Right or Wrong

My Evolution

über "Homo S@piens" von Ray Kurzweil

Ray Kurzweil und sein Buch Homo Sapiens

Ray Kurzweil erfand die erste OCR-Software, den ersten Flachbett-Scanner, den ersten Music-Synthesizer, die erste Spracherkennungssoftware u.a. und hat so für alle Zeit Technikgeschichte geschrieben. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen ehren seine Arbeit.

Als er 1999 sein drittes Buch „Homo Sapiens“ veröffentlicht hatte, schlugen die Wellen richtig hoch. Bill Joy, Co-Founder und Chief Scientist von Sun Microsystems, wetterte im April 2000 in „Wired“ gegen den nach seiner Meinung allzu apologetischen Umgang mit dem Fortschritt und löste damit eine weltweite Debatte aus über den Umgang mit der „Büchse der Pandora“ (gemeint war u.a. die Nanotechnologie mit ihren unberechenbaren Gefahren).

In seiner Buchbesprechung kommt Isaac van Deelen zu dem Schluss, dass jeder Appellativ (wie der von Joy) gut-menschlich naiv an den real existierenden Kräften vorbeiargumentiert.

Wollte man den ganzen Aberwitz des Denkens, zu dem wir bei der Betrachtung der uns umgebenden Verhältnisse gezwungen werden, in einem Zitat eindampfen, so fände sich möglicherweise in den Appendices von Ray Kurzweils Buch „Homo S@piens“ ein brauchbarer Kandidat. Dort findet sich auf S. 425 eine Zeittafel, die wie folgt beginnt:

    Vor 10 bis 15 Milliarden Jahren - 
    Das Universum wird geboren.

    10-43 Sekunden später -
    Das Universum kühlt sich ab auf 100 Millionen Billionen Billionen Grad. Die Gravitation entsteht.

Stimmt: Der gleichsam spielerische Umgang mit Zahlen und Dimensionen ist keine Erfindung Kurzweils. Doch im Gegensatz zu Stephen Hawking (der in seiner „Kurzen Geschichte der Zeit“ auch nur den publikumswirksamsten Versuch dazu unternommen hatte), vermittelt Kurzweil in der Gegenüberstellung von lang, kurz, heiss und HerrGott wenigstens noch eine gewisse Ironie. Zu Recht, wie ich meine, denn welcher in seiner dogmatischen Physis von Verdauen und Vererben vollends vergatterte VOM („Vorwiegend Orginalsubstrat Mensch“ - Kurzweil) könnte diesen Umgang mit UNGrössen ernsthaft für ernst nehmen? Physiker, Mathematiker – nun gut, aber echte Menschen?

Hilfreich an diesem Geplänkel ist aber doch die mentale Übung – quasi eine Art „Workout in Thinking“. Wir müssen lernen, unser geistiges Mühen zu strecken und zu beugen, müssen linke wie rechte Hirnmuskeln stärken. Denn nachdem nun die von Kurzweil ausgelöste – und von Joy und anderen mit Bannsprüchen, Donnerwettern und schwarzen Messen vorangetriebene – Debatte einmal über alle sieben Weltmeere geschwappt ist, jetzt müssen auch wir Normalsterbliche (VOM) uns damit auseinandersetzen. 

Warum? Womit?

Science Fiction war gestern. Das Zeitalter der Maschinen bricht aus. Kurzweil hat den Menschen abgeschafft. Als Hebamme einer neuen Gattung hat Kurzweil eine epochale geistige Wende eingeleitet, und in ein paar Jahren wird man von einer „zweiten kopernikanischen“ sprechen. Der Mensch als Massstab aller Dinge ist über. Die Kinder des Jahrgangs 00 sind in eine Welt geschleudert, die ihnen bald nachdem sie schauen, laufen und denken gelernt haben, den Platz bestreiten wird, den einzunehmen sie gerade sich anschicken wollen. 

Kurzweil ist Erfinder, Techniker und Unternehmer. Er hat sich andauernd und intensiv mit den technologischen Perspektiven beschäftigt. Wie Neal Stephenson, dessen Kompromiss noch darin bestand, seine Extrapolationen der bestehenden Technologie in Geschichten zu giessen, hält auch Kurzweil sich nicht mehr mit etwaigen Marsmenschen oder CyberDrogenphantasien auf, wenn er daran geht, die Rahmenbedingungen der Zukunft zu analysieren. Das Aufregende und für konservative Mitmenschen sicher auch Beunruhigende an Kurzweils Diagnostik ist, dass die Zukunft längst begonnen hat. Es ist rührend und, bedenkt man seine Position als ChiefScientist of Sun Microsystems, von der aus er argumentiert, atemberaubend naiv, wie Bill Joy sich anstrengt, einen Deckel geschlossen zu halten, während die Büchse darunter längst vom Holzwurm zerlöchert ist. Kurzweil behauptet und Joy, starr vor Entsetzen, schreibt dagegen an, dass des Menschen selbstherrlich-anthropozentrischer Alleinvertretungsanspruch auf Intelligenz, Bewusstsein und Identität in wenigen Jahrzehnten überkommen ist. Wie ein protestierender Saurier kurz vor der Eiszeit, hebt Joy warnend den Griffel: Masshalten! 

