegungen verantwortlich: Eine Idee (ein Entwurf!, nehmen wir als Beispiel: eine ökologisch nachhaltige Wirtschaftsform) ist eine eigentlich komplexe Angelegeheit: immer gibt es Bedingungen, meist braucht es Erklärungen, und der Teufel steckt im Detail! Aber: Um in der Mitte einer Gruppe oder Gesellschaft wahrgenommen und erfolgreich zu werden, muss die Idee nackig werden, Ballast abwerfen: nur der Kern, die Plakat-Parole kommt durch: der „Green New Deal“. Nach dem „Downstripping“ kommt dann der paradoxe Part:

Das Publikum interagiert. Unterwegs vom Plakat zum Erfolg entwickelt sich der Green New Deal. Ein Dreisprung: die 1) anfangs angestrebte ökologische Wirtschaftsordnung gerinnt, regrediert sogar, 2) zum Buzzword und entwickelt sich dann 3) aus diesem Nukleus in der und durch die Zielgruppe. Das „Plakat“ wird wieder aufgeladen, die „Jünger“ liefern Ergänzungen, fordern sie gar; der Ideengeber übernimmt sie, sei es aus Überzeugung oder Opportunismus. Schritt für Schritt wird der ex-komplexe, ex-monochrom-abgenagte Ideenknochen wieder zum Braten, eine schillernde Blase warmer Luft, ein assoziativer Ballon, in dem die Kernbotschaft von sehr vielen unscharf gedachten Möglichkeiten umstanden wird; Identifikationsangebote. „Ja, denk nur in diese Richtung, was könnte dann nicht alles … und dieses und jenes, und wenn dann noch …“ Die Idee zündet, weil sie den „guten“ Kern hat und VIEL Irgendwas darum herum. „Yes, we can!“ Was genau „we can“ umfasst, darunter stellt sich ein Jedes etwas anderes vor. Auf einer Woge von Zustimmung aber surft die Idee jetzt, nächste Iteration, zur Umsetzung, zur Einlösung der Versprechen. Und oops, der ganze Braten, die „phantastischen Möglichkeiten“, schon wieder – muss das spezifiziert werden. Aus der Idee wird … Schritt für Schritt… wieder ein Entwurf, anstelle der ökologischen Analyse stehen jetzt Spiegelstriche zu Plastiktüten und Elektromobilität, aus dem Gesellschaftsmodell wird ein Regelgerüst für die Sozialpartner –, und, Gottja, die buntesten Blütenträume bleiben Wechsel, gezogen auf eine unbestimmte Zukunft. 

Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte, dass es der Idee so ergeht: so geht es immer! Und deswegen finden sich in allen Apparaten, in allen Gruppen oder Institutionen die Microingenieure des Fortschritts, der Administration, der Macht. Die kennen das Spiel, sie kennen die Verluste – und sie kennen die Realität, sie wissen, wie man bewegungslos voran kommt. „Unter mir,“ sagt der beamtete Staatssekretär in intimer Runde, „waren schon viele Ministerpräsident.“ Diese Operateure der hohlen Worte verwalten dann den Rest. 

 

11. Phoenix hustet
Ich nenne das „die Institutionalisierung des Guten". War es Bill Gates’ Idee, sein unfassbares Vermögen sinnvoll einzusetzen, ist das Ergebnis ein Apparat mit 1.400 Leuten, der allein schon 100 Mio im Jahr auffrisst, eher mehr. War es Obamas Idee – „Yes, we can“ – eine andere Gesellschaft anzustossen, ist das Ergebnis eine Krankenversicherung. War irgendeine Idee noch eine „Versprechen auf Zukunft“, ist das Ergebnis ein Kompromiss aus Pragmatismus und Schildbürgertum. Usw. Aus Politik und Wirtschaft war das schon immer bekannt, aber natürlich gilt es auch für frei schwebende Vorstellungen. Im Reich der Kultur, des Geistes, der Programmatik und gesellschaftlichen Willensbildung findet die „Institutionalisierung“ vielleicht zwei Nummern kleiner statt, dann aber um so verbiesterter. Nichts gerät schlimmer als der gute Wille. Ein Verein zum Schutze von irgendwas, ein Institut, eine NGO oder eine Stiftung – das ungefähr ist der GAU des Guten.

