Publisher verweigern Innovationsleistung

Stillstand seit Gutenberg?

Stillstand

Noch mal alles auf Anfang: Wir nennen den Transfer von Sinneseindrücken Kommunikation.

Wenn wir zurückschauen, sehr lange zurück, also ganz an den Beginn der Menschheit, da sind die Sinne, die Eindrücke sprachlos, wortlos, begriffslos. Wahrscheinlich gab es bereits Kommunikation: mit Tönen, Zeichen, vielleicht sogar Bildern, allerdings war sie ganz unmittelbar, direkt zwischen den– tja, was: kommunizierenden Subjekten, oder waren es Objekte (weil ohne Sprache, weil ohne Bewußtsein?)? Insofern das unentschieden war, konnte Kommunikation auch mit (zwischen?) Bäumen oder Himmeln stattfinden, aber sie war stets an den Ort, die Zeit, die „kommunizierenden Parteien“ gebunden. 

In Stanley Kubriks „Odyssee 2001“ zeigt eine Szene sehr einprägsam, dass wahrscheinlich die Waffe die erste „mediale Ablösung“ der Intention vom Sender war: indem sie zum Mittel, respektive zum Übermittlungsweg der Information des Senders wurde. Seither schreiben wir eine Geschichte der Medien! Freilich hat sich die Technik - in Teilbereichen kommunikativen Handelns zumindest - verfeinert. Immerhin, schon nach wenigen Millionen Jahren, hoppla-hopp hat sich „die Menschheit“ mit Begriffen „bewaffnet“. Und Zivilisation kam auf, als der kommunikative Austausch Stück für Stück sein Themenspektrum erweiterte: die anfangs gängigsten Topoi „(Drei, zwei, eins,)Meins!“, oder „Du weg, hier ich“ wurden schon in der Höhlenmalerei einer ersten Bildungsreform unterzogen - die abgebildeten Jadgszenen sollten wir ruhig als die Vorläufer der Fachinformation begreifen; nur schlugen die Umständlichkeiten beim Höhlentransport gewissermassen auf die Reichweite durch. 

Wie sich aber (bei Kubrik) der Knochen zur Erfüllung seiner beigegebenen Zwecke von der Hand des Nachrichtengebers löste, wächst, anfangs nur eine Ahnung, dann doch schon relativ früh die Erkenntnis, dass die Ablösung der Information vom Sender grundsätzliche Vorteile hat. Kurzerhand wurden die Höhlen in Stücke geschlagen, in Steine geteilt, in Form gebracht und mit Gravuren, In-Form-ationen versehen; ... noch immer recht fordernd in der Weitergabe. Insbesondere in diesem Punkt erwies sich die Einführung von Tierfell-Formaten als eine richtungsweisende Innovation, ein Durchbruch, von dem wir als Menschheit noch heute profitieren. Und das war nur der Anfang: In diesem ersten Sieg des Inhaltes über die Form manifestiert sich der die Neuzeit beherrschende Wettbewerb von Form & Inhalt. Ebenfalls ein schönes Zeugnis von dieser Dauerfehde gibt das rechts abgebildete Beispiel des Evangeliars Heinrichs des Löwen.

Schon hier wird deutlich, dass Vermittlung - seither und immerzu weiter - im Widerstreit von Form & Inhalt gefangen ist: 
Es finden sich hier die Semiologen, das sind die Fundamentalisten im Reich der Zeichen und Begriffe, die einen blanken Inhalt, die den blossen Code als den eigentlichen Gegenstand ansehen, den es weiterzugeben gilt. Nach dem Credo dieser Fraktion muss ein Inhalt, um Gültigkeit zu haben, (nur) richtig sein, nicht schön. Form, das ist in diesem Sinne lediglich die Erscheinung der Begriffe, nur der letzte - zugegeben notwendige - Rest, der den Inhalt in eine rudimentäre Ordnung, Reihenfolge und Vergleichbarkeit organisiert. 

Ihnen gegenüber behauptet sich die Fraktion der Perzeptionisten; die sehen sich von Haus aus als Holisten, deren Credo („one World“) in der „Dekodierung“ besteht. Sie behaupten, dass jeder Inhalt von jedem (Wohlwollenden, Mittelbegabten) verstanden werden kann (und soll) - und deswegen, nein, dazu aus seinen (fachlich induzierten) Begriffsfesseln herausgelöst werden muss. In dieser Fraktion glaubt man missionarisch - und meint es beweisen zu können -, dass erst die Form einen Inhalt zur Verständlichkeit befreit, und dass durch angemessene Gestaltung jedweder Inhalt verständlich gemacht werden kann. Dafür nimmt man gelegentlich sogar (mehr oder weniger grosse) Sachmängel in Kauf. 