Menschen fühlen sich Maschinen rasch unterlegen. Günther Anders hat diese Tatsache (1954) als prometheische Scham bezeichnet und u.a. damit erklärt, dass wir „uns nicht vorstellen können, was wir herstellen können“. Schon heute sieht das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine ungleich extremer aus. Das liegt besonders daran, dass Menschen bei der sequentiellen Datenverarbeitung mit nur 200 Operationen pro Sekunde recht langsam vorankommen, während aktuelle Superrechner 10 Billionen solcher Operationen durchführen können. Das kann man nicht vergleichen, richtig. Denn trotz sequentieller Schwäche sind wir bei der so genannten „massiven Parallelverarbeitung“ von Signalen und Mustern dem Rechenknecht noch weit voraus. Und ausserdem - was haben wir daran nicht schon gelitten -, wenn es einmal wirklich darauf an kommt, ist selbst der tollste Superrechner strohblöd. 

Das wird sich ändern

, sagt Ray Kurzweil. „Es liegt in der Natur des exponentiellen Wachstums, dass Ereignisse in extrem langen Zeiträumen extrem langsam aufeinander folgen, dass dieser Ablauf aber im Knie der Zeitkurve eine gewaltige Beschleunigung erfährt. Genau dieses Phänomen erleben wir beim Eintritt ins 21. Jahrhundert.“ Diese Beschleunigung hat das „Gesetz vom steigenden Ertragszuwachs“ zur Folge: Brauchte es 90 Jahre, um für 1000 $ eine MIPS (Millionen Instruktionen pro Sekunde) kaufen zu können, so kommt heute jeden Tag eine MIPS dazu. Nicht nur wird die Packungsdichte der Transistoren auf den Chips (und damit ihre Anzahl) immer höher (was für sich schon zu einer steten Erhöhung von Rechenleistung führt), auch die Rechenwege zwischen den Transistoren werden immer kürzer (was wiederum zu mehr Ergebnissen in immer kürzerer Zeit führt). Gemeinsam bewirken diese beiden Acceleratoren ein exponentiales Wachstum der Ergebnisse – und eben auch der Erträge aus diesen Ergebnissen. 

Das fällt uns besonders schwer: Wir können uns eine lineare Entwicklung vorstellen, aber eine exponentielle – das Beispiel mit den Reiskörnern auf dem Schachspiel – überfordert unsere Vorstellungskraft. Verschärfend kommt hinzu, dass es sich bei den exponentiell wachsenden Erträge der Computerleistung ja keineswegs um simplen Reiskörnerzuwachs handelt, sondern um komplexe, ineinander verwobene Entwicklungslinien, die aus vielen (exponential wachsend vielen) Quellen zugleich gespeist werden. Und „dank“ dieser Behinderung erscheinen Kurzweils Prognosen, nach denen Mensch und Maschinen schon ab 2020, 2030 zusammenwachsen - bis hin zur Ablösung der Identität vom menschlichen Körper und schliesslich zur Auflösung des Identitätsbegriffs überhaupt (weil man nicht mehr sinnvoll zwischen einem Wesen und einem anderen unterscheiden kann, wenn sie in einem „Jupiterbrain“, dem Zusammenschluss aller Intelligenzen in einer einzigen Struktur, verschmelzen) - skurril, utopisch, ein wenig albern.

Einwände und Bedenkenträger allüberall. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Das wäre unaufgeklärter Unsinn! Das „Gesetz des Fortschritts“ lautet doch, dass, was gedacht werden kann, auch gemacht werden wird. Jaron Lanier, ein US-amerikanischer Computertheoretiker, hält dem Szenario immerhin kritischen Realismus entgegen: „Mag sein, dass Computer immer besser werden. Die Software jedenfalls wird immer schlechter.“ 
Und natürlich wird es schlimmer kommen, weil schief gehen wird, was schief gehen kann.

So what?

