Es gibt keine richtige Korrektheit in der falschen Politik

Robert Pfaller schreibt „Erwachsenensprache“

Es gibt keine richtige Korrektheit in der falschen Politik

Kindergebrabbel

Das Cover: Robert Pfaller – Erwachsenensprache
Das US-Spenden-Aufkommen korreliert mit dem BIP.

Gibt es ein neo-liberales Projekt, das es sich zum Ziel gesetzt hat, die Mittelschicht vom Denken abzuhalten? Gibt es eine Strategie des neo-liberalen Kapitals, durch sprachliche Schaukämpfe von den eigentlichen Problemen abzulenken?

Robert Pfaller fokussiert und diagnostiziert in seinem Buch „Erwachsenensprache“ eine Domestizierung des Bewusstseins, in deren Windschatten das vormals strahlende Licht der Aufklärung zu einer Befunzelung von Bewusstseinstrübungen verkommt. 

„Im selben Moment, in dem die USA und ihre Verbündeten die Welt mit Krieg, dubiosen Revolten und Bürgerkrieg überziehen und den friedlich belassenen Teil mit Austeritätspolitik in Armut treiben, überziehen sie die Welt auch mit einer Ideologie des gesäuberten, verharmlosenden Sprechens. Recht treffend erscheint darum Nancy Frasers Begriff des »progressiven Neoliberalismus« für diese Allianz scheinbar emanzipatorischer, progressiver Anliegen mit verschärfter Weltausbeutung.“ (19)

So und in zahlreichen Variationen formuliert Robert Pfaller das neo-liberale Projekt, in dem er ein virtuelles US-amerikanisches Gesamt-Kapitalsubjekt dabei beobachtet, mit subtiler Mechanik das MindSet des Mainstreams und damit auch die öffentliche Meinung vom tatsächlichen Geschehen auf eine Vielzahl von Nebenkriegsschauplätzen zu verführen. 

„Hatte die westliche und weitere Welt nach dem Zweiten Weltkrieg von den US-Amerikanern noch gelernt, resolut Anspruch auf Wohlstand zu erheben sowie auf allgemeine Liberalität, wenn nicht gar auf Sex and Drugs and Rock’n’Roll, so durfte sie nun staunend erfahren, dass es überall Empfindliche gibt, deretwegen man solche Ansprüche gefälligst zurückzuschrauben habe.“  (20)

Pfallers Analyse rennt bei mir offene Türen ein, habe ich dieses Ablenkungsmanöver, das in seinen wesentlichen Elementen unter dem Kampfbegriff der politischen Korrektheit firmiert, doch an vielen Stellen selbst beklagt. Bedauerlicherweise geschieht im Zuge dieser Aueinandersetzung zweierlei: Du musst Dich vor den falschen Freunden hüten (und ständig abgrenzen, gehört doch das pc-bashing zu den argumentativen Lieblingsfiguren der AfD), und Du läufst Gefahr, gleichsam in der Verlängerung der falschen Auseinandersetzung Deinerseits auf dem Sprachkampfplatz zu verharren, anstatt Dich in die Realitätsschlachten zu stürzen.

Letzteres ist nicht meine einzige Kritik an Robert Pfaller: in dem er die Sprache in das Zentrum seiner länglichen Analyse stellt und alle nur denkbaren Anstrengungen unternimmt, die analytische Verkommenheit des öffentlichen Raumes zu durchleuchten, geraten ihm die „eigentlichen politischen Schauplätze“, das ist meine Sicht, allzu flach und naiv. Wer, eine seiner zentralen Thesen, damit beschäftigt ist, empfindlich, verletzt und benachteiligt zu sein, die wird ihre Kräfte eher auf den eigenen Bauchnabel, als auf das Erreichen von Gleichheit ausrichten. „Warum kämpften die Leute plötzlich nur noch um Anerkennung? Und nicht etwa um Gleichheit?“ (160) Je nun, Gleichheit: was, bitte, soll das wieder sein? 

„Denn selbst wenn Fussgängerampeln in den liberalen, wohlhabenden Innenbezirken mancher Grossstädte nun fröhlich mit Darstellungen homo- oder transsexueller Personen leuchten, so sind andererseits doch gerade minoritäre Gruppen oft am stärksten von den Kürzungen der Sozialbudgets, der steigenden Arbeitslosigkeit und den erhöhten sozialen Spannungen betroffen, welche durch die neoliberale ökonomische Politik solcher scheinbar kulturell progressiver Parteien notwendig verursacht werden.“ (203)

Ich sehe das auch, aber ich sehe es anders. Richtig ist, dass die US-amerikanische Tradition, kulturelle und andere Interessen des Gemeinwohls aus dem Privatvermögen seiner erfolgreichen Mitglieder bestreiten zu lassen, keinem anderen Zweck dient, als die Masslosigkeit und Gier des An-Sich-Reissens ökonomischer Vorteile zu legitimieren. „Dieses Land war so gut zu mir, jetzt will ich etwas davon zurückgeben …“ Das ist nur keine neo-liberale Entwicklung. (Die Grafik rechts zeigt, dass das Spendenaufkommen in den USA plus/minus mit dem Bruttoinlandsprodukt korreliert; man kann also auch nicht etwa behaupten, dass der sprachliche Schaum von einem Nachlassen der „sozialen Verantwortung“ ablenken soll.) 

