Ach, diese Lücke, diese entsetzliche …

Maja Göpel schreibt »Unsere Welt neu denken«

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche …

Nach der Behauptung. Vor dem Entwurf

Buchcover
Maja Göpel: Unsere Welt neu denken"; Ullstein 2020

1.
Es gibt viele lesenswerte Science Fiction, die Zukünfte entwerfen: Ob Utopie oder Dystopie, wir lesen sie zumeist als eine Kritik der Gegenwart. Doch wie in einer unausgesprochenen Verabredung geht mit der Ausgestaltung der Zukunft kein Anspruch auf Gestaltung der Gegenwart einher. Der Ent/Wurf reicht voraus, das genügt. Die Rückbindung zur Gegenwart ist abgerissen. Diesen Anspruch auf Gestaltung wiederum erheben viele andere Werke. Die auch Zukunft versprechen, eine neue Zeit behaupten oder ein neues Denken oder …, aber nicht sagen, wie das aussehen soll. Statt dessen analysieren sie ellenlang den Status Quo ante, vielleicht mit ein paar Zuckerli Gegenwart und einer Safran-Prise Zukunft (viel Farbe, kaum Geschmack). 

Immerhin: weder die Abwesenheit der Gegenwart, noch der Mangel an greifbarer Vision sind a priori K.O.-Kriterien. Gerade wenn es um den Anspruch auf Gestaltung geht, ist ja der Nachweis der Rückbindung, der Anschlussfähigkeit, essentiell. Gesellschaftliche Entwicklungen kommen nur Schrittweise voran, Springprozessionen. Dabei erscheint das Neue zumeist in Begriffen, Neuschöpfungen oder Neuinterpretationen, aus dem Bestehenden entwickelt, um kompatibel zu sein. Alleinstehende Begriffe werden mit Häme und Zynismus –, als Spinnerei oder Utopismus, oft aber eben auch mit historischen Ableitungen („das hat noch nie geklappt“) – ins Abseits verargumentiert. 
Im Regelfall. 

Grenzfälle 

Wo der Regelfall aufhört, in Krisen, steigt die Risikobereitschaft der Autoren, und auch die des Publikums. Dann nämlich, je nach Ausmass der Krise, werden die in der Gegenwart eingebetteten fehlgelaufenen Entwicklungen, Annahmen und Interpretationen augenfällig – und der Korrekturbedarf ist plus/minus unmittelbar. Anders gesagt: Hat eine Krise ein Geschäftsmodell nur ausreichend beschädigt, steigt auch die Bereitschaft, jener ohnehin lange schon virulenten Kritik nunmehr doch Gehör zu schenken und etwas Neues zu wagen. Für den Fall gilt, was Naomi Klein bei Milton Friedman ausgegraben hat: 

„Only a crisis – actual or perceived – produces real change. When that crisis accur, the actions that are taken depend on the ideas that are lying around.“

Aber genau deswegen ist die Feinzeichnung von Ideen unverzichtbar.

 

2. 
Für Autoren, die sich mit Fragen globalen Überlebens schon eine Weile auseinandersetzen, kam zum rechten Zeitpunkt die falsche Krise. So etwas war fällig: die globalen Indikatoren in Sachen Klima/Ökologie, Digitalisierung, Finanzen oder Migration drohten seit Jahren mit Katastrophenpotential. 
Nur Spezialisten hatten eine Pandemie auf dem Zettel. 

Die Veröffentlichungen des Jahres 2019 – bei jenen zum Green New Deal war es besonders auffällig – waren mit einem Schlag …, nein, nicht Makulatur, keineswegs, aber doch nicht mehr aktuell. Der ökonomische Einbruch und das stürmische Deficit Spending markieren eine Zäsur, die zwar die prognostizierte globale Anfälligkeit unter Beweis stellte, ursächlich jedoch war jetzt der Angriff gleichsam aus dem Hinterhalt. Und traf, ganz anders als 2008, sozusagen mittschiffs in die globalisierte Organisation. Die Krise warf alles gesellschaftliche Handeln nicht bloss zurück auf den Staat, sondern gar auf die Region, das Lokale: hier musste gehandelt werden, sofort. Bloss nicht die wertvolle Zeit mit Abstimmungen vertun – und das galt sogar für jene, die nichts taten. 

Das, ungefähr, ist der Rahmen, in dem Maja Göpels (im weiteren MG) Buch „Unsere Welt neu denken“ erscheint: am 28. Februar 2020. Sozusagen nur Stunden bevor das Virus die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit monopolisiert. Grad deswegen ist es so erstaunlich, dass das Buch seither in den Top 10 der Spiegel Bestsellerliste rangiert und diese in den letzten vier Wochen sogar anführt. 

