Krisen. Gründerzeit.

Der Bauch des Covidioten

Krisen. Gründerzeit.

Innovation beim Verzicht

I
Der Humanismus sei die Krankheit des Planeten – ich zitiere Yuval Noah Harari (Homo Deus) aus dem Gedächtnis. Es ist die resignierte Einsicht eines breit und tief gebildeten Diagnostikers, der nicht länger verdrängen kann, dass der Mensch stets und rücksichtslos seine Zwecke verfolgt, und sei es wider alle Vernunft. Es waren die Berichte über 20.000 und mehr Demonstranten in Berlin, die  „gegen Corona“ protestieren und gegen die „Einschränkung der Freiheit“ durch die Regierung, die mich an Harari denken liessen. Und an die Geissel meines Lebens:

Seit nunmehr 35 oder 40 Jahren erkläre ich jedem, der es hören will (oder nicht), dass ich an kaum etwas mehr zu leiden und auch zu verzweifeln habe, als an der Gauss’sche Verteilungskurve. Sie ist wahrhaftig eine Geissel der Menschheit! Die Bedeutung dieser Kurve habe ich in der Schule gelernt, aber erst als Student wirklich begriffen, als ich mich – übrigens nachdem mich Robert Musil beleidigt hatte, indem er mich und mein Leben zum blossen Datenpunkt erklärte – im Studium Generale auch mit Fragen der Statistik (und der Wahrscheinlichkeit, auch so eine Geissel) befasst habe. Das Leiden an dieser Kurve ist die Einsicht, dass die Mehrheit dumm ist, und das wiederum ist eine Einsicht, die nur arrogant klingt, tatsächlich aber statistisch, nämlich definitionsgemäss unabweisbar ist. 

Damit sollte klar geworden sein, dass ich die Demonstranten von Berlin für grenzdebil halte, ABER! Das hindert mich nicht, das drängende Bedürfnis zu verstehen, den ganzen Irrsinn der Corona-Krise abschütteln zu wollen. Das Leben, wie wir es gekannt haben, scheint verloren, auf lange Zeit jedenfalls, und das ist – in einer katastrophalen Gemengelage aus existentiellen Ängsten, Verlusten und Beschränkungen – in den hochverdichteten Städten und Metropolen besonders schwer zu ertragen. Ich verstehe das ausdrücklich – obwohl ich das daraus abgeleitete Verhalten für bekloppt halte. 

II
„Zirkus ohne Zuschauer“, „Es gibt nichts zu vermissen“, „Die Party ist vorbei“, so und in vielen Facetten ähnlich lauten die Überschriften, in denen sich die ökonomische Bedrohung der Kinos, Theater, Clubs und, zusammengefasst, aller kollektiven Veranstaltungsformate widerspiegelt – Reisen, Einkaufen, das „irgendwo dabei sein“ inklusive. 

Das kulturelle Grundnahrungsbedürfnis ist – Überraschung – nicht von der Gauss’schen Verteilung erfasst: es erfasst alle und jeden! Lediglich die Zu- oder Aufbereitungsformen, die Medien und Formate sind verschieden und dann wieder „normal verteilt“: von TV bis Youtube, von life bis gestreamt, von Oper bis off off usw.. Verschieden wirkt auch der Entzug: Bist Du 18, 20 oder auch noch 30, und wer weiss, wie lang das geht, dann lechzen Deine Synapsen nach Erfahrung, nach Leben, Begegnung, Rausch, Ekstase, Sex; Augen und Ohren, Körper und Seele, alles zerrt nach draussen, wo „Das Andere“ ist. Was ist denn das Leben – SONST? Und jetzt soll ich mich tot stellen?  

III
An Krisen herrscht kein Mangel! Corona hat die Welt überrascht, wenigstens alle, die nicht vom Fach sind. Andere Krisen werden uns weniger überraschen: Das Klima, die Digitalisierung, der nächste Finanzcrash, die Migration. Über diese Krisen wissen wir, wenn auch nicht „alles“, so doch alles, auf das es ankommt. Diese vier apokalyptischen Reiter ziehen ihre je eigenen Bahnen; dass sie uns treffen werden, ist nicht die Frage, und auch für das Wann fehlen nur noch die Details. 

Jetzt kommt es zu dieser eigentümlichen Koinzidenz: 

  • Corona ist gut für’s Klima. 
  • Corona ist auch gut für die Digitalisierung. 
  • Sogar auf die Migration hat Corona einen ausbremsenden Einfluss. 

Dass Corona auch für die Finanzen gut wäre, nein – das kann man dann doch nicht behaupten. Naja, und die Migration – pausiert allenfalls, die Digitalisierung – auch so ein zweischneidiges Schwert. Bleibt das Klima. Niemand kann übersehen, dass die Entlastung, die eine rückläufige Ökonomie auf die CO2-Last hat, mit Schäden und Verlusten erkauft werden, die tiefe Spuren in zahllose Lebensentwürfe ziehen. Das ist das eigentümliche, besondere an dieser Koinzidenz: die positiven Anteile der Effekte haben lediglich Verweischarakter: In diese Richtung könnte und sollte es vielleicht gehen, aber doch nicht – so!  

