Die Verengung des Möglichkeitsraumes

Armin Nassehi versus Niko Paech

Die Verengung des Möglichkeitsraumes

In Gefahr und grosser Not ... 

Armin Nassehi, Niko Paech
Nassehi versus Paech (© Raimond Spekking-Wikipedia, Marcus Sümnick-Flickr)

... bringt der Mittelweg den Tod. 

So klug sprach dereinst Alexander Kluge.
Gott nee, wat is das lang her! 

Vernunft

Diejenigen meiner Freunde, die mich für alt genug halten, um vernünftig zu sein, sind im Unrecht. Die Vernunft ist eine Betschwester, überhaupt ist sie die falsche Schwester von Ratio und Logik, korrupt, feige, an Brot und Butter interessiert. Der Appell an die Vernunft meint, das Eigentliche zu unterlassen, sich in den Mainstream zu ducken, das Richtige zu leugnen. Auf jeden Fall ist die Vernunft keine intellektuelle, sondern eine soziale Parteigängerin, kindisch in ihrem Drang zur Anpassung, unreif – wie übrigens auch vom Gegenteil her zu erschliessen, von der Unvernunft nämlich, die mit dem Füsschen aufstampft. Ihre tückischste Verbündete findet die Vernunft in der Klugheit, die sich auch gern bäuerlich gibt, und natürlich gehört der Kompromiss, noch so ein falscher Fuffziger, in diese Verwandtschaft. 

Es stimmt schon: nicht alles, das wir vernünftig nennen, ist zugleich auch madig oder glitschig, vielleicht gibt es so etwas wie eine Vorfeldvernunft, „rechtzeitig“ gehört möglicherweise noch dazu, „hinreichend“ vielleicht, doch der Hang bergab, zu „pünktlich“ und „genügend“, zu HÖFlichkeit, deutsch und Schulzensuren, ist unverkennbar. 

Bevor also ich mich selbst oder etwas der Vernunft anheim stellte, verwiese ich es mit aller mir möglichen Bestimmtheit an die Logik, hilfsweise an die Wahrhaftigkeit. Übrigens hat das auch etwas Kindliches, Realitäts-untaugliches, ich hoffe aber: Unverdorbenes. 

Eschatologisch

Mir kam dieser Gedanke, Kalenderblattmaterial, zugegeben, abends im Bett, als ich über Rede und Widerrede von Armin Nassehi und Niko Paech nachdachte. Nassehi hat seit ..., ja, schon eine ziemliche Weile, einen Lauf, man weiss gar nicht, wann er eigentlich seinen Job macht, so eifrig und überbordend ist seine mediale Präsenz. Auch das ist ein Thema, später. 

Nassehi verachtet Paech mit der ganzen Arroganz, die ein LMU-Lehrstuhlinhaber gegenüber einem Apl-Prof aus Oldenburg an den Tag legen kann (sein Verdikt besteht schon länger, "Vor Leuten wie Paech dagegen muss man sich vorsehen", schrieb er auf 2017 facebook). Das fängt mit der heuchlerischen Dankbarkeit an, hat einen ersten Orgasmus am Kategorienfehler (der Paech, dieses Dummerchen, kann das ja gar nicht sehen!), über „interessant“ und „fast alles richtig“ geht es bis zu „naiv“

... „Dankbar muss man Paech dafür sein, die Dinge in Reinkultur zu formulieren: Es gibt nur die Unterscheidung zwischen "alles ändern" und "weiter so" - was beides in komplexen Systemen zu den unwahrscheinlichsten Formen gehört. 

Aus meinem Gedanken, dass eine Gesellschaft nur mit ihren eigenen Mitteln reagieren kann, ein "weiter so" abzuleiten, ist ein Kategorienfehler (also einer, den Paech deswegen gar nicht sehen kann).

Die Argumentationsstruktur von Paech ist interessant. Er hat ja in fast  allem Recht - aber er formuliert ausschließlich vom eschoatologisch anmutenden Ziel her, nicht aber in den Kategorien jener Gesellschaft, die sich operativ auf Herausforderungen einstellen muss. ...

Ich halte dieser Art Argumentation für Selbstberuhigung im Gewand der Katastrophenerzählung. Es ist das wohlfeile "wir müssen", ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was dieses "Wir" ist und wie es auf sich selbst reagiert, wenn es sich bewegt. Das muss man leider naiv nennen.“ (Nassehi, facebook 20-VIII-2019)

Warum „leider“?
Was eigentlich bedauert Nassehi?

