... bullshit, stupid!

Sharing is ...

T-Shirt mit Aufdruck: I like sharing the sun with you

Z.B. Das Recht auf „Privacy“ - wie viele Statements haben uns schon darüber belehrt, dass wir uns von diesem kindischen Anspruch schlicht verabschieden müssen. Gartner spricht so, Eric Schmidt sagt es, Marc Zuckerberg stimmt ein, Jamie Heywood beklagt es (immerhin). Gehst Du Google, findest Millionen Fundstellen.

Ich selbst fand derlei Reden immer fahrlässig, selbst wenn sie der Provokation dienen sollten, doch zu den rechten Worten verhalf mir erst kürzlich ein US-PodCast: denn es ist Lobby-Arbeit, pur! Alle, die so (daher) reden, verfolgen ein Interesse - nämlich dass alle, an denen sie interessiert sind, sich daran gewöhnen. Es sind Geschäftsinteressen, die diese und ähnliche Propaganda ins Feld führen. Richtig ist: wenn Amazon bis Apple und ebay bis Facebook oder Google und Yahoo! bis Zynga sich darauf verständigt haben werden, dass „privacy“ ins Reich des Wunschdenkens gehört, dann stünde es schlecht um Dich und mich und unsere kleinen Geheimnisse.

Einerseits gilt natürlich folgendes: was wollen die nur anfangen mit all unseren Schwächen und Vorlieben und Abgründen? Nehmen wir Porno. Du nicht, ich natürlich auch nicht, aber sonst: alle machen es und gönnen sich diesen oder jenen Moment, der Alltag ist schwer genug. Was, bitte, an dieser Erkenntnis ist verwertbar? Es könnte jenen zum Nachteil gereichen, das stimmt, die öffentlich vorgeführt würden. Nur welches kommerzielle Interesse sollte daran interessiert sein? Wir reden ja, wenn es um „privacy“ geht, nicht davon, dass die Ex dem Ex Übles will und vice versa, sondern, dass organisierte Interessen einen Geld-werten Vorteil generieren.

Stichwort - Du sagst es: Werbung! Also wechseln wir einmal den Gegenstand und sagen, beispielsweise, Amazon. Du suchst also eine Heckenschere oder einen Betonmischer oder ein Radio oder eine elektrische Zahnbürste. Hast Du Google gefragt, sagt Dir 1,7 Mio Fundstellen zu Heckenscheren usw.. Es ist schon klar, dass Dich der Hersteller nicht neutral informieren wird, aber ebenso klar ist auch, dass Du Informationen brauchst, um wenigstens ansatzweise zu einer „educated choice“ zu gelangen.

Folgt man diesen (und ähnlichen) Gedanken, so klingt die ganze „privacy“-Debatte beinahe hysterisch. Und: „Ich hab doch nichts zu verbergen!“ (Selbst Frank Schirrmacher hat sich in diesem Punkt eines schlechteren belehren lassen.)

„Sharing is good!“

so der Claim eines über Jahre von Sun Microsystems auf Businees Week und anderen US-Medien geschalteten Spots, in dem das Unternehmen seine Fortschrittlichkeit zu demonstrieren meinte. Ich kenne eins, zwei Handvoll internationaler Konzerne, die mit derlei selbstloser Bibelarbeit Mitarbeiter und Kunden beglücken. Es ist - verglichen mit “privacy” - fast das gleiche Thema, und jedenfalls derselbe Ansatz - auch hier hilft ein Blick in die Bücher: Cui bono?

Persönlich ist mir diese Form der Nächstenliebe erstmals vielleicht vor 10, 15 Jahren begegnet. „Wenn Siemens wüsste, was Siemens weiss.“ Das nannte sich damals „Knowledge Management“. Perfide, also schlau+hinterhältig an dem Satz war ja, dass er so einleuchtend ist, so schlagend, überzeugend, unmittelbar und unabweisbar, dass alle fröhlich mit einstimmen wollten und behänd unzählige Datenbanken mit all dem Wissen befüllten, das zuvor nur in den Köpfen der Schlaumichels und Smartlisas existierte. Wikipedia, wenn das kein Beispiel ist!

Interessant ist, dass diese Sachverhalte inzwischen befördert wurden, denn jetzt, in der sauber sortierten und rasch durch- suchbaren Struktur einer Datenbank abgelegt, hat sich der vormals nur persönlich diskutierbare Wissens- und Datenschatz unter einem neuen Begriff versammelt: IP. Intellectual Property. Der ist nun vollkommen unmaskiert und sagt, was er meint: MEINS. Und eben nicht Deins, Mitarbeiter.

In böswilligem Lichte betrachtet, versteckt sich hinter dem ganzen Wissensmanagement und der ganzen Sharing- Propaganda nichts anderes, als der Versuch, genau das zu claimen, was der Mitarbeiter - in Form seines Hirnkasterls - im Zweifel zur Bürotür hinaus oder durchs Werkstor tragen könnte.