IV
Nun musst Du diese kleine Rechenaufgabe nur noch zusammenführen: Das Leben in der Krise ist scheisse. Die Sehnsucht nach Leben und Erleben wird mächtig, wenn nicht übermächtig. Blöd irgendwie, dass dieses Leben und Erleben, nämlich die Freiheit, von anderen Krisen bedroht ist, die durch eben diese Freiheit entstehen. Corona zeigt, wie sich das anfühlt: zum Weniger hin! Jetzt kannst Du natürlich mit den Füsschen aufstampfen und dreimal „Ich will nicht!“ rufen. Aber das hilft ja nicht.

V
Vor 20 Jahren zerlegte p2p/filesharing das Geschäftsmodell der Musikindustrie. Das war ein Modell der Verknappung. Für 100.000 verkaufte Alben gab es eine Goldene Schallplatte. Heute bringt es Apache 207 bei Spotify auf  5.300.000 Hörer im Monat. Kommen Apple Music hinzu, Google Play, Deezer … In Summe bringt es Apache 207 zusammen fast 8 Mio Hörer monatlich. Aktuelle Songs werden zwischen 8 Mio Mal („Unterwegs“) bis 208 Mio Mal („Roller“) gestreamt, je nach Song. Bei den aktuellen Payments hat der Song „Roller“ rund 650.000 Dollar eingebracht (allein von Spotify). Dagegen bekommt eine Band vom Verkauf einer CD etwa 2,80 €; bei einer „Goldenen“ also rund 300.000 €. Der Punkt, um den es hier geht, ist nicht, ob diese Vergleiche bis auf’s Komma korrekt oder auch nur zulässig sind (sicher nicht), sondern dass das Geschäftsmodell der Verknappung dem Geschäftsmodell der Vollversorgung unterlegen ist.

Die Musikindustrie hat ein, wenn nicht zwei Jahrzehnte gegen die Digitalisierung und die Disruption ihrer Branche angekämpft – vergeblich. Dabei sind ihr wesentliche Teile ihres Geschäftes aus der Hand genommen worden: von Apple, Spotify, Google …, schlau war das nicht. 

Der Analogschluss, auf den ich hier zusteuere, hat seine Pros und Cons. Eine simple Gleichsetzung von Präsenz- und Digitalveranstaltungen würde gewiss in die Irre führen. Ich habe einmal in Zürich ein Konzert von Nik Bärtsch gehört, und es war das beste Konzerterlebnis meines Lebens. Es war ein Cluberlebnis, eine Überraschung, eine Ausnahmesituation, es war Urlaub … und eine Reihe anderer Faktoren haben dieses Erlebnis einmalig gemacht. Wer hätte nicht ähnliche Erinnerungen! Wer hätte nicht Sehnsucht, das irgendwo, irgendwann wieder zu erleben. Gestern habe ich auf ARTE Ausschnitte eines historisches Pink Floyd-Konzertes gehört: es war eher komisch als gut, regelrecht steril, unscharfe Bilder, hässliche Nahaufnahmen, im Ganzen: Langeweile. Wieder kann man das Eine mit dem Anderen nicht vergleichen, doch der Punkt, um den es geht ist, dass in dem Club in Zürich die Luft gebrannt hat und vor dem TV-Screen allenfalls das Teelicht.

VI
Ein Freund hat mir einmal gesagt: bei genügend vielen Toten klappt das auch mit der Transformation. Ich fand das eine zynische Betrachtung; Corona zeigt, dass der Freund „Wir sind das Volk“ eher realistisch einschätzte. Doch die Corona-Krise wird vorübergehen. Ganz bestimmt. Klaus Cichutek, Professor und Chef vom Paul-Ehrlich-Institut glaubt das – und ich auch. Die kommenden Krisen dagegen drohen mit einem längeren Atem. Jetzt haben wir den dritten Dürre-Sommer, im Wald hinterm Haus liefern sich Windbruch und des Borkenkäfers Kahlschlagflächen einen munteren Wettstreit. Noch denken wir in Alternativen und sinnen auf Abhilfe. „Aufforsten“ oder „klima-resistente Pflanzensorten“. In absehbarer Zeit jedoch werden wir in Alternativen des Verzichts denken müssen.

In anderen Worten: es geht um das Einüben der Zukunft. Die Demonstranten aus Berlin werden nicht weniger, wenn die Verhältnisse schlechter werden. Dabei könnte man so eine Demonstration, bei Lichte besehen, noch in der Kategorie volkswirtschaftlicher Luxus verbuchen – verglichen mit Aufruhr und Aufständen oder Umstürzen und Putsch-Versuchen. Aber genug! 

Wenn ich über die Alternativen des Verzichtes nachdenke, so vor allem in Kategorien von Innovation. Etwa in dem Sinn, dass virtuelle Reisen einfach besser werden müssen, wenn reale Reisen ausfallen. Street View hat die Messlatte hochgelegt, aber da geht viel mehr. Oder in dem Sinn, dass digitale Konzerte lange noch nicht da angekommen sind, wo MMOGs lange schon sind. Der Künstler und auch der Redner braucht den Kontakt zum Publikum, schon klar, aber mit einem Rückkanal im Breitbandformat liesse sich schon einiges anstellen. Oder in dem Sinn, dass Amazon ein Einkaufserlebnis verschafft, das sich von Penny, Lidl oder Heizöl bestellen nur unwesentlich unterscheidet.

Damen und Herren: es ist Gründerzeit. 

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