„Selbstberuhigung im Gewand der Katastrophenerzählung“ – diese Verkehrung der Intention in ein Objekt der Denunziation, das ist schon … trumpesk. Das gibt es nicht oft, dass sich die Vernunft so ausstellt, so hemmungslos und Beifall-heischend auf dem Falschen bestehend. Denn was Nassehi so vernünftig als Beschränkung des Wollens auf das Mögliche fordert, ignoriert natürlich, dass das Wollen stets auch das Mögliche determiniert, ja, evoziert. Macron und LREM – als Beispiel – wäre in Nassehis Welt nicht möglich, deswegen – aus der Perspektive ihres Beginnens – eschatologisch und naiv; übrigens Trump desgleichen, der Fall der Mauer, die Abkehr von der Atomkraft usw.; das Unmögliche ist nicht wählerisch, wenn es darum geht, sich zu ermöglichen. Und von einem schwarzen Schwan hat Nassehi auch noch nie gehört. Aber ich will es mir nicht zuu einfach machen. Was Nassehi an vielen Stellen immer wieder festhält (vielleicht könnte man es kürzer fassen), ist als Erkenntnis nicht von der Hand zu weisen:

Es ist, wie es ist.

Mit der Behauptung, dass die Gesellschaft sich nur aus den ihr gegebenen Mitteln bedienen kann, hat er, so scheint es (ihm), das argumentative Ei des Kolumbus gefunden. Der schönste Plan, wer kennt das nicht, scheitert gern und gleich am "Geht nicht". Mit Verlaub, aber das ist jetzt ärgerlich. In meiner und in seiner (Nassehis) Lebenszeit hat die Welt, wie sie ist, eine wahre Wunderwelt von Unmöglichkeiten erschaffen (dass „die Welt“ ebenso wenig ein handelndes Subjekt ist, wie irgendein „wir“: geschenkt). Und regelmässig hat die Welt unterwegs die Gesetze des Möglichen, vor allem aber das Bild des Gegebenen, neu ge- und beschrieben: Wir nennen es Disruptionen – und feiern es. Vielleicht, das sagt nicht Nassehi, ist aber eines meiner eigenen schärfsten Bedenken, ist die Zeit auch reif, darüber nachzudenken, ob eigentlich die Ingenieure der Disruptionen über ein Mandat verfügen, im Quartalsrythmus die Welt neu zu gestalten. 

An der Stelle gilt es nämlich, vom Bahnsteig zurückzutreten: Nassehi hat Recht, wenn er beklagt, dass Disruptionen hohe soziale Kosten haben, und die „jilets jaunes“ haben darüber hinaus auch gezeigt, dass Änderungen nicht allein um den Preis des Wollens zu haben sind. Niko Paech täte sich keinen Gefallen, das zu leugnen; er kommt aber auch gar nicht erst auf die Idee. Worum es Nassehi geht, das sind die kleinen Schritte: die Welt ist da, Du kannst sie nicht abschalten, lieber hier ein Fortschrittchen und da ein Verbesserungslein, als nur ewig irgendeiner verpassten, unmöglichen und sowieso falschen Revolution nachzutrauern; und wir alle haben unsere kleinen Fehler. So macht man sich Freunde, wird überall eingeladen, egal wer: hört zu und nickt. Es tut niemandem weh, ist sympathisch bis charmannt, man hatte einen unterhaltsamen Abend. Wenn Nassehi dem Paech eine „Selbstberuhigung durch Katastrophenerzählung“ vorwirft – und wer weiss, vielleicht ist da auch ein Körnchen Wahrheit enthalten, ich erkenne da etwas in meiner eigenen Haltung – so reibe ich ihm im Gegenzug den „Opportunismus der Vernünftigen“ unter die Nase. Ihm geht es gut, er will, dass das so bleibt – und jetzt mache ich mich mal ganz und gar nackig: ICH will das auch! 
Allerdings sind das bis hierher allenfalls Nebenargumente,

Krücken

Der eigentliche Fehler Nassehis liegt in der Weigerung, Unfähigkeit?, ich tippe aber auch Unwilligkeit, zu Ende zu denken: er weigert sich, zu erkennen, dass sich der Möglichkeitsraum in der Annäherung an ein Ereignis verengt; das ist eine erstaunliche Blindstelle, wenn man bedenkt, dass er gerade eine Theorie der digitalen Gesellschaft vorgelegt hat. Man kann, man muss aber nicht der „Post-Wachstumsgesellschaft“, wie sie Paech vorschlägt, das Wort reden (man muss das wenigstens diskutieren, das wäre eine andere Diskussion). Womit man sich sehr wohl beschäftigen muss ist das Phänomen, dass es viele Möglichkeiten gibt, auf ein fernes, kommendes, erwartetes Ereignis hin zu handeln, dass aber diese Möglichkeiten sowohl in ihrer spektralen Breite wie auch in Summe immer weniger werden, je näher das Ereignis kommt. Welches Ereignis? Von welcher Katastrophenerzählung ist denn hier die Rede? 

