Prometheus formt Menschen

Pray

über "Prey" von Michael Crighton

Portrait Michael Croghton und sein Buch Prey

Die Kurzweil-Debatte liegt schon eine Weile zurück, da findet sich plötzlich eine Drehbuch-Vorlage, um dem Thema, das die zuständigen Intellektuellen der Weltgemeinschaft für abgehandelt glaubten, noch einmal ganz neue Breitenwirkung beizumischen. 
Michael Crichton hat sich der Sache angenommen und alles bebildert, was Bill Joy immer schon befürchtet hat. Political correct aufgeschrieben gibt das einen gefährlichen, spannenden Schmöker, der durchaus geeignet ist, Fortschritten im Weg zu stehen.

Zunächst die Geschichte: Für Jack laufen die Dinge in die falsche Richtung. Bei allem Erfolg: Er ist doch eine ehrliche Haut. Genau dafür aber wird er, eigentlich logisch, gefeuert - und obendrein, wie zum Hohn, auch noch so übel verleumdet, dass er keine neue Anstellung findet. Jack ist ein höchstqualifizierter Manager für zukunftsweisende Softwareentwicklungen, doch statt seine Kenntnisse für gutes Geld sinnvoll einsetzen zu dürfen, sitzt er zu Hause, hütet die Kinder und beobachtet sein langsames Verdumpfen an den Anforderungen der Haushaltsführung. Seine Frau Julia, erfolgreich als Vice-President einer Nanotechnologie-Firma, steht offenbar kurz vor einem ganz grossen Durchbruch, was die Sache keineswegs leichter macht.

Ganz reibungslos läuft es aber auch für Julia nicht – das jedenfalls beobachtet Jack. Sie hat abgenommen, vielleicht mehr als nötig; einerseits scheint es, als würde sie von Tag zu Tag besser aussehen, irgendwie stärker, attraktiver, doch andererseits, umgekehrt proportional dazu, scheinen ihre ehemals exzellenten sozialen Antennen zu versagen, erstarrt ihre Familienbindung zur Maske, gerät sie zunehmend ins Abseits ihrer kritisch äugenden Kinder. 
Ihr Beziehungsverhalten schwankt zwischen irrationaler Aggression und wenig glaubhafter Selbstkritik; kein Wunder, könnte man meinen, steht sie doch ganz gewiss kolossal unter Strom; zuweilen so sehr, dass es schwer fällt, nicht an Drogen zu denken. Oder an einen anderen Mann?

In seinem kürzlich erschienenen Buch „Prey“ (dt. „Beute“, erschienen bei ...) skizziert Michael Crichton mit kurzen, einfachen Strichen eine bedrückende und zuweilen auch bedrohliche Ausgangslage. Neben der ins Schlingern geratenen Ehe und einer fremdelnden Familie warnen auch im Umfeld allenthalben Zeichen und Signale: seltsame, sehr bedrohliche Krankheiten treten auf – und verschwinden ebenso rasch und undiagnostiziert. Nicht identifizierbare Instrumente und Maschinen finden sich an noch seltsameren Plätzen, Computerchips zerbröseln zu Staub, Kinder haben Alpträume oder sehen Menschen, wo keine sind. 

In dem gewiss schon in der Produktion befindlichen Film (die Rechte, so ist zu lesen, seien bereits verkauft) wären jetzt 20 oder 40 Minuten vergangen, der erste dramatische Höhepunkt stünde unmittelbar bevor. Die folgende Handlung würde sodann in einer Art dramatisch-didaktischen Kaskade über den Zuschauer hereinbrechen: bei jeder neuen Katastrophe bezahlt Jack für ein kleines Stückchen mehr Erkenntnis jeweils teuer und fast mit dem Leben, während der Leser vermittels dieser Dramaturgie Stück um Stück Einsicht in den aktuellen Forschungsstand zweier entfernter, aber eben doch nahe liegender (und schliesslich konvergenter) Technologien erhält: Einerseits in die Nanotechnologie, die alle inzwischen möglichen oder - noch - nur denkbaren Produktionsprozesse auf Atomebene umfasst, andererseits in die Agententechnologie, womit eine Spezies sehr kleiner, aber autonom handlungsfähiger Computerprogrämmchen bezeichnet wird. Ganz nebenbei gewinnt das Publikum Einsichten in die Funktionsweise (Achtung: höchst Buzzwort-verdächtig!) „emergenter“ Systeme.

Kein Missverständnis: „Prey“ ist eine Geschichte, eine Fiktion, ein Märchen!
Der Autor beginnt zwar durchaus mit dem neuesten Stand der Entwicklung, doch im Verlauf der Handlung verlässt er den Boden der Tatsachen über eine kleine Zahl nahezu unsichtbarer, oder wenigstens schwer erkennbarer Brücken, die sich, scheinbar legitimiert durch Logik und Evidenz, in der Geschichte gleichsam verstecken –, und macht sich auf ins Phantastische. 