Die Autorin ist Professorin für politische Ökonomie, leitet als Generalsekretärin den Beirat der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen WBGU und ist als solche und vielleicht mehr noch als (eine) Sprecherin der „Scientists for Future“ auch einigermassen bekannt. Neben der vorerworbenen Reputation hat ihr Erfolg jedoch mit dem Ton zu tun, den die Autorin gewählt hat: Das Buch ist, gemessen an seinen ernsten, zuweilen gar düsteren Gegenständen, leicht und luftig. MG redet mit ihrem Publikum, stellt Fragen: Haben Sie gemerkt, dass …?, Sie ahnen schon, worauf das hinausläuft …?, Kennen Sie die Geschichte von …? usw., das dialogische Element ist als Stilmittel durchgängig; fast könnte man von einem Plauderton sprechen. Der Ton ist zwar locker aber auch seriös, den Themen angemessen. Jedenfalls geht er leicht ins Auge; nicht so oft, dass ich 190 Seiten am Stück durchlese. Was MG schreibt ist inhaltlich nicht zu bemeckern. Grob zusammengefasst sagt sie das Folgende:

3.
Die einleitende „Einladung“ mitgezählt hat das Buch 10 Kapitel, die aus einer politisch ökonomischen Perspektive eine „neue Realität“ konstatieren, in der

„Natur und Leben“,
„Mensch und Verhalten“,
„Wachstum und Entwicklung“,
„Technologischer Fortschritt“,
„Konsum“,
„Markt, Staat und Gemeingut“,
„Gerechtigkeit“
und schliesslich das
„Denken und Handeln“

aus einer grundsätzlich geänderten Perspektive betrachtet werden sollen. Diese neue kann nur als eine von einer alten abweichende Perspektive geschildert werden – und insofern werden überkommene Vorstellungen von der Welt heute auf ihre Tauglichkeit geprüft – und für untauglich befunden. Denn die traditionellen, vor allem die politischen und ökonomischen Vorstellungen von der Welt beherrscht – noch immer – die utilitaristische Perspektive eines fiktiven homo oeconomicus, der

„… kennt keine qualitativen Unterschiede zwischen Ressourcen, keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern, keine Kooperation, kein Mitgefühl, keine Verantwortung, weder auf der Ebene des Einzelnen noch auf jener der Gesellschaft, er kennt genau genommen noch nicht einmal so etwas wie Gesellschaft.“ [67]

„Stattdessen sieht die Welt nun so aus:
Wald ist nichts weiter als Holz.
Erde ist eine Halterung für Pflanzen.
Insekten sind Schädlinge.
Und das Huhn ist ein Ding, das Eier legt und Fleisch liefert.“ [41]

Entscheidend für diese fehlgeleitete Weltsicht sind ökonomische Parameter, vor allem Zahlen. MG zeigt, dass es Begriffe und Sichtweisen sind, Theorien, die eben nicht bloss von akademischem Interesse sind, sondern durchschlagen auf die Welt, und dort ursächlich werden für deren Zurichtung. 

„Seitdem ist das BIP die Kennziffer geworden, um Wachstum und damit Wohlstand zu messen. Aus einem Konzept wird eine Zahl, aus einer Zahl folgen Entscheidungen, wird Politik, richtet sich eine Gesellschaft aus. Wie viel Wertverlust und Schadschöpfung sich hinter der Zahl verbirgt, bleibt verborgen.“ [79]

Schadschöpfung und Verluste: Dass im BIP das Beseitigen von Tanker-Unfällen und Katastrophen gezählt wird, nicht aber die Elternzeit und Erziehungsleistung von Kindern – im Gegenteil: die senken das BIP –, ist kein Thema. Mehr noch:

„Die vielleicht eindrucksvollste Definition, was wir mit diesem Indikator abbilden, hat wohl Robert Kennedy, der Bruder John F. Kennedys, 1968 geliefert: »Das Bruttoinlandsprodukt misst alles ausser dem, was der Leben lebenswert macht.«“[79/80]

 Unter dem Diktat lebensabgewandter Theorien ist das Geld der letzte verbliebene Wert, nachdem sich die Befindlichkeit der Menschen, der Unternehmen, der Gesellschaft, ja, der ganzen Welt bemisst. Dass menschliches Glück durchaus mit der Erfüllung grundlegender Bedürfnisse zusammenhänge, aber von immer mehr verfügbarem Geld nicht immer mehr zunehme, sei ein bekanntes, aber auf das Vorsätzlichste ignoriertes Geheimnis dieser Philosophie.

