Kassenfutter

Daniel Kehlmann schreibt "Tyll"

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vorübergehend unterhaltsam

Umschlag "Tyll" von Daniel Kehlmann
Lautstarkes Getümmel, man hört nix

Koinzidenzen
sind Dinge, die nix miteinander zu tun haben, aber gleichzeitig auftreten. Oder? Haben sie vielleicht doch miteinander zu tun?

Erst „gestern“ habe ich Yanis Varoufakis aus den Händen gelegt und darüber geschrieben, heute lese ich „Tyll“ von Daniel Kehlmann. Griechenlands (Ex-)Finanzminister heute und Eulenspiegel im 30-jährigen Krieg, die haben nun wirklich nix miteinander zu tun. Und doch gibt es da eine Koinzidenz, bei der ich lachen musste; es war dieses Lachen aus Staunen oder Ungläubigkeit oder „nee, ne?“

Zunächst: historisch gehört Till ins 14. Jahrhundert, bereits um 1510 erschien eine Art anekdotische Biografie, während der 30-jährige Krieg erst ein Jahrhundert später stattfand. Erste Frage: warum macht Kehlmann das? Nennen wir es dichterische Freiheit, aber es gibt auch ein paar Gründe. Der 30 jährige Krieg ist eine konturlose, ausfransende Grosswetterlage, der Krieg ist überall. Auch die Logik hält ihn nicht zusammen, es gibt so viele überlappende Interessen und Motive, dass Kausalitäten verschwimmen. Für dieses auseinanderdriftende Material sucht der Dichter eine Klammer; sie im "fahrenden Volk" zu finden macht Sinn, nur sie kommen auch "überall hin", nur sie begegnen den Protagonisten der Historie. Nun aber den Till gleich um 100 Jahre strafzuversetzen geschieht auch nicht bloss willkürlich: den muss er, Kehlmann, niemandem erklären. Jedes Kind kennt den Till, und damit ganz klar wird, dass es um genau diesen Till geht, den wir kennen, kommt zuerst die Geschichte von den Schuhen. Und nun schiebt Kehlmann diese Pappfigur durch allerlei Kulissen; kaum einmal (unter dem Mühlrad, aber schon im Wald geht er als Person "verloren") erfahren wir, was Tyll denkt oder fühlt; er wird zur Black Box, wir erfahren nur, was er tut. Vielleicht sollen wir denken, dass sein ganzes Leben eine Rache für diese Kindheit ist; aber würde jemand mir diese Interpretation vorschlagen, ich würde sie als wüste Spekulation zurückweisen: hinein-, nicht herausinterpretiert. Aber

zurück zur Koinzidenz:

Varoufakis erlebt am 24. Februar 2015 einen persönlichen historischen Moment: Er hätte Härte zeigen müssen, hat aber nur eine unentschiedene Kompromissbereitschaft gezeigt. Und hat verloren. Da waren in jenem Augenblick viele Kräfte und Umstände zusammengekommen, am Ende blieb ein (wie ich finde: verständlicher, aber in seinen Auswirkungen dramatischer) „Fall von Einknicken.“ Er hätte gewinnen können, so die Analyse, wenn er standhaft geblieben wäre.

In Tyll gibt es eine vergleichbare Szene, als der entthronte König von Böhmen, Friedrich, zu dem äusserst siegreichen, hemdsärmeligen, ja trumpesken, schwedischen König Gustav Adolf kommt, um den um militärische Hilfe bei der Wiedererlangung der böhmischen Krone zu bitten. Gustav Adolf lässt ihn drei Stunden lang warten und – lehnt das ab: brüsk, diskussionslos. Er habe kein Interesse an Böhmen, also Null! Er könne ihm aber doch helfen, und zwar, wenn er demnächst die Pfalz würde erobert haben, eine Frage von Wochen nur, könne er, Gustav Adolf, ihn, Friedrich von der Pfalz, dort neuerlich als Kürfürsten re-installieren, unter der Bedingung, dass er, Friedrich, die Pfalz als ein Lehen von Gustav Adolf annehme. Nun muss man wissen, dass die Pfalz seit Jahrhunderten Erbland seiner Familie ist; allerdings hat der Kaiser ihm, Friedrich, widerrechtlich, die Kurwürde ab- und sie dem Maximilian von Bayern zugesprochen. 