Keine Frage: so ein Autor, der darf das. 

Das steigert die Spannung über Grusel und Grauen zum Horror. Im Verlauf dieser fiktionalen Überzeichnung entsteht jedoch ein Riss quer durch die Zielgruppe: wer sich mit den genannten Technologien zumindest grundlegend beschäftigt hat, für den setzt der Horror viel früher ein: am Übergang von der Realität zur Fiktion; später, in Kenntnis der dramaturgischen Kunstgriffe, überwiegt die spannende Unterhaltung. Für jene aber, die die zugrunde liegenden Entwicklungen und Technologien bestenfalls vom Hörensagen her kennen, übersteigt der eskalierende Horror alles gesehene Schlangen- oder Käfergekrabbel (etwa einer Indiana-Jones-Episode), und, im wörtlichen Sinne, durch Mark und Bein durchdringen feindliche Intelligenzen nicht nur des Lesers Phantasie. 

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass das Buch (und mehr noch der spätere Film), ein Meinungsklima zwischen Panik und Reaktion erzeugen wird, in dessen Windschatten Forschung insgesamt zunächst in Verruf und, aus einem der Opportunität folgenden Geldmangel, rasch ins Abseits geraten könnte. Der Autor nimmt das nicht nur in Kauf; besonders im Epilog wird deutlich, dass diese Wirkung sein eigentliches Ziel ist.

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Man könnte also meinen, Michael Crichton habe ein Buch über Nanotechnologie und ihre Gefahren geschrieben; jedenfalls wird das Buch so gelesen und diskutiert, und Einiges daran ist richtig.
Das Wesentliche ist falsch: zunächst migriert das Buch bekannte Mythen (Dracula, Dr Jeckyll …) ins 21 Jahrhundert. Daneben erzählt es von der Sucht nach Erfolg, auch in dem Sinn, dass das Sein - physische Abhängigkeit - das Bewusstsein - Moral und Ethik – bestimmt. Und es erzählt von den Mechanismen von Sekten („Es gibt kein zurück!“ und „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!“), und nicht zuletzt erzählt es von den Risiken jedweder Technologie. Dieser kleine Unterschied ist keine Kleinigkeit. 

Er entscheidet darüber, ob der streckenweise Gruselhaut verursachende Thrill, den das Buch zweifelsfrei auszulösen vermag, jetzt im Affekt dem Thema „Nano..“ zugewiesen wird, oder tendenziell allen Drohpotentialen in der Risikogesellschaft. Er entscheidet auch darüber, ob die Diskussion auf der Höhe des Problems stattfindet.

Im Angesicht der Folgen des Atombombenabwurfes auf Hiroshima und Nagasaki (und der Nukleartechnologien insgesamt) hat Günther Anders auf den Verlust der Verfügung hingewiesen, der eintritt, wenn wir „uns nicht mehr vorstellen können, was wir herstellen können“. Anders diagnostiziert (1954!) eine prometheische Scham, die uns ankommt, wenn „die Dinge“ menschlichen Dimensionen entwachsen und unser Vermögen bei weitem, und damit schamgebietend, übersteigen. Scham ist eine Form der Erkenntnis, der Demut.

Fünfzig Jahre später hat sich die Scham gelegt; nicht etwa, Gott bewahre, weil „wir“ „die Dinge“ nun „im Griff“ hätten. Im Gegenteil: Anders hat nur eine der ersten „trans-humanoiden“ Technologien philosophisch analysiert. Inzwischen sind es vielleicht ein Dutzend, und jegliche Scham, die immerhin von einem gewissen Verständnis zeugt, ist einer Vermischung aus Unübersichtlichkeit, Verwirrung und Indolenz gewichen. Heute stehen wir glotzend und begrifflos vor Erscheinungen, die kurz davor sind, unser (menschliches) Zutun als „ganz unnötig“ zu deklarieren. 

Crichton steht auf der Seite von Bill Joy, der sich in seinem Aufsatz „Warum die Zukunft uns nicht braucht“ (zuerst in Wired, April 2000, deutsch in der FAZ vom ...) an Ray Kurzweil reibt, der seinerseits das wissenschaftlich-intellektuelle (und passagenweise auch fiktionale) Fundament dafür gelegt hat, was Crichton nun plakativ „bebildert“. Bill Joy, in dem naiven Glauben, die Büchse der Pandora geschlossen halten zu können, warnte vor den Folgen eines Handelns, dessen Wirkungen wir uns weder vorstellen können, noch - wahrscheinlich - zu menschlichen Zwecken im Zaum zu halten im Stande sind. Am Ende, so meint Joy, und Crichton folgt ihm hernach, steht der Mensch auf dem Spiel: als Gattung.

