Vom Zählspiel zum Endspiel

DefCon 2

Kriegsgewinnler und Verlierer

26-04-2022
 

Macron!
Nur kann es kaum ermutigen, wenn mal eine von den vielen Nachrichten weniger katastrophal ausfällt. Meine Haltung zu Macron ist eindeutig zweideutig: als Europäer halte ich ihn für (nahezu) unersetzbar, ob ich das als Franzose auch so sehen würde, ist zumindest fraglich. Was soll’s! In Unkenntnis der nationalen französischen Details bleibt mir nichts übrig, als das Kleingedruckte zu ignorieren.

TIMElabs Montage • Buchtitel © Suhrkamp Verlag

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0.
Ausserdem, wie gesagt, war ich abgelenkt.

Denn die übrige Nachrichtenlage ist von Schrecknissen nur so am überlaufen!
Das Schrecklichste dabei, wie man sich an alles gewöhnt.

Zwei Monate Krieg – Doch? Schon? So lange?
Butscha, Mariupol, Tote, Flüchtlinge, Selenskyj, Melnyk, jaah, schrecklich, jeeeden Tag!

Die Haut wird dicker, irgendwie.

Je länger es dauert, wenn der Schrecken nachlässt und das Nachdenken einsetzt, oder sagen wir: wieder Futter findet, … und nicht jeder Gedanke ist koscher, dann verwässern Fragen die Empörung. Ich will nicht darin nachlassen, in Putin einen Mörder und einen Darth Vader der Geschichte zu sehen; nur kann ich mich auch nicht damit zufrieden geben.

I.
Seit einigen Tagen denke ich über die finanzielle Seite des Geschehens nach. Sicher, da stehen zuerst die Milliarden für die russischen Energielieferungen auf dem Zettel. Auch beim zweiten und dritten Nachdenken komme ich nicht zu dem Schluss, dass Deutschland (und, übrigens, Europa im Schlepp) selbst diese Kontrakte aufkündigen sollte. Würde es von Putin verordnet: schlimm genug, aber es vorsätzlich herbeizuführen, halte ich nicht für verantwortbar.

Dabei fühle ich mich wie aus der Welt gefallen, wenn ich die brustempörte Moralfraktion von der WELT höre, Frau Will, Frau Banerjee, der halbe Deutschlandfunk, bis hin zur taz und zur ZEIT …, die sich, wie auf Verabredung, alle gemeinsam darin gefallen, Herrn Scholz aus der Regierung hinaus kommentieren zu wollen. Es verunsichert mich: Ampelkaypse, so will es Herr Wefing am Horizont erkennen; und mit Inbrunst und offenem Hemd zitiert er „unsere osteuropäischen Nachbarn“, die allesamt den Deutschen mal zeigen, wie man mit einem Diktator umgeht.
Dass unsere polnischen Freunde gerade ihre Justiz schleifen, dass unsere Vizegrád-Freunde von einem Verteilungsschlüssel nichts wissen wollten, als es um Syrien ging, dass Herr Orban seinen Protofaschismus von der EU finanzieren lässt, je nun,
Tempora mutantur.

Und alle wollen sie schwere Waffen liefern! Tschechien hat, berichtet die Deutsche Welle, schon mal „mehrere Dutzend“ T-72 Kampfpanzer geliefert (die 72 steht dabei für das Jahr, in dem die erstmals gebaut wurden),

„Slowenien wäre wohl bereit, Panzer aus Sowjetbeständen an die Ukraine abzugeben. Zum Ausgleich hat Deutschland dem Land Schützen- und Spähpanzer der Typen Marder und Luchs angeboten. Laut der Nachrichtenagentur dpa fordert Slowenien aber die modernen Nachfolgemodelle Puma und Boxer sowie den Ersatz der Kampfpanzer durch den deutschen Leopard 2.“

Honi soit qui mal y pense.
Überhaupt dieser ganze Ringtausch, jetzt nenn mich einen Haderlump, aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, als sähen die hilfsbereiten Osteuropäer hier eine günstige Gelegenheit, ihren Metallschrott zu hochmoralischen Konditionen bei den USA, Deutschland und anderen NATO-Freunden mal eben gegen die jüngste Waffentechnik einzutauschen. Oder nimm diese Superidee, polnische MiGs über Ramstein auszuliefern, und das auch noch lauthals per Pressekonferenz vorzuschlagen.
Ich denk mir dann still: andere Staaten haben auch schlaue Politiker.