Nachdem nun von den Dächern herab die Spatzen über den Zustand der Ökologie klagen, sei es zugleich aber genau die gleiche fehlgeleitete Denkungsart, jetzt anzunehmen, dass mehr Effizienz, Innovation und neue Technologien den Karren schon würden aus dem Dreck ziehen können. Im Gegenteil, so MG, sei der soganannte Rebound-Effekt hinlänglich bewiesen, nach dem jede Verbesserung oder Einsparung eine nur um so intensivere Aus-Nutzung der jeweiligen Ressource mit sich bringe: eine grössere Festplatte, Beispiel, bringt nicht mehr Platz sondern mehr Daten; technisch weiter entwickelte Motoren – noch ein Beispiel – verbrauchen nicht weniger, weil mit der gewonnenen Effizienz jetzt mehr Leistung aus ihnen herausgekitzelt wird. 

„Technologischer Fortschritt gilt als sichtbarstes Zeichen menschlicher Fortentwicklung. Solange wir aber die Einbettung von Technik in Umwelt und Gesellschaft nicht mitdenken, fehlt uns der Blick dafür, wo sie uns hintreibt. Um in der neuen Realität gut zusammenleben zu können, müssen wir auch unsere Vorstellung von Fortschritt ändern, sonst verschieben wir die Probleme einfach weiter in die Zukunft.“ [117]

Damit nähern wir uns einer der Kernbotschaften der Autorin. Wenn nun das – was man die „einfache Entkopplung“ nennt – nicht hinreicht, also durch Innovation und technologischen Fortschritt den Naturverbrauch abzusenken, dann bleibt nur

„Der zweite Vorschlag für nachhaltiges Wirtschaften … : Wenn sich die Natur bei steigendem Wirtschaftswachstum nicht erhalten lässt, geschweige denn erholen kann, muss eben der materielle Wohlstand sinken. Das kommt natürlich weniger gut an, weil man hier tatsächlich mit weniger zurechtkommen, also Verzicht üben müsste.“ [120]

Kennen wir, haben wir doch schon mal gehört. Weniger Fleisch essen, mit der Bahn reisen, Second Hand Kleidung kaufen etc.. Schon richtig: alles, was wirkt, wirkt, das ist nicht falsch. Doch bei genauerem Hinsehen zeige sich darin nur, nein nicht nur, sondern auch ein perfider Trickbetrug. 

„Und dennoch hat der halbierte Liberalismus es jahrelang auf die einzelnen Bürger*innen abgeschoben, mit ihren Kaufentscheidungen die globale Planetenzerstörung aufzuhalten. Wer etwas für die Umwelt tun will, sollte eben nachhaltig konsumieren. Das war nichts weiter als die Privatisierung des Umweltschutzes. Darüber freute sich die Wirtschaft, …
Und es freute die Politik, weil sie damit um die unangenehme Aufgabe herumkam, etwas auch gegen Widerstände politisch zu regeln, am Ende gar etwas zu verbieten.
Wie weit sind wir damit gekommen?“ [149]

Nicht sehr weit. Wir sind Lichtjahre davon entfernt, die Kosten des Planeten in die Produkte einzukalkulieren. Wir sind Zeitenalter davon entfernt, die falschen Steuerungsmassnahmen und Subventionen abzuschaffen. Und in unserer paradoxen Freiheitsideologie lassen wir uns von den Daten und der Technik gängeln, kontrollieren und nasführen, doch schreien Zeter und Mordio, wenn uns jemand das Gaspedal reguliert: meine FREIheit! … 

Über den Markt wird sich das nie regeln, es ist die Aufgabe des Staates! Bevor der Staat aber Regelungen dekretiert, sei er gut beraten, die Gerechtigkeitsfrage mit zu bedenken:

„Wer akzeptiert, dass es Grenzen gibt, der muss auch akzeptieren, dass Güter und Verschmutzungsrechte endlich sind. Wenn der Kuchen aber nicht immer größer werden kann, stellt sich automatisch die Frage, wie er zu verteilen ist. Wenn die Ökosysteme nur eine bestimmte Menge an Rohstoffen hergeben und eine bestimmte Menge an Abfall und Abgasen aufnehmen können, stellt sich automatisch die Frage, wer wie viel verbrauchen, wegwerfen und ausstoßen darf. Umweltfragen sind immer Verteilungsfragen, und Verteilungsfragen sind immer Gerechtigkeitsfragen.“ [161] 

In diese Gerechtigkeitsfrage hinein sei einzupreisen, dass historisch die USA und Europa für 52% aller bislang in die Atmosphäre entlassenen Emissionen verantwortlich sind. 