Und zwar, weil … das veranstaltet dann jemand! Eine Idee, die Realität wird oder werden soll, kristallisiert in einer Person und die sortiert, oft genug überfordert, die ihr zugewiesenen Wünsche und Hoffnungen. Unter dem Banner des Realismus des „Abschmelzens“ (2) schön gezeigt in der dänischen Serie Borgen, 3. Staffel, Die neue Partei ff kommen alle hoch fliegenden Ambitionen unter die Räder, oft genug jene, die die Idee und die Person ins Rampenlicht getragen haben. Die Person, sozusagen die „von allen Auserkorene“, der „von den vielen Möglichen übrig gebliebene“, diese Projektionsfläche mit dem meisten Sitzfleisch, jener mit dem dicksten Fell oder jene mit der gelenkigsten Rede – sie definiert die Idee und deren Realität. Wem es gelingt, im rechten Augenblick dem Augenblick das rechte Wort zu geben, der oder dem, und sei es bloss zufällig, fällt eine (Lebens-)Aufgabe in den Schoss; und zuweilen auf die Schultern: etwa in der Form von Entscheidungen, die er oder sie sich nicht hätte träumen lassen. Oft ist dieses Personal schlau, aber jung; schnell, aber unerfahren. Die Begabtesten durchlaufen eine Lernkurve. 

So konsolidiert Prozess der Institutionalisierung. Wobei: Alles Personal bleibt Person, ein Subjekt – mit Zielen und Bedürfnissen, Stärken und Schwächen. Eine öffentliche Person ist nicht mehr die, die sie war: sie wird Repräsentant, ein Meta-Subjekt – mit Befugnissen und Büro, mit Status und Entourage. Idee und persönliche Ziele vermengen. Strebt die Idee nach Höherem noch, ist die Person vielleicht schon am Ziel … usw.
Macht entsteht. Macht korrumpiert.

 

12. Alt-Shift: CONTROL
Das „Gute“, und tatsächlich kommt es nicht darauf an, was wir so nennen wollen, gerät auf dem Weg von der Idee zum Erfolg an einen tipping point, jenseits dessen es korrumpiert – so meine vierte These; das ist eine antropologische Konstante. Und wenn das stimmt, ist es logisch, dass auf eben den Prozess einwirken muss, wer ein anderes Ergebnis erzielen will. Etwas platt gesprochen: man müsste also (eigentlich naheliegend) dem Personal dabei helfen, die Unschuld zu bewahren. 

„Respice post te, hominem te esse memento“ (3) «Sieh dich um; denke daran, dass auch du nur ein Mensch bist». Dem Triumph mangelt es an Mässigung: Das Personal hat Neigung, sich selbst mit dem Stellvertreter des Entwurfes auf Erden zu verwechseln, oder mit dem Willen des Volkes oder gar mit dem Gott des Momentes. Es macht die Sache nicht einfacher, dass es sich zugleich um eine Anmassung wie auch um eine Zuweisung handelt: in der Person kondensiert die Idee, der Erfolg, die Verfügung, wenigstens für den Moment. In der Umwidmung des Zuspruchs (zur Idee) in einen „Anspruch des Subjektes“ (/der Institution), bricht das Falsche ein, die zweite Geissel des Guten. Das Falsche ist: das Mandat, die Ablösung der Idee von der sie tragenden Gemeinschaft. „Memento mori!“ [(4) «Bedenke, dass Du sterblich bist.» Meine fünfte These lautet: Wenn wir die Idee mit ihrem Sprecher allein lassen, ist es um sie geschehen; um beide. (5) Wer weiss, vielleicht gibt es Hoffnung. Im ZEIT-Gespräch mit Rezo und noch deutlicher in dem mit Luisa Neubauer, klingt an, dass eine Generation heranwächst, die diese Falle möglicherweise bereits vor Dienstantritt erkennt. Besser wäre eine Korrekturinstanz, eine Kraft, die dem Grössenwahn entgegenwirkt – denn natürlich ist der Grössenwahn (mit dabei die Kollegen Realitätsverlust und Narzissmus), in seinen schwereren oder leichteren Verläufen, eine, wenn nicht die psychopathologische Kategorie der Institutionalisierung. 