Form - oder Inhalt? Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte. Denn für eine einfache, kurze Nachricht genügen geringste formale Anforderungen („Der Vorstand ist zurückgetreten.“), während für mehrdimensionale Bewertungszusammenhänge („Das Internet steht in Wechselwirkung zu allen Facetten der Wertschöpfung von Verlagen.“), die sich womöglich auch noch ausweiten (von einzelnen Texten bis zu ganzen Büchern ...), je nach Komplexitätsgrad zunehmende Anforderungen an die Form gestellt werden.

TIMElabs hat in seinen Publikationen wiederholt dargestellt, dass und wo grosse, technisch induzierte Verwerfungen dazu führen werden, dass die Marktdefinitionen und Geschäftsmodelle der Medienbranche neu gefasst werden (müssen). Dabei haben wir bislang zumeist phänomenal abgebildet, welche Kräfte und Potentiale diese Strukturkrise antreiben. Implizit haben wir nahegelegt, diesen Verwerfungen auf dem „Felde der Angreifer“ zu begegnen, indem man sich entweder mit diesen Kräften verbündet, sie mit eigenen („vertikalen“) Innovationen zu dominieren versucht oder in den bestehenden Märkten durch MeToo-Angebote die Verluste begrenzt. 

Fachinformation muss in der Regel sehr komplexe Inhalte vermitteln. In einem weiteren Schritt gilt es zu beleuchten, ob und mit welchen anderen Mitteln die Fachinformation, sozusagen „aus eigenem Recht“ und auf dem eigenen „Hometurf“, ihre Märkte verteidigen kann und sollte, in dem sie sich in ihren Inhalten und mehr noch in ihren Formen zur Passhöhe der Zeit aufschwingt. 

Unseren Überlegungen liegt die Beobachtung zugrunde, dass jene Produktinnovationen, mit denen die Fachinformation in der Vergangenheit ihre Legitimität und ihren Nutzen fortgeschrieben hat, an einer Hand abzuzählen sind. Im Kern, so die zur Deutlichkeit überzogene, provokante These, hat sich seit Jahrenden kaum jemand ernsthaft Gedanken darüber gemacht, ob und wie und wo Information (und Wissen) besser, das heisst angemessener und nutzenstiftend, vermittelt werden könnte.

Nun könnte man fragen, ob dass denn überhaupt nötig sei. Jenseits von Form & Inhalt (siehe oben) herrscht in der Fachinformation überwiegend die Vorstellung, dass sie „need-to-know“-Content anbiete: der Kunde könne ja gar nicht anders, als diesen Inhalt „wissen zu müssen“, um beruflich nicht in den Nachsprung zu geraten. Man bediene also einen  „Pull-Market“, und der unterliege nicht den Gesetzen des Angebotes, sondern eben jenen der Nachfrage. In vielen Redakteuren lebt die anmassende Vorstellung, dass sie die Bedarfe ihrer Leser am besten kennen (beiläufiger Hinweis: „Leser“!, nicht etwa „Sucher“ oder „User“ ...), und mehr noch, dass (nur) sie dem Leser durch ihre qualifizierte redaktionelle Auswahl „Orientierung“ geben, und dass sie deshalb „aus gutem Grund“ als „Qualitätsinstanz“ den Zugang zum Medium mit Argusaugen bewachen.

Nur noch wenig davon, was diese (eher immer schon falsche) Haltung einst begünstigt hat, ist heute noch nachweisbar. Umgekehrt wäre aber auch der Umkehrschluss abwegig, dass Fachinformation, etwa weil sie an Legitimation eingebüsst hätte, insgesamt nicht gebraucht würde. Im Gegenteil. Das Tempo des technischen Wandels hält an, manche behaupten: nimmt immer noch zu. Dieser Wandel muss erklärt, muss als Wissen und Know how verankert werden. 

Dem liegt ein fundamentaler gesellschaftlicher Wandel zugrunde. Wo früher der Zugang zum „Herrschaftswissen“ mit vielen (bis hin - wie in der Medizin - zu fachsprachlichen) Restriktionen behindert wurde, hat sich heute die gesellschaftliche Disposition geradezu in ihr Gegenteil verkehrt: Nur wer seinen Wissensdurchsatz kontinulierlich auf der Höhe der Entwicklung fortschreibt, kann auf einen attraktiven Platz in der Gesellschaft hoffen. Einerseits.

Jetzt kommen andererseits die umfangreichen Konversionserscheinungen ins Spiel, die mit der Digitalisierung einhergehen; beispielhaft seien hier etwa das Zusammenwachsen der Geräte und Applikationen im SmartPhone genannt, oder auch die Konversion der Medien, die - insofern sie digital vorliegen - zumindest im Web nicht mehr in Print, Radio, TV, Video etc. unterschieden werden, sondern einen gemeinsamen Medienraum abbilden.