„Das relativiert natürlich die Rede davon, dass das, was wir im globalen Norden gegen die Erderwärmung tun oder wenigstens tun könnten, von dem immensen Energiehunger dieser Länder ohnehin wieder zunichtegemacht wird.“ [171]

Und schliesslich müsse man auch über die Verteilung nachdenken. In den Steueroasen der Welt würden in etwa genau jene 8,2 Billionen Dollar geparkt, die nötig wären, um den ärmsten 20% der Weltbevölkerung jene 27 Dollar pro Tag zu gewähren, die es für ein menschenwürdiges Leben brauche.

„… so stellen Oliver Richters und Andreas Siemoneit in ihrem Buch »Marktwirtschaft reparieren« fest: »Eigentum stellt Verantwortung sicher und wirkt der Vernachlässigung entgegen. Diese Funktionen sind richtig und wichtig. Aber Eigentum kann kein Absolutum sein, weil es in erster Linie eine soziale Funktion erfüllen soll, nicht eine individuelle: Es soll Arbeitsteilung unter Unbekannten ermöglichen, nicht Akkumulation. Eigentum muss seine Grenze dort finden, wo es die Freiheit anderer einschränkt, also zu übermässiger Machtakkumulation führt und unweigerlich ermöglicht, zu ernten, ohne zu säen.«“ [175]

In dieser (meiner) Zusammenfassung sind (natürlich) Lücken. Doch worauf es der Autorin wirklich ankommt, bringt sie in wenigen Zeilen zum Ausdruck:

„Und dann fangen wir hoffentlich an, anders über unsere Begriffe und Wertvorstellungen nachzudenken. Und über die Einschätzung, welche Veränderungen machbar oder auch wünschenswert sind.
Vom Produkt zum Prozess.
Vom Förderband zum Kreislauf.
Vom Einzelteil zum System.
Vom Extrahieren zum Regenerieren.
Vom Wettkampf zur Zusammenarbeit.
Von Unwucht zur Balance.
Vom Geld zum Wert.
Mit unserer Sprache und ihren Begriffen drücken wir aus, was wir erreichen wollen und worauf wir achten. Ein Konzept oder eine Theorie zu entwickeln heißt deshalb auch, Grenzen des Denkens abzustecken. Und damit Grenzen unseres Möglichkeitsraumes für Zukunftsgestaltung.“ [95]

 

4. 
Ich bin ja mit fast allem einverstanden, und so wird es den meisten Menschen ergehen, die überhaupt zur Zielgruppe dieses Buches gehören … und es lesen. 
Das ist schon mal das erste Problem. 
Ich ziehe ein anderes vor: 

Sicher, man kann Tierfilme drehen oder Heile-Welt-Geschichten erzählen; doch wer die Welt am Beginn des 21. Jahrhunderts verantwortlich zu beschreiben versucht, muss über die Risiken sprechen, die die Existenzbedingungen auf diesem Planeten gefährden. Da geht es um’s Ganze, um den drohenden Untergang der Zivilisation; die Diagnose ist allgegenwärtig. Zugleich sind die Dimensionen dieser Diagnose vom Einzelnen kaum noch zu fassen, während die Multi-Dimensionalität etwaiger Lösungen, wenn sie denn eben diesen Realitäten gerecht werden sollen, sich jeder einzelnen Kapazität entzieht. 

Weil das so ist, wechseln wir (Autoren) die Ebene und versuchen, den Herausforderungen auf der Metaebene zu begegnen. Wir verdichten, fassen zusammen, abstrahieren. Es geht nicht anders, doch führt es ins Allgemeine, ins Appellative, man muss über die Blindstellen hinweg behaupten (ich weiss das, mir geht es ja genau so). Zwar kann man das sachlich kühl oder emotional aufgeladen konstatieren und pragmatisch oder visionär angehen wollen. Doch die verschiedenen Stile oder Formate ändern nichts an einem letztlich unzureichenden Zugriff.