Solche Instanzen hat es gegeben, etwa die Kirche und ihr Personal, die für eine Weile funktioniert haben mögen, doch in den letzten Jahrhunderten haben ihre Vertreter ihrerseits die Korruption perfektioniert. Deren ursprünglicher Ansatz aber liesse sich – cum grano salis – als eine Art Outsourcing der „objektiven“, sozialen, persönlichen Kontrolle beschreiben. Ob das funzt?

 

13. Be my Nemo
Eine Anleitung finden wir – fast möchte man sagen: wie immer – in der  Science Fiction. Tom Hillenbrand lässt AEther/Nemo (6) das ist die KI in dem Buch „Hologrammatica“ die Klimaprobleme der Menschheit mal rasch durchrechnen, um zu der Einsicht zu gelangen, dass „der Mensch“ – um des Augenblickes Vorteil – sogar seine Rettung vertändeln würde. Die KI erkennt, dass es eine Instanz braucht, die das „für die Menschheit“ richtet. Ich spekuliere übrigens länger schon, dass ungefähr das auch der Ansatz der Kommunistischen Partei Chinas ist (hüstl, …). Was die KI gegenüber der Kommunistischen Partei geltend machen könnte, ist ihre Unmenschlichkeit: seit HAL wissen wir, dass auch der Auftraggeber eine KI nicht von ihrem Auftrag abbringen kann (7) bei Kubrick gelang das zwar, dramatisch knapp; für heute würde ich nicht darauf wetten. Ich stelle mir also vor, dass die Geisseln des Guten, sowohl bei der Ausarbeitung der Idee wie auch bei deren Institutionalisierung, unter in Anspruchnahme einer technologischen Plattform im Zaum gehalten werden könnten. Schon klar, diese Idee hätte das Handicap, „ihren Prozess“ noch nicht durchlaufen zu haben. Abgesehen davon, dass wir – als Zielgruppe – uns das (noch?) nicht vorstellen können, ist aber auch die Technologie noch nicht so weit; wir brauchen vermutlich einen Zwischenschritt. 

Ich will mich nicht in Details verkämpfen. Deswegen nochmal zu den Vorbildern: In der Figur des Mentors etwa steckt ein Teil des Gedankens; bei BeraterInnen oder Spindoctors liessen sich ähnliche Funktionalitäten verorten, oder im Aufsichtsrat. Im Lehrer/Professor/Ausbilder/Trainer/Coach finden wir eher funktional-klassische Aspekte, etwas abgelegener vielleicht auch in der Rolle des Psychologen/Psychoanalytikers sowie, ganz am Rand, im „persönlichen Guru“. Das wären jetzt eine Reihe unterschiedlicher Konzepte, die in einem Best of möglicherweise einen brauchbaren Cocktail ergäben, der dann mit einer zentralen Mission aufträte: Schule und diszipliniere den Charakter!  

 

14. Entrepreneurship
Wäre ja schön, wenn damit dem Guten bereits über den Berg geholfen wäre. Allerdings lauert noch die dritte Geissel des Guten auf die Idee: es ist der Apparat. Im Begriff der Institution hatte es sich bereits angedeutet, im Apparat ist die Geissel nun ganz bei sich. Ob WHO, Fraunhofer, Königlich Schwedische Akademie oder ADAC, wenn erst einmal so eine echte, eingeschwungene Organisation sich einer Idee angenommen hat, dann sind Hopfen und Malz verloren. Jeder weiss, dass das so ist –, weil sich jede Organisation vor allem mit sich selbst befasst –, aber niemand weiss, wie dem abzuhelfen wäre. Ich auch nicht. Kontrollieren? Sprengen? Auflösen? Infiltrieren? – nichts hat nie nich gefruchtet. Nein, einmal IM Apparat angekommen, ist die Idee verloren und – siehe GTZ – man kann nur noch hoffen, dass der Apparat wenig Schaden anrichtet. 