Nach dem letzten Bericht der IPCC hat die Mercator Stiftung ihre CO2-Uhr kalibriert. Sie zeigt jetzt, gestern, dass für das Erreichen des 1,5 Grad-Zieles noch 420 GT Emissionen „zur Verfügung“ stehen, bei einem (kontinuierlich anwachsenden!) Jahres“verbauch“ von 41 GT. Demnach verbleiben 8 Jahre, 4 Monate und 6 Tage, um die CO2-Emissionen auf Null zurück zu führen. Das 1,5 Grad-Ziel ist … nicht zu halten, die Welt muss bereits um das 2,0 Grad-Ziel kämpfen; auch dafür stehen die zeichen schlecht. Der IPCC-Bericht zeigt, (Summary Seite 11), welche ungefähren Auswirkungen welche Temperaturerhöhung haben wird; und eine Ahnung davon haben wir jetzt schon. Längst weiss die Welt, dass nur noch solche Massnahmen diesem „Ereignis“ hinreichend entgegenwirken, die, so der Stand der Dinge, NICHT zu den derzeit bestehenden Möglichkeiten der Gesellschaft gehören: mit einer CO2-Steuer, mit der Elektrifizierung der Mobilität etc. – mit dem ganzen nationalen Regelungskatalog! – und auch nicht, wenn nicht schon gar nicht mit dem wiederkehrenden Selbstbeschränkungsmythos – wird sich die Rückführung der Emissionen auf Null nicht bewerkstelligen lassen. Mit nur wenig Research zu den Wachstumsprognosen (von was auch immer: Energie, Fliegen, Schiffe, am schlimmsten aber: Bevölkerung) kommt man sehr rasch dahinter: im Gegenteil! Alles wächst und spriesst und gedeiht. Noch 30 Jahre, und es gibt 1,5 Milliarden Menschen mehr, wenn's gut geht; es könnten auch 3 Milliarden hinzukommen.   

Jetzt kann man natürlich einwenden: Panik ist ein schlechter Ratgeber, und das stimmt. Man muss aber auch darauf hinweisen, dass das Nie-Dagewesene vermutlich, um mit Einstein zu sprechen, das Nie-Für-Möglich-Gehaltene erfordert. "Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind." 

Wenn also keine Post-Wachstumsgesellschaft, welche denn dann? Selbstverständlich gibt es eine Menge Grau zwischen „alles ändern“ und „weiter so“. Was Nassehi „die Möglichkeiten“ der Gesellschaft nennt, ist in diesem Graubereich angesiedelt. Weil aber alle Möglichkeiten einen Zeithorizont benötigen – beispielsweise wird es ~70 Jahre gedauert haben, bis die Vermeidung von FCKW die Rückbildung des Ozonlochs bewirkt haben wird – verengt sich der Raum der Möglichkeiten bei zunehmender Annäherung an das Ereignis. Wenn nun aber immer weniger Zeit verbleibt, werden die verbleibenden Massnahmen immer radikaler... werden müssen; zu jedem Zeitpunkt jedoch muss man die „Möglichkeiten“ darauf befragen, ob sie sich denn wohl dem jeweiligen Zeithorizont (in diesem Fall: des 2,0 Grad-Zieles) unterordnen. 

Übrigens unterstelle ich Nassehi, abseits seiner Stuten-bissigen Position gegenüber Paech, keine bösen oder falschen Absichten; natürlich ist er „gegen den Klimawandel“. Pragmatisch. Praktisch. Progressiv – es ist kein Zufall, dass, Nassehi hier, Nassehi da, der Herr Professor auf allen Hochzeiten zuhause ist. Es gefällt mir aber nicht, dass mit ihm eine Stimme des Abwiegelns, des Kompromisses, des operativen Gewurschtels, den derzeit wohl breitesten Raum in der Öffentlichkeit okkupiert. Vermutlich hat auch Paech nicht den letzten Schlüssel zur Weisheit gefunden, immerhin aber gibt er sich nicht mit dem „Wasch mir den Pelz“ des Mainstreams zufrieden, wie es Nassehi sogar fordert. Nun, Nassehi singt im Chor, das sagt eigentlich alles.

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