Friedrich ist konsterniert. Er soll sein (de jure eigenes, de fakto verlorenes) „Eigentum“ als Lehen akzeptieren und sich so seiner „legitimen“ Ansprüche begeben. Das ist starker Tobak, allerdings, auf der anderen Seite ist Friedrich zu diesem Zeitpunkt seit Jahren unterwegs von einem Exil zum nächsten – und er hat kein Geld mehr, also: so richtig kein Geld mehr: "...morgens gab es Brot, mittags gab es Brot, und abends gab es gar nichts". Akzeptiert er, und Gustav Adolf drängt ihn dazu, so kann er zumindest wieder standesgemäss leben, seine Frau bekommt ihr Theater und ihre Zofen zurück und er schliefe dann wieder in Betten mit Kissen. Er bleibt aber hart; und spekuliert auf die spieltheoretische Rest-Chance, dem überaus burschikosen Gustav Adolf dadurch zu imponieren. „Donnerwetter“, sagt der denn auch (ich zitiere aus dem Gedächtnis), „das hätte ich nicht gedacht. Offenbar hast Du doch einen Arsch in der Hose!“ Pause. Hoffnung. Spannung. „Tja, meinen Respekt. Du hast das Herz am rechten Fleck! Aber nun geh, ich habe keine Verwendung für Dich. Geh schon, hau ab! A Dieu!" 

Friedrich hat verloren. Komplett, vernichtend. Und das ist diese faszinierende (literarische) Koinzidenz: wo Varoufakis einknickt und verliert, bleibt Friedrich standhaft und verliert auch. Prima Lektion, nachhaltige Rezepte zur Lebensführung. 

***

Die Episode ist auch als solche bezeichnend, weil der ganze Tyll aus Episoden besteht. Tyll Uhlenspiegel, die erzählerische Rahmenhandlung, ist eigentlich nur der Vorwand, die historische Gemengelage vor dem westfälischen Frieden farbenstark und bisweilen bluttriefend auszumalen, ein Wimmelbild; ich würde soweit gehen und behaupten, dass dem Kehlmann der Tyll eigentlich egal ist. Sicher, es wird dies und das über ihn erzählt, in vielen, fast allen Episoden spielt er eine Rolle, so dass man in Summe versucht ist, von einer Hauptrolle zu sprechen. Doch das erscheint mir falsch oder wenigstens irreführend. Schon aus der zeitreisenden Um-Positionierung Tills um 100 Jahre lässt sich der instrumentelle Umgang mit der historischen Figur ableiten. Und in der Verlängerung dieser Beobachtung ist es auch eher eine Hilfskonstruktion, das Buch Kehlmanns als einen Roman zu bezeichnen.    

Das sind, richtig, unwesentliche Formalien. Die erste Frage, die ich an ein Buch stelle, geht um die Resonanz: hat mich das Buch erreicht? Interessiert? Belehrt? Berreichert? Unterhalten?

Unterhalten, das ja, solange es dauerte, aber dann, ich möchte sagen: sogleich – hat es mich, von der Friedrich-Episode einmal abgesehen, nicht mehr interessiert. Wir erfahren, dass die Zeiten brutal waren, well, no news! Der Wald war ein Urwald und das Leben eine Qual. Es gab nichts zu essen, und wenn, dann Grütze mit Dünnbier. Die Henkersmahlzeit des Müllers ist von der Art, „dass es sich allein dafür schon zu sterben lohnt“; es gab Suppe, Schweinebraten und Kalbshaxe und hernach Kuchen; also ungefähr das, was ich letzten Dienstag zu Mittag hatte (gut, mengenmässig war es eine Idee weniger ... und Wein zu Mittag, das ginge ja gar nicht!). Vor allem grassierte die Dummheit, die Unwissenheit (die ergänzen sich prima) in einem Ausmass, wie soll ich sagen, schlimmer als im Nachmittagsprogramm von RTLII. So, und dann gab es hier eine Schlacht, und jemand wird, wörtlich, entzwei geschossen, und dort gab es marodierende Dragoner, und man war sich seiner Pferde nicht mehr sicher, und hier eine Brandschatzung, die niemand überlebt hat, und dort die betäubende Ereignislosigkeit des Dorflebens. Und die Pest, vorurteilslos, frisst sich durch alle Stände. Also: alles war schrecklich. Aber sonst!

Ich weiss nicht, ich verstehe nicht, warum Kehlmann das Buch geschrieben hat. Ich meine: er erzählt nett, sprachlich gäbe es nix zu meckern, aber warum? Ich liebe historische Sujets, eigentlich, nur bleibt die Historie in diesem Buch, wie der Tyll, Fassade, Drehbuch: Spekulation auf den Film zum Buch, eine Produktion von Regina Ziegler.

Und dann schaust Du in die Wikipedia und erfährst: der 30-Jährige Krieg begann 1618, vor 400 Jahren, und boing: da hast Du den Grund. Es gibt keinen, ausser, dass die Feuilletons einen Grund haben, einen Aufhänger. Das Buch ist die Idee vom Lektor, vom Verlag; der literarische Betrieb: so geht das. Ja, und so ein Schriftsteller, der will ja auch von was leben.

 

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