Hilfsweise und mit allen denkbaren Vorbehalten: Wenn es gelänge, einem Apparat professionelle, und das heisst dann effiziente und effektive, also unternehmerische Strukturen einzuarbeiten, bestünde fortan immerhin eine gewisse Aussicht auf mehr als nur Papier und warme Worte. Auch dieses Konzept gibt es nicht kostenlos: „Zahlen, Messgrössen, Quantitäten“ wären nun die oberste Richtschnur; genauer noch müsste man sagen, das Excel-Sheet oder, je nach Grösse des Apparates, die SAP übernähmen nun die Funktion eines Diktators. Dann regiert das Geld – das bekanntlich keine anderen Götter neben sich duldet; allenfalls wären ein paar Derivate denkbar: Anzahl der bearbeiteten Fälle, Urteile, Entscheidungen, Projekte, Friedensbrücken …

Habe ich damit die Fallen und Abgründe, von denen alles Gute – und damit Werte, Moral und Ethik – umstellt ist und immer schon umstellt war, umfassend beschrieben? Meine Lösungsansätze, das gebe ich zu, sind vor allem gut gemeint. Deswegen war mir zwischendurch schon mal zynisch oder sarkastisch zumute; ich will die Überlegungen aber doch in einer konkretisierenden Sequenz vorläufig beschliessen. 

 

16. Love it - or leave it
Wir leben in Zeiten des Umbruchs, ein Epochenwechsel steht an. Indem wir die Bewertungen der Vergangenheit ungeprüft auf die Gegenwart loslassen, belasten wir die Zukunft, und in einigen zentralen Fragen bewegen wir uns in Richtung einer globalen Katastrophe. Eine wesentliche Rolle spielt unser Verständnis von „Freiheit“, die persönliche, unternehmerische, politische. Es ist ein zentraler Wert der Gesellschaft – an dem wir mit allen Kräften festhalten. Unter der Berufung auf die Freiheit erlauben wir uns einen ökologischen Fussabdruck, der die Grundlagen unseres Lebens gefährdet. Und dabei bleibt es nicht: Wir geraten überdies in Erklärungsnot, wenn wir mit ansehen müssen, dass China, Indien und Afrika auf eben der von uns gepriesenen Freiheit bestehen. Geht es nach unserem Verständnis von „Gerechtigkeit“, ist der Untergang der Menschheit schier unvermeidbar. Denn dann müssen wir drei Vierteln der Menschheit an „Wachstum“ zugestehen, was wir uns bereits erlaubt haben. That’s (our) business, as usual. Und von diesem Pfade werden wir mit unserem „demokratischen“ Weltverständnis nicht abweichen: zu gross sind die Interessen, zu gewichtig die Mächte, die sie vertreten. Und am Ende geht es auch um den ganz persönlichen Ast, auf dem jeder von uns sitzt. Freiheit, Gerechtigkeit, Wachstum, Demokratie – das House of Cards wackelt.

Am Beginn meiner Überlegung stand die These, dass wir uns etwas vormachen, nein, dass wir unsere Existenz bedrohen, wenn wir an den Bewertungen festhalten, wie wir sie gelernt haben. Die Dinge haben ihre Seiten, manchmal zwei, öfter drei – vielleicht mehr. „Aus der Mitte der Gesellschaft heraus“ das nachzuplappern, was Generationen vor uns für wert befanden, ist riskant und sogar bedrohlich. Unterwegs meiner Überlegungen hat sich aber auch gezeigt, dass nichts zu gewinnen ist, würde diese These nun ihren traditionellen Gang durch die Institutionen antreten. Denn was auch immer an der These anfangs richtig hätte gewesen sein können, bis zum Ende dieses Prozesses wäre es falsch geworden. Vor allem aber würde Zeit vergehen. 

Es mag nun sein, dass ich die Analysen zum Klima und zum Weltgeschehen falsch verstehe oder überinterpretiere – in dem Fall nehmen wir uns ruhig die Zeit, die es braucht, das Richtige und das Gute zu sortieren; das wäre der übliche Gang der Dinge. 

Wenn ich die Studien und Analysen aber richtig verstehe, gibt es diese Zeit nicht. Deswegen rede ich nicht über positive Beispiele oder die Verantwortung des Einzelnen, nicht von Verordnungen oder Gesetzesvorhaben, technologische Entwicklungen oder Disruptionen, – sondern über Werte. Ich meine, dass ein schneller, radikaler Wandel nötig ist, an dessen Beginn NICHT Lösungen stehen oder Massnahmen, sondern fundamentale Änderungsbereitschaft, ein Wandel in der Haltung.

 

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