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Klar, Florian,

ich kann mir die Szene bildhaft vorstellen. Beim Staatsbesuch empfängt Angela Merkel zum Beispiel Emmanuel Macron von der anderen großen Kulturnation im Kanzleramt, sieht seinen Blick auf einem schönen Gemälde ruhen und sagt möglichst locker: «Das ist unser berühmter Expressionist Emil Nolde. Er war zwar ein Nationalsozialist und Judenhasser, aber hier in Deutschland unterscheiden wir zwischen großartiger Kunst und Schöpfer. Lasset uns zur Tagesordnung übergehen.»

Das ungefähr ist es, was Du und die deutschen Feuilletons fordern in ihrer Empörung darüber, dass Merkel zwei Bilder aus ihrem Büro entfernen ließ. Das eine Gemälde mit dem Titel «Brecher» (1936) bestückt eine gerade eröffnete Berliner Ausstellung, die jetzt schon eine Zäsur in der öffentlichen Wahrnehmung Noldes darstellt.

Um es vorwegzunehmen: «Bewunderter Künstler, schlechter Mensch» ist keine Kategorie, mit der sich Staat machen lässt. Die Kanzlerin hat das einzig Richtige getan. Staatsgästen muss keine deutsche historische Debatte aufgedrängt werden. Und der Sitz einer Regierungschefin ist nicht geeignet, die Frage zu verhandeln, ob und wie man Kunst und Moral trennen könnte und müsste und wie sich das mit der bundesrepublikanischen Haltung eines «Nie wieder» oder mit der Repräsentation nach außen verträgt.

Du ziehst zum Vergleich die Entfernung eines Gedichts von Eugen Gomringer an einer Berliner Hochschulfassade heran und schreibst, dass die Kanzlerin mit ihrem Akt dem gegenwärtigen «Wunsch nach besenreiner Kunst» entgegenkomme. Vom «Giftschrank» spricht das Magazin «Cicero»: https://www.cicero.de/kultur/emil-nolde-museum-nationalsozialismus-berlin-kunst Falsch!

Denn Gomringers Zeilen standen nicht wegen der mörderischen Ideologie eines Autors unter Verdacht, sondern im Rahmen des heutigen Gender-Gagas, der in einem Poem über Frauen und Blumen Sexismus witterte. Und wenn alle nun selig auf den bekennenden Nolde-Fan Helmut Schmidt hinweisen, der einst dessen Bilder in das auf unauffälligste demokratische Geste getrimmte Bonner Kanzleramt holte, hilft das kaum weiter, weil das Berlin des Jahres 2019 nicht das Bonn der siebziger Jahre ist.

Wo einst Nolde dem laut schweigenden deutschen Gewissen Halt gab als prominentes Opfer «entarteter Kunst», ordnet die neue Ausstellung ihn eben auch als tief in den Nationalsozialismus verstrickten Künstler, als «entarteten Entarteten» ein. Diese Künstlerbiografie erinnert daran, dass die sogenannte Vergangenheitsbewältigung nie ein abgeschlossener Prozess ist, auch wenn manche sich das vielleicht wünschen.

Berlin ist eben weder Bonn noch Frankfurt, wo 2014 eine bereits kritische Nolde-Retrospektive vergleichsweise verhalten zur Kenntnis genommen wurde. Die Frage nach dem demokratischen Verständnis verbindet sich besonders eng mit der Vergangenheitsdiskussion in der neuen alten Hauptstadt, wo der Wiedereinzug der Politik in Nazi-Architektur, die Errichtung eines Holocaust-Mahnmals und die Frage nach der symbolischen Bedeutung des Reichstagsgebäudes heftig diskutiert worden sind.

Merkel hat die Kunst nicht in den Keller verbannt, sprich: Zensur geübt, sie hat die Debatte lediglich delegiert an jene, die dafür zuständig sind: Kuratoren, Kunstwissenschaft und Museen. Niemand hat behauptet, dass Kunst im deutschen Regierungsviertel jetzt nur noch dazu da ist, Wohlbefinden zu erzeugen. Die Kunst muss hier Denkanstöße und Kontroversen über Aufgaben und Ethos der Staatsmacht geben. Die Diskussion über politische Verfehlung der Künstler aber ist Sache der Museen, der kunsthistorischen Seminare und der informierten Zirkel räsonierender Privatleute.

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