Das also ist das zweite Problem: Du kannst die Welt nur noch auf der Metaebene beschreiben – doch die Verallgemeinerungen, zu denen Dich das nötig, werden der Komplexität nicht gerecht. Zu viele Sachverhalte, zu viel Dynamik, zu viele Wechselwirkungen. Da … gefährdet die demographische Entwicklung den Generationenvertrag, da muss der Einzelne auch privat vorsorgen. Nur: dann zersiedelt und versiegelt sein Eigenheim die Fläche. Und dann halbiert das Windrad nebenan den Wert des Eigenheims. Am Ende fällt der Rentner den Sozialkassen zur Last, denen aber die Einnahmen fehlen, weil die Digitalisierung…, die wiederum der globale Wettbewerb … usw. – endlos. 

Zuvor aber käme das erste Problem, das sich hinter meinem – eigentlich grundsätzlichen – Einverständnis versteckt, nämlich dass ihr Buch weder die eigentliche Zielgruppe (platt gesagt: die Entscheider der Staaten und Konzerne) noch das eigentliche Ziel erreicht (jenen Massnahmenkatalog zu benennen, der die Flughöhe der Probleme reflektiert). MG schreibt ein Buch, das den bereits Überzeugten aus der Seele spricht, aber eben auch eines von der Sorte Apfelbäumchen pflanzen. Alle, die guten Willens sind (und wer wäre das nicht), müssen doch einsehen, dass … 

Ja, selbst wenn! Dem gegenüber steht – MG sieht es selbst – die „Tyrannei der kleinen Entscheidungen“: Menschen entscheiden über ihre Handlungen aus ihrer individuellen Rationalität – mein Vorteil und meine Sicherheit, mein Leben und meine Kinder, etc.. Wem wollte man daraus einen Vorwurf machen, aber in Summe sind diese Entscheidungen die Bausteine der Katastrophe.

„Das ist das Vertrackte an der Tyrannei der kleinen Entscheidungen: dass sie keine übergeordnete Instanz kennt, die von einer höheren Perspektive aus überprüft, ob die Summe der Einzelinteressen tatsächlich für alle einen Nutzen herbeiführt.“ [144]

 

5.
Wo das Ganze bedroht ist, das sage jetzt ich, geht es um’s Totalitäre. Verantwortlich dafür ist der Faktor Zeit. Wenn das Schiff auf den Eisberg zusteuert, das ist abgedroschen aber einleuchtend, ist die Diskussion ein ungeeignetes Mittel: Es braucht EINE Entscheidung, die – deswegen totalitär – auch noch die richtige sein muss; für einen zweiten Versuch reicht die Zeit nicht. Und so duldet sie auch keinen Widerspruch. 

Ich konzidiere bereitwillig, dass die Art wie MG denkt und auftritt, durchaus Erfolg haben wird – auf Dauer; nur habe ich (zum Beispiel an der Geschichte der Grünen) gelernt, was auf Dauer bedeutet. MG sieht und schreibt selbst, dass für eine radikale Klimawende nur noch acht oder zehn Jahre Zeit sind, aber sie sieht und schreibt nicht, wie lange es dauert, bis ihre honorige Überzeugungsarbeit Ergebnisse erzielt. Das ist keine Kritik der Überzeugungen, es ist eine Kritik aus den Tatsachen!

Es liegt auf der Hand, dass am Ende ihrer Analyse der Staat die letzte verbliebene Instanz ist, die für die Problemlösung überhaupt in Frage kommt: zu recht denunziert MG die Verlagerung des Umweltschutzes in die Verantwortung des Einzelnen (s.o. Zitat S. 149) – immer versehen mit dem Hinweis, dass das Handeln des Einzelnen nicht schon deswegen unnütz oder sinnlos wird, weil es weder im Einzelnen noch in Summe an die Problemhöhe heranreicht. Immerhin, und auch das ist ein bewunderswerter Aspekt ihrer Arbeit, berät sie die Regierung in eben jenen Themen, die sie sich auf die Fahne geschrieben hat – und agiert dort vermutlich weit effizienter, als es ein Buch überhaupt könnte. Aber eben nur eine; die Lage dagegen ist eine globale.