Das eigentliche Niveau des Problems liegt nun aber doch noch einiges über diesen weltlichen Nöten: Die Büchse ist offen, sperrangelweit, und es scheint, als hätte sich die Büchse bereits zu einem regelrechten Fass ausgewachsen. Das unkontrollierbare Verhalten emergenter Systeme besteht nicht nur, wie Crichton uns nahe legt, in einem möglicherweise zauberlehrlingshaften „Ausbüchsen“ wildgewordener Atome. Das wäre ein Unfall, den in den Griff zu kriegen immerhin Aussicht bestünde. Emergent, und mit „den der Menschheit zur Verfügung stehenden Mitteln“ nicht mehr rück-steuerbar, ist vielmehr „die Technologie“ selbst, insgesamt, die längst als Ganzes unter Kurzweils (und/oder Brian W. Arthurs) „Gesetz vom steigenden Ertragszuwachs“ gestellt ist.

Wie ihr Tempomacher, die Informationstechnologie, hat sich jedwede technologische Entwicklung in die steile Steigung jenes „Hockysticks“ aufgemacht, der alles exponentiale Wachstum beschreibt. Und damit nicht genug: In einer zweiten Dimension, bei der Ausbreitung der Kenntnisse über diese Technologien, hat das Internet gleichsam einen Turbolader nachgeschaltet, dessen explosionsartige Ergebnisse letztlich für den Steuerungsverlust verantwortlich sind. „Selig sind die geistig Armen ...“? Pustekuchen; auch sie haben längst Breitbandzugang.

Nehmen wir an, Joy, Crichton et all. würden mit ihren Warnungen Erfolg haben (was wenig wahrscheinlich ist; letztlich vertreten sie nur die Alibi-Standpunkte einer „Wir haben’s aber gesagt-Generation“), nur mal angenommen: Würden also die USA, Europa, Japan und auch noch Australien auf die weitere Forschung in einem Bereich (Nanotechnologie, Gentechnik, Bio-Informatik ....) verzichten, so fühlten sich doch sofort Pakistan, Venezuela und wohl auch die Seychellen aufgerufen, die Lücke im Namen der Menschheit zu füllen! Sogleich würden sie den Fortbestand dieser Wissenschaft zum Staatsziel erklären (die jetzt anlaufende breite Motorisierung Chinas gibt von der Unbezähmbarkeit dieser unnachgiebigen Vernunft beredtes Beispiel). 

Und, noch optimistischer, wenn nicht! Nehmen wir an, es gäbe ein weltweites, staatlich verordnetes Moratorium: zu den trans-humanoiden Attributen dieser Forschungen zählt eben auch, dass ihre eigentlichen Erkenntnis-Peaks nur noch von ein paar wenigen Eingeweihten überhaupt identifiziert, jedoch kaum noch beurteilt werden könnten. Selbst bei einem „weltweiten Verzicht auf alle Wissenschaft, deren zweite Seite der Medaille wir nicht kennen“ -, in den Laboren wäre der Fortschritt, weil wir ja gar nicht wissen, wie er überhaupt aussieht, nicht einmal mit Blockwart-Professoren zu verhindern.

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Die mutige Entscheidung der FAZ, das Feuilleton für diese beispiellose Debatte nicht bloss gnädig zur Verfügung zu stellen, ist eine der radikalsten Kritiken des gegenwärtigen, weltweit gültigen Politik-Begriffs. Das Wagnis legitimiert sich aus der Erkenntnis, dass technologische Entwicklungen weder verhinderbar noch in ihrem humanistischen Telos verbindlich sind. Die eigentliche, und in vielen Beiträgen fächerartig ausgebreitete These lautet: 
Der politische Begriff von der Welt entstammt einem vergangenen Jahrhundert; das tatsächliche Handeln findet ohne die Politik, und streckenweise sogar ohne die Wirtschaft statt. 

Allerdings hat auch diese Diskussion selbst noch nicht das tatsächliche Niveau ihres Gegenstandes erreicht. Noch glaubt sie (die Diskussion) an die eigene Wirkung, noch versteht sie sich selbst als interventionistisch, noch ganz im Stande der Hoffnung. In dem die Zeigefinger jener Dissidenten auf die Gefahren hinweisen, wird Änderbarkeit suggeriert, Einflussmöglichkeit. 

Das ist - naiv. 

Ohne alles Pathos und cum grano salis, bitte sehr, es wird so kommen, wie (u.a.) Kurzweil es dargestellt hat: Der Mensch als Gattung ist nicht Ziel noch Endstation der Evolution. 
Crichtons Buch, richtig verstanden, sollte im Gegenteil dazu führen, die „Forschung am Rande der Menschheit“ mit aller Macht voranzutreiben, denn die garantierten, unvermeidlichen Fehlentwicklungen lassen sich, wenn überhaupt, nur aus dem Stande der (Er-)Kenntnis überwinden.

Vorschau-Reihenfolge: 
2003