Im Verlaufe ihrer Entwicklung haben die Gesellschaften nie aufhören können, ihre internen Fehlentwicklungen zu regulieren (und zu deregulieren ...) – und die Gefahr, dass eine Fehlentwicklung den Untergang der Spezies Mensch auf diesem Planeten evoziert, ist seit der Entwicklung von ABC-Waffen virulent. Die Skizzen von Ray Kurzweil und die Gefahren, die Bill Joy beschreibt, und denen Kurzweil ja keineswegs widerspricht, geben uns groteske (?) Horrorszenarien an die Hand, von denen die „Übernahme der Macht“ durch „die Maschinen“ (wie HAL in 2001) noch zu den vergleichsweise überschaubaren Schauplätzen zählt.
 
Wir werden uns bemühen (müssen), Regularien zu finden. Isaac Asimov hat mit seinen drei Gesetzen der Robotik (http://www. evansville.net/~bob/robots/laws. html) einen ersten Ansatz dazu geliefert, der noch sechzig Jahre nach seiner Veröffentlichung als Markstein gilt. 

Ob Maschinen und Menschen verschmelzen, oder ob Maschinen eine intelligente Seinsform neben dem Menschen werden, das sind interessante, aber keine bedrohlichen Fragen*. „Ich“ werde (früher oder später) ein Hörgerät brauchen, und wenn „ich“ es mir einbauen lassen kann, bitte sehr. Danny Hillis, ehemals R&D-President bei Walt Disney, pointiert: „Ich bin mit meinem Körper ebenso zufrieden, wie alle andere, aber wenn ich mit einem Körper aus Silikon 200 Jahre alt werden kann, dann nehme ich ihn.“ Und Kurzweil fragt uns als Denkspiel, ob „Jack“ ein „anderer“ sein wird, wenn seine altersbedingte Sehschwäche mit einem Implantat korrigiert wird, - ob er sich selbst für einen anderen halten wird, wenn er, dank neuronalem Interface zu einer verlässlicheren Festplatte, endlich wieder den Namen von Bill erinnert, wenn ihm dieser auf der Strasse begegnet. 

Da stehe ich also, right or wrong, mit beiden Beinen auf der Seite des Fortschritts. Wenn es nun des Menschen Schiksal sein soll, als Gattung in evolutionär höher stehenden Maschinen aufzugehen – so what again. Das könnte sogar zum Leitgedanken der Ökologen werden, weil wir als Maschinen weniger Müll produzieren und auch sonst die Welt nicht weiter versauen. Aber: trotz fortgeschrittenem technologischen Positivismus machen auch mir zwei Fragen Sorgen, die sich mit dem Übergang, dem Dazwischen beschäftigen. 

„Was wird aus der Realität?“ 

Die Welt war, was sie war, war überschaubar, berechenbar. Die Mehrheit kannte nur, was sie sah und darin fügten Gott und allenfalls ein paar Könige (von Gottes Gnaden) die Gesetze. So war es, noch zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Shakespeare und Reich-Ranicki, Hegel und Habermas, die war Welt säuberlich und bis auf den letzten Furz vermessen. Herrschaftswissen hielt die Welt beisammen, selbst in seinen „Emmentaler“ Regionen, wo es von weissen Flecken ganz löchrig war (und noch immer ist). In Literatur, Liebe und Krieg wurde des Menschen Handeln an den Massstäben seiner Gesellschaften gemessen, geordnet und Kreidekreise haben genügt, Gut und Böse zu scheiden. Die Welt war, da gab es keinen Zweifel, was der Fall war. Und es war gut so!

Da stehen wir heute doch ganz anders da. Das Wissen, sagen wir netto, verdoppelt sich, sagen wir, alle 18 Monate (+/–); die verfügbaren Informationen dagegen explodieren. Was Welt ist, ist nicht zu sagen. Jeder Versuch – ein hilfloses Evangelium: Ich glaube ... Ich sag mal ... Wenn es gut geht (und die Geschichte nicht dazwischen fährt), hat jeder seine eigene kleine Welt. 
Wir können nicht nur nicht wissen, wir können uns auch nicht einigen: Der Fahrer des Wagens war ein Mann, eine Frau, es gab gar keinen. Das Auto war gross, grün, ein roter Sportwagen und ein Motorradfahrer war auch verwickelt. Drei Zeugen leben in fünf Welten, aber 100 prozentig! Und schliesslich verführt uns das Interesse: sollte ich nicht lieber gar nichts gesehen haben wollen? An die Stelle der Wahrheit tritt die Version. Realitäten schichten sich; wie in „modernen Partnerschaften“ (die deswegen zurecht „Beziehungen“ heissen) verabreden sie sich auf ein paar Parameter und Schnittstellen. Es gibt kompatible Realitäten (Ökonomie) und inkompatible (Esoterik). 

