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17-04-2019

Sehr geehrter Herr van Deelen,

Sie mögen das "überraschende Stolpern" (wobei zu fragen wäre, ob ein Stolpern ohne Überraschung noch als "stolpern" bezeichnet werden kann). Ihre erste Reaktion darauf kann "Begeisterung" sein. Sie pflegen ein ästhetisches Verhältnis zur Welt. Das uneigennützige, das auf die Sache konzentrierte Deliberieren findet Ihren Applaus: "Wow! Das ist ein wirklich überzeugendes Engagement." Das "Interessante" und das "Ungewöhnliche" sind Ihnen lieber als das "Moralische" und das (sittlich) "Unanstößige". Aber Sie besitzen auch ein feines Sensorium für die geldwerten Aspekte einer Angelegenheit: Sie halten den finanziellen Teil von (massenmedialen) Vorgehensweisen für essentiell! Gleichwohl, manchmal nur am Rande, aber nie vergeblich stellt sich Ihnen die Frage: Was geht uns das an?

Andererseits: War das Inferno von Paris Brandstiftung? Das ist zumindest glaubhafter als die Existenz eines Gottes, der einen Unfall dieser Größenordnung zulassen könnte.

So ein Gedanke kann Sie tagelang beschäftigen.

Sie misstrauen dem Willen des Volkes, schreiben, oft genug richte dieser großen Schaden an. Und besonders gut gefällt Ihnen die Tatsache, dass jemand nicht "nur" für seine eigenen oder die Interessen seiner Peergroup kämpft, sondern auch für die Gesellschaft.

Damit sehe ich in Ihrer Jennifer Lawrence-Betrachtung alle Ingredienzien gegeben, alle intellektuellen Stimulantien wirken um Ihre Aufmerksamkeit auf unsere Kanzlerin und den Künstler Emil Nolde zu lenken.

Auch hier geht es um die Fragen "Moral oder Ästhetik", "Preis oder Wert", "Volkswille oder Kennerschaft", "Gewöhnlichkeit oder Irritation", "Symbolisches Handeln oder konkretes Begründen", "Abstraktes Raisonnement oder dichte Beschreibung", "Mainstream und Gedankenkomfort oder Inkommensurabilität und geistige Unruhe" usw.

Lassen Sie mich in einem neuen Anlauf noch einmal versuchen, Ihnen die Parallelen begreiflich zu machen:

Sie erhole sich am besten in ihrem Blumengarten in der Uckermark, hat Angela Merkel einmal erklärt. Am zweitbesten erholte sie sich bis zur vorigen Woche unter dem Blumengarten von Emil Nolde, den sie sich für das Kanzleramt gewünscht hatte. Doch nun wurden in diesem mentalen Naherholungsgebiet gefährliche Tretminen entdeckt. Von diesem Freitag an zeigt eine Ausstellung nur wenige Hundert Meter vom Kanzleramt entfernt, im Museum Hamburger Bahnhof, dass Nolde noch weit enger in den Nationalsozialismus verstrickt war als bislang bekannt. Dieses Wissen gilt offenbar als derart toxisch, dass Merkel Noldes Blumenbild abgehängt hat – und das große Wellenbild Brecher von Nolde ebenfalls.

Es ist tatsächlich eine berechtigte Frage, ob ausgerechnet im Zentrum der Macht der deutschen Demokratie Werke eines Mannes hängen müssen, der ein Antisemit, ein Verehrer Hitlers und ein Freund des Nationalsozialismus war. Helmut Schmidt, der Nolde schon in Bonn für das Kanzleramt auswählte, konnte noch sehr genau anhand dieser Gemälde die Abgründe und Untiefen der deutschen Mentalitätsgeschichte erzählen: Nolde also als Künstler beschreiben, dessen Werke von den Nazis als "entartet" aus den Museen entfernt wurden, der dennoch verquererweise mit genau diesem Staat sympathisierte, der ihm kein Mal-, aber ein Ausstellungsverbot erteilte – und der später zum Vorbild für den janusköpfigen Helden in Siegfried Lenz’ Deutschstunde wurde. Wenn man akzeptiert, dass uns große Kunst dazu herausfordert, Widersprüche, auch die schmerzhaftesten, auszuhalten, und wenn man bereit ist, immer, auch wenn es wehtut, einen Unterschied zu machen zwischen einem Bild und seinem Schöpfer, dann könnte gerade der Fall Emil Nolde zu einer "Deutschstunde" werden, die eine nachhaltige Wirkung entfaltet. Als ein solcher Deutschlehrer verstand sich Helmut Schmidt.

Man kann die Bilder auch in vorauseilendem Gehorsam gegenüber möglichen Tugendwächtern ganz schnell abhängen und Emil Nolde zum Schämen in die Ecke stellen. Als eine solche Deutschlehrerin versteht sich offenbar Angela Merkel.