Meine Kritik an diesem Buch lässt mich selbst nicht unberührt. Die Zeiten der Analyse, der Beschreibung, der Überzeugungsarbeit, naja …: wie wir an den Parteienpräferenzen in der deutschen Wählerschaft leicht erkennen können – sie sind nicht vorbei. Doch es gibt einen kritischen Punkt, den alle, die sich in dieser Überzeugungsarbeit verkämpfen, ignorieren: 

Es fehlt – in der Tiefe der Bevölkerung wie in der Breite der politischen Entscheider – nicht an Kenntnissen oder Informationen. Das ZDF-Politbarometer vom 29. Nov. 2019 stellte fest, dass 65% aller Deutschen sich grosse Sorgen um den Klimawandel machen und 60% der Meinung sind, dass zu wenig getan wird. Die Corona-Krise überdeckt das vielleicht, aber doch nur für den Augenblick. Was sie nicht verdeckt und was jetzt fehlt, um die offenbar immer noch nicht Überzeugten … aber es ist ja schlimmer: um auch die bereits Überzeugten … zu gewinnen, sind nicht weitere Analysen, sondern pragmatische Konzepte und überzeugende Strategien, „wie-es-denn-gehen-soll“!?
Die Gesellschaft verharrt im Falschen, auch weil eine Alternative nicht zu erkennen ist. 

Denn dazu gilt es, drei grundsätzliche Hürden zu nehmen. In meinen zwei Jahrzehnten als Unternehmensberater habe ich stets zwei Fragen beantworten müssen: 

„Was ist das Ziel?“ und
„Wie kann das gehen?“

– und offen gestanden: ich habe die Kollegen von McKinsey sehr beneidet, die sich (zumindest damals) stets nur die erste Frage vorgenommen haben. Das ist die erste Hürde: ein glaubwürdiges, überzeugendes Ziel, das sich ins Grundsätzliche, Systemische wagt und nicht im Klein-Klein stecken bleibt. Für die zweite Hürde sind die Qualitäten, mit denen die erste zu nehmen wäre, beinahe ohne belang; denn man macht sich angreifbar, wenn man die schicke Strategie mit den Niederungen der realen Realität konfrontiert. An ein paar Stellen geht die Autorin dieses Risko ein: wenn sie davon spricht, was der Staat regeln sollte. So plädiert sie mit Nachdruck für eine Regulierung des Marktes, nennt beispielhaft den Agrarmarkt und die Landwirtschaftssubventionen. Sie ist auch für eine globale Umverteilung und nennt beispielhaft die gigantischen Vermögen in den Steueroasen. Aber, ich kann das aber nicht vermeiden – die Vorschläge bleiben punktuell und in der Umsetzung unkonkret; als Ansatz ist das zu wenig. Vor allem: keiner ihrer Vorschläge wird umgesetzt werden, solange nicht das System selbst auf die Agenda kommt. Als wären die zwei Hürden nicht hoch genug, kommt mit der dritten Hürde die wahre Herausforderung: die Tücken des Richtigen und Guten lauern in der Dialektik von allem: Jede Zielerreichung verlangt einen Preis und fast immer bucht der vom Konto des Guten. Wir haben uns über viele Jahre mit Win-Win-Erzählungen belogen, in dem wir, beispielsweise, die Fremdlasten ausgeblendet haben. 

In der politischen Kommunikation eskaliert dieses dreifaltige Schisma: Jeder weiss was und jede weiss es besser. Hier etwas „wirklich erreichen“ zu wollen, erweist sich unter diesen Umständen als der schönste Karrierestopper. Alles wird zerredet, kein Plan bekommt die Zeit, die es braucht, „alle“ blockieren – egal was – so gut sie können. Das dabei schlussendlich obsiegende Mikado eines bewegungslosen Vorankommens fasste Alan Greenspan in seinem legendären Diktum:

„I know you think you understand what you thought I said, but I'm not sure you realize that what you heard is not what I meant.“

Die Indifferenz befördert das Weiter-so, aber sie war bereits in Zeiten falsch, als das, was wir heute als katastrophisches Ergebnis vorfinden, noch unter der Leitidee „Wachstum & Wohlstand“ gefeiert wurde. Gerade hat uns die Corona-Krise die Dimensionen gesellschaftlichen Handelns vor Augen geführt, sowohl, was das Tempo der Entscheidungsfindung betrifft, als auch die Vielfalt und das quantitative Mass der Entscheidungen. Und die Pandemie ist, sozusagen, nur eine nur-1-Faktor-Krise. 

 

6.
Ich fass das noch mal zusammen: Es genügt nicht, das Richtige und Gute zu wollen; das ist zwar schon OK, aber den Schritt haben wir – eigentlichlängst – hinter uns. Jetzt geht es darum, auf der Ebene der Planung und der Umsetzung Punkt für Punkt zu zeigen, wie es gehen soll. Maja Göpel adressiert das System, aber sie fasst es nicht an. Jetzt wäre der Mut gefragt, einen Vorschlag für das Ganze zu machen.

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