In vielen Fällen ist diese Form der „geistigen Enteignung“ unbedeutend, man zuckt mit den Schultern, etwa weil in diesen unseren Tagen alles von Gestern schmeckt wie von Vorgestern. An anderer Stelle wird jedoch sehr deutlich, worum es geht. Wenn z.B. Apple von Samsung ein Stück Milliarde Dollar erhalten soll, weil jene Patente verletzt haben. Und was sind Patente anderes als Knowledge Management, als das zu Rechten kondensierte Wissen Einzelner! Nun könnte man sagen, es sei nunmal das gute Recht der Company sich die Früchte der Arbeit ihrer Mitarbeiter zu sichern. Das ist falsch und richtig. Wenn die Mitarbeiter in der Abteilung F+E beschäftigt werden, ist das ein klarer Deal. Für alle anderen aber gelten die Regelungen des Vorschlagswesens, die in der Regel nur klägliche Anteile der so eingespielten Geld-werten Vorteile herausreichen.

Exakt hier setzt die Propaganda ein. „Sharing is good“ hieft den Vorgang der Enteignung auf die Ebene von Solidaritätsleistungen in der Familie, unter Freunden oder Nachbarn oder auch Kollegen (und bevor mich jemand vorsätzlich missversteht: das bleiben Selbstverständlichkeiten) - wo es aber tatsächlich um nichts anderes geht als die Besicherung eines Geld-werten Vorteils. Ein anderes Beispiel macht deutlich, wo der Hase im Pfeffer liegt, nämlich wenn Instagram (zwei Gründer und elf people) für eins Milliarde Dollar von Facebook gekauft wird. Doch verlassen wir das unscharf ausgeleuchtete Terrain von Legitimität und Legalität und, schlicht gesprochen, des gerechten Ausgleichs.

Im Kern

geht es mir um etwas anderes. Gross gesprochen, geht es um die Entwicklung der Produktivkräfte. In den zurückliegenden Jahrzehnten haben Arbeitsteilung, Rationalisierung und schliesslich Digitalisierung einen Trend bedient, sagen wir: zwei, um deren Verhältnis zueinander es geht: in eine gegebene Produktionseinheit (sagen wir ein Auto oder eine Waschmaschine ... oder auch eine Zeitung ...) fliessen über die Zeit zunehmend Anteile von Maschinenarbeit und abnehmend Anteile von Menschenarbeit.

Ein Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass der Leverage einer Idee anwächst; anders gesagt: durch den inhärenten Anteil an Maschinenleistung hebelt eine Idee zunehmende Produktivität. In dieser Situation zielt die Parole „Sharing is good“ auf die Industrialisierung der Innovationsleistung und die Enteignung des Leverage (Analogien zur „privacy“ liegen auf der Hand). Ein anderes Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass zunehmend weniger Menschen für Produktionsprozesse benötigt werden. Mit nur wenig Übertreibung kann man schon heute sagen, dass Menschen in der Produktion nicht mehr gebraucht werden. WOFÜR dann (ein grosses Thema, das an anderer Stelle bearbeitet werden muss)?

Es ist eine grobschlächtige Alternative, die sich aus dieser Darstellung ergibt: entweder, Du spielst Lotto mit Deinem Leben (und die Auslosungen finden auf TechCrunch statt) oder Du ergibst Dich einem kläglichen Schicksal, in dem andere die Früchte Deines Denkens eincashen.

Ich meine, there is room enough in between. Eine breitere, weniger hochgepushte StartUp-Kultur würde dem Gemeinwohl, dem gesellschaftlichen Gesamtinteresse dienlicher sein. Dazu allerdings müssten die VCs aus dem Felde geschlagen werden. Hier, meine ich, könnten und sollten Konzerne und Mittelständler Programme entwickeln: eine breitere, weniger aggressive Finanzierung, eine „vernünftige“, oben und unten gekappte Ausgestaltung des Leverage (eine Milliarde für Instagram ist einfach krank ...) und eine sorgfältige Begleitung (Teaching, Training, Coaching ...) der StartUps. Auch bei den Themen könnte ich mir einen anderen, sinnigeren Umgang denken: Impulse, ein „realwirtschaftlicher Dialog“ darüber, wo eigentlich Probleme nach Lösungen suchen.

Fraunhofer weist in diese Richtung - doch Fraunhofer leidet an seinen Strukturen, an seinen Professoren. Die kybernetischen Effekte wissenschaftlicher Durchdringung sind unverzichtbar, doch es braucht einen anderen Spirit. Es braucht eine andere Führung, um junge Energien freizusetzen und auszurichten. Wäre es ein Cocktail, der Schuss „pragmatischen Amerikanismus‘“ wäre unverzichtbar, doch müsste der bittere Nachgeschmack durch „europäische Erdung“ ausgehebelt werden. In der Mischung wären die Top 1000 Europas schon die geeigneten Veranstalter solcher Programme, so es ihnen gelänge, ihre politischen Spielchen herauszuhalten.

 

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2013