Und mitten in das Durcheinander platzt uns jetzt auch noch dieses Gesetz vom steigenden Ertragszuwachs: Jeder Server ein Universum; die Maschine, längst im Besitz der quantitativen Normierungshoheit, schickt sich an, die Gesetze selbst auszulegen. Ein paar Jährchen noch dürfen wir unsere Zwecke wählen (wenigstens glauben wir, dass wir das tun). 
Wenn, wie es uns Kurzweil prognostiziert, die Maschinen ihre Maschinenrechte einfordern, wenn sie, wie er in einer philosophisch-ironischen Sentenz ausmalt, bei der nächsten Volkszählung mitgezählt werden wollen, wenn die Lebenserwartung und Identität keine sinngefüllten Begriffe mehr sind, dann ist es nicht nur um die Realität geschehen. Ich fürchte noch mehr um die geistige Gesundheit. Zu den grossen Gefahren des ausgehenden 21. Jahrhundert zählt Kurzweil Softwarepathogene. Ich dagegen habe Sorge, dass uns epidemischer Wahnsinn schon viel früher dahinraffen wird. Deswegen beschäftigt mich die zweite Frage: 

„Wie (üb-)erleben wir den Übergang“

Eine Zeitmaschine wäre nett. Heute so, morgen so. Dazwischen nur eine Entscheidung; einsam vielleicht, aber klar und präzise. Selbst für den Jahrgang 00 stellt sich der Übergang dramatisch, aber relativ doch weniger dramatisch dar, wächst er doch von Geburt an hinein in das Dilemma. Uns geht es anders. 

Im „Knie der Zeitkurve“ wird es eng und enger, wächst das Tempo. Einerseits keine Panik: Gestern der ganze InternetHype, heute die Helden der Old Economy. Die Mode und die Moden, das wird alles nicht so heiss gegessen. Andererseits, verflixt, können wir ja nicht so tun, als wenn das alles Kindergarten wäre. Die Maschinen übernehmen die Arbeit. Damit fängt es schon mal an. Noch in diesem Jahrzehnt sieht Hans Moravec, der Robotik-Wissenschaftler, intelligente Roboter in den Haushalten. Die ganze Produktion kommt ohne Menschen prima zurecht – jetzt geht es der Dienstleistung an den Kragen und Kurzweil zeigt auf, dass in nur zwei, drei Jahrzehnten selbst die Musik lieber auf unser Zutun verzichtet. Was bleibt für uns? Und schlimmer noch: womit verdienen wir das Geld, die Dinge der Welt zu kaufen (von wem?), die die Maschinen entwerfen und produzieren? Wird, wenn daraus Not erwächst (und wie könnte sie ausbleiben?) der wieder aufflammende Verteilungskampf letztlich (noch ein letztes Mal?) in Bürgerkriegen und Anarchie enden? Es gibt da noch jede Menge Fragen kleineren Formates wie etwa: die Rente, die Überbevölkerung, der Verkehr ... Werden ein paar wenige gottgleiche Mogule in militärisch gesicherten Hochsicherheitsfestungen die wenigen, gewaltig grossen, letzten Kapitalströme dirigieren und, gleichsam wie Howard Hughes, ihre Unsterblichkeit organisieren?

Die Maschinen machen mich nicht bange. Wenn ich aber wieder einmal über einem neuen Geschäftsmodell brüte – und mir wieder nichts anderes einfällt als irgendeine lausige „Werbefinanzierung“, dann frage ich mich, ob wir insgesamt in der Lage sind, den Regelungsbedarf abzuarbeiten. Besteht etwa die Not darin, dass die Intelligentesten unter uns sich damit beschäftigen, die Probleme zu vergrössern (- in dem sie zu der Entwicklung des Gesetztes vom steigenden Ertragszuwachs beitragen -), während die weniger Intelligenten in die Politik gehen? Allein, wenn ich an die Trägheit der geistigen Willensbildung in diesem unseren aber auch in genügend anderen Ländern denke, an das gebetsmühlenartige Kleinkauen aller Entscheidungsgrundlagen, dann gewinnt in mir so etwas wie das „Gesetz einer sich exponential verschärfenden UnRegelbarkeit“ die Oberhand. 

* Anm. 2016: Seit Extinction von Katsuaki Takano ist das vielleicht doch eine etwas leichtsinnige Feststellung.

Vorschau-Reihenfolge: 
2000