Ich sehe die Ursachen der- und die Hinwendung zu sprachlichen und politisch korrekten Nebenkriegsschauplätzen vielmehr zunächst in einem grundsätzlichen politischen Orientierungsverlust nach dem Untergang des (real-exitierenden) Sozialismus (dessen „reale“ Ausprägung von der überwiegenden Linken harsch kritisiert wurde) und dem damit einhergehenden Verlust eines alternativen Gesellschaftsmodells (denn der Auslöschung seiner politischen Materialisierung fiel auch die Perspektive eines „besseren Sozialismus“ zum Opfer). Nach dem „Ende der Geschichte“ fehlt es der Linken an einer grundsätzlichen gesellschaftlichen Zielvorstellung und an die Stelle einer radikalen Gesellschaftskritik treten bei jenen vielen, die (leider nur noch) „irgendwie“ im Dissenz zu den gegebenen Verhältnissen stehen, die zahllosen Einzelfragen von Benachteiligung und Ausgrenzung. Ich sehe in der (da stimme ich Pfaller zu) falschen politischen Granularisierung eine eher hilflose, gleichsam stellvertretende Substitution vormals „zentralistischer“ Gesellschaftskritik.

„Die dritte Macht, die diesen Strömungen Aktualität und Hegemonie verschafft, ist das neoliberale Interesse an der Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums aus der Mitte nach ganz oben sowie der dementsprechenden Privatisierung der öffentlichen Güter und Räume. Ihr kommen die postmodernen Bestrebungen, den öffentlichen Raum den Kriterien privater Räume und der dort üblichen Rücksicht auf Empfindlichkeiten zu unterwerfen, äusserst gelegen.“ (61) 

„Benachteiligte aller Missstände behandelt man so, als ob sie keine anderen Sorgen hätten als mit einem speziellen, meist zartbesaiteten Namen bezeichnet zu werden.“ (164)

Schon richtig. In meinen Augen aber sind die Schwächen der "dissidenten" Ersatzhandlungen kein Ergebnis irgendwelcher Dunkelmächte, die in Neo(n)-ThinkTanks kulturelle Gross-Strategien ausgeheckt haben. Nur nebenbei: seitdem es anormal ist, nicht verrückt zu sein, fährt auch der Dissenz in der Mitte der Strasse. Ich halte diese Widerstandswölkchen eher für das Resultat einer funktionsorientierten, partikularistischen, anti-politischen und ich würde sagen „semi“-akademischen Ausbildung (und der Verheerungen des Bologna-Prozess'), als deren Ergebnis breiten Teilen der Ton-angebenden und Trend-machenden jüngeren, in-die-Mittelschicht-strebenden Meinungsinhaber die intellektuellen, politischen und historischen Grundlagen der Gesellschaft weitgehend unbekannt sind. „Abgesehen von diesem Beispiel habe ich nie ganz eingesehen, warum Leuten, die doch politisch zu denken gelernt hatte, gerade ihre Identität so wichtig war.“ (160) Eben nicht! Die Weltbilder heute, meine Analyse, resultieren aus intellektueller Erfahrungsarmut; zugleich aber sind „Identitäten“ heute so vielen zutiefst widersprüchlichen Rollenanforderungen ausgesetzt, dass ihnen der Sinn dafür, ob sie Männlein oder Weiblein sind, ins Wanken gerät.  

„Dies führt zu dem gegenwärtigen Zustand gleichsam »babylonischer Sprachentzweiung«: Teile der Elite und die gehobenen Mittelschichten, die von der neoliberalen Politik entweder profitieren oder dies erhoffen, betreiben ein zunehmend verkrampfteres und elitäreres Saubersprechen; und alle anderen ergehen sich – vielleicht auch trotzig – in immer dumpferem und unflätigerem Gerülpse.“ (203)

Wie bereits bemerkt, hat sich Pfaller mit einem breiten Spektrum sprachlicher Regressionen auseinander gesetzt und die im Ganzen doch etwas grobschlächtige Zusammenfassung hier wird der Analyse in der Breite und der Tiefe nicht gerecht. Das hat – auch – damit zu tun, dass mir das Buch streckenweise lästig wurde, insbesondere in seinen Abschnitten 3 („Weisse Lügen, schwarze Wahrheiten“) und 4 („Wie die anderen zu unseren Bestien werden“), und dass mir dort, wo ich sie kenne, und so, wie er sie einführt, Pfallers intellektuelle Wurzeln (Althusser, Marx, Freud, Lacan, …) ältlich erscheinen. Auch wenn er in vielen Aspketen scharf und klar vor allem kulturelle (im sprachlichen Handeln begründete) Missstände beobachtet, ist er einer, wie ich meine, überkommenen linken Analytik verpflichtet, die den Grundlagen und Perspektiven des 21. Jahrhunderts nicht mehr gerecht wird. 

Lesenswert, insbesondere die Kapitel 1, 2, 5 bis 7, und kritikwürdig.

 

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