Man wünschte sich, sie hätte stattdessen davon berichtet, wie erschreckend es für sie sei, dass sie die Kunst eines Malers schön findet, dessen Weltanschauung sie nun schaudern lässt. Welche grundsätzlichen Fragen zur Freiheit der Kunst und zur moralischen Abhängigkeit von Geschmack das in ihr angestoßen habe. Doch solche intellektuellen Zumutungen scheinen sie zu überfordern, und es ist den Kuratoren des Hamburger Bahnhofs hoch anzurechnen, dass immerhin sie sich mit ihrer aktuellen Ausstellung diesen Zumutungen stellen. Die hypersensible Öffentlichkeit kennt ja in kulturellen Fragen, egal ob es um die Provenienz von Werken oder von Menschen geht, oft nur noch Schwarz und Weiß – dabei ist auch weiterhin die Grauzone der bevorzugte Aufenthaltsort der Wirklichkeit.

Was folgt daraus, wenn man die Ethik die Ästhetik aushebeln lässt? Dürfen dann in deutschen Amtsstuben überhaupt noch Bilder der klassischen Moderne hängen, Werke wie die von Karl Schmidt-Rottluff, dem anderen Expressionisten, den Merkel sich vorschnell als Ersatzkandidaten ausgesucht hatte, weil er auch so schöne Blumen malte – der aber dummerweise ebenfalls antisemitisch gepestet hat? Zahllosen Künstlern der damaligen Zeit lassen sich nationalistische oder rassistische Äußerungen nachweisen.

Es ist eine bittere Wahrheit, doch die schönsten deutschen Verse des 20. Jahrhunderts stammen von Bertolt Brecht, Gottfried Benn und Rainer Maria Rilke, ein eiskalter Frauenvernichter der eine, ein opportunistischer Emigrantenbespöttler der andere und ein latenter Antisemit der Dritte.

In einer seltsamen Zeit wie der unseren, wo die Kunst unter dem Vorwand der Ideologiefreiheit wieder selbst auf ein ideologisches Accessoire reduziert wird, fehlt vielen die Bereitschaft, sich den widersprüchlichen Konsequenzen der Autonomie der Kunst offen zu stellen. Es gibt keine bedeutenderen Frauenbildnisse im 20. Jahrhundert als die Pablo Picassos – und es gibt wahrscheinlich keinen Künstler des 20. Jahrhunderts, der die Frauen, wenn sie gerade nicht Modell für eines seiner Gemälde saßen, schlechter behandelte. Und dass Günter Grass Mitglied der Waffen-SS war, beeinträchtigt nicht den künstlerischen Rang der Blechtrommel – sondern nur seine Selbststilisierung als moralisches Gewissen der Nation.

Wenn der moralische Anspruch zum Ersatz für eine politische Haltung wird, wird der genehmigungsfähige Kanon der Kulturgeschichte immer kürzer. Wenn man Eugen Gomringers konkrete Poesie von einer Hochschulwand entfernt, weil dort Frauen bewundert werden, und Emil Noldes Bilder über Nacht aus dem Kanzleramt verbannt, dann braucht es neue, keimfreie kulturelle Fundamente.

Die Politiker finden sie gerade im Bauhaus, das zu seinem hundertjährigen Jubiläum als ideales deutsches Narrativ zelebriert wird. So mag man seine Ahnenreihe: quadratisch, praktisch, gut. Das sagt zwar kaum etwas aus über das Bauhaus (denn es war viel vielschichtiger, komplizierter, dunkler, wie auch der Bericht über das neue Bauhaus-Museum zeigt). Aber es sagt sehr viel über die Sehnsucht unserer prüden, verängstigten Zeit nach einer besenreinen Kunstgeschichte, an die die kreative Avantgarde in Deutschland liebend gerne nahtlos anschließen möchte in ihren sterilen Büros voll silberner Apple-Computer auf weißen Eiermann-Schreibtischen.

Deutschland würde gerne so tun, als käme nach 1919 gleich 2019. Aber es ist eben nicht so einfach. Nicht alles so weiß. Dazwischen kam auch 1939. Und das macht alles sehr viel komplizierter. Viele deutsche Widerstandskämpfer trugen lange mit Stolz die Wehrmachtsuniform. Nolde wurde aus deutschen Museen verbannt, weil er als undeutsch, als "entartet" galt.

Es wäre schön, wenn es uns gelänge, die Widersprüchlichkeit der Geschichte und der Kulturgeschichte, die ja eigentlich nur von der Widersprüchlichkeit des Menschen erzählt, zum Teil unserer Deutschstunden zu machen. Und der Wahrheit Raum zu geben, dass leider auch niederträchtige Menschen höchste Kunst schaffen können. Das ist natürlich unbequem. Aber viel mutiger, als wieder damit anzufangen, Bilder abzuhängen.

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