Überhaupt bin ich ja immer noch angeschlagen von der diplomatischen Kriegsführung. Nur, wenn man dann mal etwas genauer hinschaut, stellt man fest, dass die „Zögerlichkeiten“ ziemlich verbreitet sind. Auch die USA haben bislang kein schweres Gerät geliefert und lehnen es weiterhin ab,

„Vergangene Woche hatte das Pentagon dann angekündigt, schnellstmöglich 18 Feldhaubitzen mit 40.000 Schuss Munition, 300 "Rucksackdrohnen" vom Typ Switchblade und 300 gepanzerte Fahrzeuge zu liefern sowie elf MI-17-Transporthubschrauber russischer Bauart…“ DW vom 22.04 (!); Quelle s.o.

… während nur die deutsche Regierung einen täglich frischen Shitstorm dafür kassiert.

II.
Finanzen, hatte ich angesetzt, darüber denke ich nach. Die WELT hat folgende Zahlen zusammengezählt:

„In absoluten Werten haben die USA mit umgerechnet rund 7,6 Milliarden Euro die größten Zusagen gemacht, gefolgt von Polen, Großbritannien und Deutschland. Alle EU-Länder zusammen kommen den Angaben zufolge auf rund 2,9 Milliarden Euro, plus 1,4 Milliarden Euro aus den EU-Institutionen und 2 Milliarden Euro von der Europäischen Investitionsbank.“

Fast 13 Mrd! – der ganze Staatshaushalt der Ukraine belief sich 2019 auf grade mal 40 Milliarden.

Jetzt meine Frage: Wessen Geld vergeben die Regierungen und warum?
Richtig; es sind Steuergelder, und deswegen ist das Warum? so wichtig. Jede Regierung kann mit der Kohle ihrer Leute machen was sie will, solange sie eine Legitimation für ihr Tun findet. Deswegen ist „die Öffentlichkeit“ die zentrale Instanz im Krisenmanagement: Solange die Journalisten z.B. unseres Landes – unisono – das Herumgeeiere und Hadern des Kanzlers beschimpfen, muss der sich wenigstens um die Finanzierung keine Sorgen machen. Das gilt für die EU gleichermassen, und nur vordergründig erstaunlicher handeln die USA. Naja:

Wer jetzt glaubt, dass die Staatengemeinschaft der Ukraine das viele Geld gibt, weil der Selenskyj so ein netter und mutiger Kerl ist, oder der Herr Melnyk so überzeugend argumentiert, der möge noch mal kurz bei Yanis Varoufakis („Adults in the Room“ ab ~ Seite 300) nachlesen.

There’s no free lunch!

Die freundlichen Zuwendungen landen nach Abzug gewisser Aufwandspauschalen postwendend auf den Konten einschlägiger Lieferanten: Raytheon, Lockheed Martin, vielleicht auch ein Tortenstückchen für Rheinmetall, Thales, Bayraktar (die Familie Erdogan will auch von was leben) je nun, die exakte Stückelung kennen wir nicht.

Man könnte also sagen: BIP über Bande.

Nicht zu sprechen von dem Sondervermögen: die 35 Stück F35, Stückpreis 100 Millionen US $, werden übrigens bei Lockheed zusammengelötet; die 60 Chinook CH 47F Transporthubschrauber, Stückpreis Ø 30 Mio $, soll Boeing liefern.
Nicht zu sprechen von dem (ökologisch gruseligen) Fracking Gas, das hoffentlich bald über die LNG-Terminals anlandet.