Die Konversion hat - in unserem Context - drei Auswirkungen: erstens müssen sich immer mehr Experten (i.e. Fachinformations-Zielgruppen) mit Nachbar- oder Neben- oder sogar weit abliegenden Gebieten beschäftigen (z.B. müssen sich Biologen mit der Nanotechnologie auseinandersetzen, oder Netzwerktechniker mit Software-Entwicklungen etc.). Und das heisst, sie müssen Sachverhalte anderer „Fachsprachen“ verstehen. Zweitens muss dieses Verständnis „jeweils im Context“ erzeugt werden; gerade weil konvergierende Entwicklungen nicht linear verlaufen, muss die „Übersetzungsarbeit“ jeweils zum Anwendungszeitpunkt geleistet werden. Drittens aber müssen sich die Vermittler von Fachinformationen mit den gattungstechnischen Spezifikationen der - inzwischen konvergierenden - Medien auseinandersetzen, um die „fachsprachlichen Übersetzungsanforderungen“ in angemessene Formate zu überführen.

Als wenn das nicht genug wäre, wird dieser komplexe Sachverhalt von den Auswirkungen der Informationsrevolution (in der, als Folge eines gigantisch anwachsenden Kompetenzbedarfs, Herrschaftswissen zugunsten von breiten, uneingeschränkten Informationslandschaften aufgelöst wurde) gleichsam ins Quadrat gesetzt: Denn obwohl der Zugang zu Information grandios vereinfacht ist, hat sich die Herausforderung, auf der Höhe der Zeit zu bleiben, damit eher vervielfacht. 

Zu den zentralen Entwicklungen, die diese These in grellen Farben illustriert, zählt das Internet. Es ist die bislang kaum oder gar nicht benannte „Paradoxie der Wissensverarbeitung im Zeitalter exponential anwachsenden Informationen“, dass der freie Zugang zu Informationen die Wissensverarbeitung behindert, wenn nicht blockiert (siehe dazu auch den PresseMonitor, S. 48ff). Seit Jahren erleben wir als Einzelene, als Branche(nteilhaber) und als Gesellschaft, dass der Informationsdruck, der auf allem lastet, mit dem wir uns und mit denen „ein Thema sich“ auseinandersetzen muss, unverdaubar ist. 

Und die Verdauungsstörung zeigt sich in drei Dimensionen: Da ist zunächst ein gewaltiger Informationsverbrauch, also eine Veralterung von Sachverhalten, die (bestenfalls) eingelagert werden müssen, überwiegend jedoch schlicht entsorgt gehören. Da ist andererseits der kontinuierliche Feed, der sortiert und kanalisiert, überprüft, aufbereitet, bewertet und zwischengespeichert werden muss. Und da ist schliesslich die Aggregation bewerteter Sachverhalte, also der Zusammenschluss und die Integration von (disparaten) Bereichen, die zu „neuem“ Wissen, und damit zur Ausrichtung von Handlungen, gleichsam „hochgeladen“ werden müssen. 

Und schliesslich muss dieser Verarbeitungsprozess lebenskonform organisiert werden, das heisst, er muss zu den Lebens- und Arbeitsrythmen passen, muss mit den dramatisch verengten Zeitbudgets sowie den dramatisch herausgeforderten individuellen Speicherkapazitäten umgehen.

Das - was sonst! - ist die Stunde der Fachinformation! Sie weiss es nur noch nicht! Denn die Herausforderung heute besteht darin, neue und radikale Instrumente und Mechanismen der Wissensherrschaft zu finden und zu etablieren.

Warum?

Weil eine explodierende Informations- und Wissensproduktion, die nicht mehr vermittelt wird (oder werden kann), alle Beurteilungskriterien auflöst, welche aber zugleich als handlungsleitendes Gerüst für die strukturelle Ausrichtung und das operative Funktionieren aller gesellschaftlicher Mechanismen notwendig sind. Wissensherrschaft ist Herrschaftswissen: das Wissen beherrschen wissen. 

Wir reden von der „medienadäquaten Veredelungsleistung“, die wir (in d‘english) in der Parole MARS (Media Adequate Refinement Services) zusammenfassen. Die Frage lautet: Wie verändert Technik die tägliche Informationsvermittlung - und mehr noch: wie lässt sie sich positiv, nutzenstiftend zur Bewältigung der ausserordentlichen Herausforderungen einsetzen? Wir machen damit ein Fass auf: Hinter diesem Schlagwort steht eine massive Investitionsaufforderung - und zwar in Menschen! 

Die Krise der Fachinformation ist gewiss technologisch induziert, aber sie hat sich als eine stetig abnehmende oder besser vielleicht falsche Kompetenz im Umgang mit Informationen über Jahre und Jahrzehnte vorbereitet: Mehr war besser als weniger. Selbstverständlich gibt es für diese Entwicklung massive ökonomische Begleitumstände! Ebenso selbstverständlich aber haben sich Verleger über Jahre eher, wenn nicht überwiegend, in einer Gedankenwelt aufgehalten, in der ein „Zukauf“ als eine Investition galt. Das wird sich ändern müssen. In der Zukunft werden Verlage in die Qualität ihrer Produkte und in die Qualifikation ihrer Mitarbeiter investieren müssen.

Vorschau-Reihenfolge: 
2005