Und wenn wir schon im zynischen Fach gelandet sind – vielleicht findet sich auch für die Gas-Milliarden noch eine brauchbare Begründung:

Denn dank der russischen Energie funktioniert unsere Wirtschaft weiterhin den Umständen entsprechend gut, während die russische, Dank der orchestrierten Sanktionen, bereits auf den Eisberg aufgefahren ist. Zwar finanzieren die europäischen Abnehmer den russischen Krieg (übrigens entfallen auf Deutschland dabei etwa ein Drittel (!) der europäischen Importe) – sagen wir: anteilig, denn die russischen Kosten werden von der Hertie School of Governance auf 7 (nach anderen Quellen bis zu 20) Mrd $ geschätzt, täglich. Aber Dank der „abgestimmten“ NATO-Unterstützung gelingt es unseren Ukrainischen Freunden, die Kriegsanstrengungen Russlands sogleich wieder einzuschmelzen, Motto: Schwerter zu Altmetall:

„Nach Angaben des ukrainischen Militärs (13. April) wurden bisher 739 russische Panzer sowie 1964 weitere gepanzerte Fahrzeuge zerstört. Außerdem wurden etwa 158 Kampfflugzeuge und 143 Hubschrauber vernichtet. Die russische Armee habe etwa 19.800 Soldaten verloren (13. April). Auch in westlichen Geheimdienstkreisen ist die Rede von erheblichen russischen Verlusten.“ So kolportiert es das Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Natürlich bezahlt die Ukraine mit Infrastruktur und Menschenleben teuer für diese „Erfolge“, aber dem expliziten US-Kriegsziel, Russland zu schwächen, wäre der Vorgang durchaus dienlich.

Was mir also beim Nachdenken eins ums andere Mal schmerzhaft auf den Kopf kippt, sind die Potemkinschen Politikfassaden, die nach vorne ihre Moral ausstellen und hintenherum das altbekannte Geschäftsmodell des Westens pflegen.

IV.
Ein letzter Punkt, eigentlich ist es der Kern des Geschehens überhaupt, ist die Frage nach dem Sinn vom Ganzen.
Für die überfallene Ukraine geht es um die Existenz; sie muss sich mit der Sinnfrage nicht herumschlagen.
Für die USA, die NATO und vielleicht auch für Europa, ist es eine Art doppelter Testlauf, in dem die Fähigkeiten der russischen Armee mal ganz praktisch ausgetestet werden können, zugleich auch die Bündniskräfte und der Zusammenhalt auf dem Prüfstand stehen. Die Legitimation für die Umverteilung von Steuergeldern ist sozusagen ein Beifang.

Unklar dagegen ist der Vorgang aus russischer Sicht. Der ökonomische, auch der politische Schaden (für Russland) ist unübersehbar katastrophal und offenbar Ergebnis einer massiven Fehlspekulation. Aber am Beginn dieser Spekulation muss doch eine Vorteilserwartung oder eine Gefahrenabwehr gestanden haben. Der Zugang zum Schwarzen Meer konnte nach der Annexion der Krim als gesichert gelten; die Ausbeutung Ukrainischer Energievorkommen hätte eine so langwierige Vorlaufzeit, dass es für ein Kriegsziel eher nicht in Frage kommt. Der Versuch, Europa und die NATO zu schwächen, hat sich eher ins Gegenteil verkehrt, eine etwaige Neutralität der Ukraine in einem Friedensschluss oder Waffenstillstand wäre teuer erkauft. Hhm.

V.
Eine letzte, tatsächlich abenteuerliche Spekulation begründet sich nur aus der fehlenden Logik des Überfalls.    

Die Entscheidungen die Menschen im Leben treffen, korrelieren mit den Bedingungen und Umgebungen, in denen sie sich befinden – einen Augenblick Geduld, ich habe da einen Punkt. Dort spielt die Überlegung, dass man „sich immer zweimal trifft im Leben“ eine bedeutende Rolle, denn sie reguliert Impulse und Aggressionen. In der mittleren Lebensphase dominiert dann eine kalkulierte Durchsetzung: Man trägt ein Haifischlächeln im Gesicht und Rasierklingen an den Ellbogen, aber in Abwägung verschiedener Opportunitäten verpackt man sie auch dann und wann unter den ledernen Ärmelschonern. Je älter Menschen werden, genauer: je weniger sie sich als „berufstätig“ definieren, desto unwichtiger wird „die zweite Begegnung“, aber auch der Durchsetzungswille. Manchmal erschein der als Notwendigkeit – jetzt lässt er nach (Altersmilde): die Ziele sind erreicht oder unerreichbar geworden. An die Stelle der Opportunitäten treten dann mehr und mehr Fragen und Entscheidungen von der Art: „Will ich das – wirklich? – Ja, dann tue ich es auch.“ (Altersradikalität). Und, je nach Persönlichkeit und Lebensstandpunkt, kommt auch die Frage auf: „Soll das mein Vermächtnis sein?“

Wie so oft, wenn ich ins Fach der Küchenpsychologie wechsle, ist die treibende Kraft dahinter die Suche nach einem Muster:
Herr Putin ist 69 Jahre alt; im mittelseichten Boulevard wird über seine etwaigen Krankheiten spekuliert, Isolation, Krebs, Parkinson, Realitätsverlust, Starrsinn … Nun kenne ich Herrn Putin nicht, also: was weiss denn ich! Was ich aber weiss ist, dass die Gauss‘sche Verteilung sich „über allem“ ausbreitet, und so finden sich „irgendwo unter so einer Glockenkurve“ – sei es nun die Verteilung von Parkinson in der männlichen russischen Bevölkerung oder die Verbreitung von Realitätsverlusten unter alternden Machthabern – auch die Physis und die Psyche eines Herrn Putin.
ewiss könnte er noch 10 Jahre leben, aber seine aktuellen und jüngeren Entscheidungen lassen den Verdacht zu, dass er sich im Endspiel befindet.

Richtig ist: Unbekanntes kann man nicht interpretieren! Weil ich aber so spekuliere, erscheinen mir andere Spekulationen weniger tragfähig, wenn nicht sogar müssig, in denen Ratio, Ziele und Zwecke, Strategie und Taktik die dominierende Rolle spielen. Es gibt sie … wohl … auch, und eher als Rationalisierung oder genauer Nach-Rationalisierung, aber mir scheint, diese Art des „Denkens und Handelns in der Lebensmitte“ hat Herr Putin hinter sich.

Das ist sehr gefährlich: „Verbrannte Erde“ ist als historischer Topoi in Deutschland besser bekannt, als anderswo. Ich würde darauf wetten, dass im Kanzleramt vergleichbare Überlegungen existieren.

Noch ein Wort zu den praktischen Konsequenzen: Während in vielen Teilen der Welt und der Presse der Überfall auf die Ukraine als ein Showdown, um nicht zu sagen: ein Hahnenkampf, zwischen Putin und Selenskyj (oder Joe Biden) kommentiert und behandelt wird, erscheint mir die Sicht eines Olaf Scholz eher als die eines Polizei-Spezialisten, vor dem ein Selbstmordattentäter mit dem Daumen auf dem roten Knopf steht.

Während das eine Szenario einem „männlichen Ritual der Eskalation“ folgt (eine überaus breitbeinige Prozedur vom Aufmarsch … über das schwere Gerät … bis zur ultima ratio, den Atomwaffen), wird in dem anderen Szenario ein Weg nach Sun Tse gesucht, den Attentäter zu ermüden, zu isolieren und so den Schaden der (unvermeidlichen?) Explosion so gut es geht zu begrenzen. Diese Szenarien, weil ich von praktischen Konsequenzen sprach, gehen nicht zusammen!

Tja. Naja, was man halt so denkt, bei der Nachrichtenlage …

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