Jeff VanderMeer schreibt „Southern Reach“

Weird Literature

Der schöne Nebel

Auf der dunklen Seite des Mondes, zweite Querstrasse rechts: Southern Reach

Spoiler: soweit mir das nötig erscheint, werde ich wesentliche Teile der Geschichte offenlegen. Das könnte der Verwirrung, die Jeff VanderMeer erzeugt, erzeugen will, abträglich sein.

 

14. 
Der Raum für Interpretationen entsteht in den Lücken eines prezisen Erzählgerüstes. Dort liegen die Fährten, denen das Leser folgen möge, um an den „eigentlichen“ Gehalt, an die Substanz der Worte zu gelangen.

Was, wenn das nicht so ist?

Wozu lese ich einen Mystery-Science-Fiction-Thriller, wenn es keine Fährten gibt, alles Erkennbare, Erklärbare, sorgsam wieder aufgelöst wird und der Leser vom Autor konsequent hinter die Fichten geführt wird. Was soll das?

 

6.
Der erste Verdacht: Du bis zu dumm. Fishermans Friends: Sind sie zu stark, bist Du zu schwach. Gut. Ich konzidiere das. Dann aber erwarte ich, und ich glaube auch: zu Recht, dass irgendwer Schlaueres das Rätsel entwirrt. Aber da ist nichts. In der Welt war zu lesen: „Wo ist eigentlich die Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, wenn man sie wirklich braucht?“ und ich zitiere das, obwohl ich gemeinhin wenig Neigung habe, die Welt zu zitieren!

 

12.
Was da steht: eine Gegend irgendwo, es ist ein Küstenstreifen, hat sich vor Jahren derart verändert, dass a) ihre Grenze für Menschen, mit Ausnahme eines „Portals“, unüberwindlich ist; b) Innerhalb der Grenze geschehen Dinge, die irgendwas mit Transformation zu tun haben, mit Krankheit, Infektion, Sterben, und was „am Ende dabei raus kommt“ ist „Natur“, die alle menschlichen Spuren gelöscht hat (das jedenfalls denken wir bis zum Ende des dritten Bandes, wo plötzlich wieder alle Spuren – Benzin- und Ölgestank, Plastikmüll … – vorhanden sind), über irgendeine Form höherer oder abseitiger Intelligenz verfügt und unbeirrbar und unbeeinflussbar seine Einflussspähre vergrössert. In einem Wort: AreaX frisst die Welt, zumindest: droht damit. Southern Reach ist eine Art militärisch-wissenschaftlicher Abwehrorganisation, die das verhindern soll. Und scheitert: an internen Spielchen, Paranoia, psychischen Veränderungen, die an die „Abberationen“ eines Woyzzeck erinnern. 

 

13.
Da ich, wie zumeist, dem Geschehen hinterher hinke (die Trilogie erschien 2015 auf deutsch), kann ich, was Rezensionen betrifft, auf Google, Amazon, die Welt, die New York Times und andere verweisen. Überwiegend wird der Autor hymnisch gefeiert, ohne Anspruch auf eine vollständige Sichtung habe ich nichts Negatives gelesen. Gern wird die Sprache gelobt, sehr gern wird hervorgehoben, dass es dem Autor gelungen sei, eine faszinierende, befremdliche Welt zu erschaffen. Mich verwirren diese Statements.
Ich möchte an dieser Stelle zwei andere Phänomene bedenken.

Die Motive des Autors
Die Gottesdienste der Apperzeption

 

9.
Jeff VanderMeer (JV) ist ein erfahrener, preisgekrönter Autor und auch Lektor. Wenn es darum geht, einen Text zu gestalten, kennt er beide, um nicht zu sagen: alle Seiten. Es macht daher keinen Sinn, Anfängertum oder Schwächen im Zugriff zu unterstellen oder zu untersuchen, zumal die Rezeption sich eindeutig dagegen ausspricht und seine Trilogie überdies die Bestseller-Liste der NYTimes anführte. Es ist Vorsatz, was er schreibt, wie er schreibt, und, wenn alle anderen Recht haben, so gelingt ihm sein Vorsatz.

Mir geht es so: ich versteh, was er schreibt, Wort für Wort, und ich habe keine Ahnung, worum es geht. ... Nicht ganz richtig: ich habe eine Ahnung, aber keine Deutung, keine Erklärung, keine Logik, nach der ich entschlüsseln kann, warum er schreibt, was er schreibt. Die Phänomene in AreaX haben weder Hand noch Fuss; gelegentlich kommt der Verdacht, es könne sich um eine Art "Rache der Natur" handeln, aber dann kommen so bizarre, verschwommene und abgelegene Motive ins Bild, dass dieses Deutungsmuster in sich zusammenfällt. Nein: es ist eine un-bestimmte Gefahr, eine un-logische Kontamination, eine kausal nicht verankerte Irgendwasheit, die JV beschreibt, klar ist: es ist eine existenzielle eine Bedrohung „der Welt“. Nebulös wird, was er schreibt, in dem die Handlung seitenweise konsekutiv und linear erzählt wird, immer wieder jedoch Sprengbombem sinnleerer, wirrer, verwirrender Satzpartikel eingerückt sind; als kennte der Computer Wortschatz und Grammatik, wüsste aber nicht, was ein Inhalt ist; Passagen, die kein Vorher und kein Nachher haben, dem gerade Gesagten widersprechen oder in eine komplett andere Richtung weisen. Es ist klar: ein Autor, der so schreibt, WILL die Verwirrung. Er webt die Verwirrung zwischen das Verständnis, und löst es dadurch auf, mehr noch, denunziert es: „DU Schlaumeier, Du verstehst mal rein gar nix!“

9a.
Warum? Ich weiss es nicht. Vielleicht ist es Stimulanzien geschuldet, Drogen, Pilzen, LSD-Phantasien? Egal: Es ist das Schreiben der Gegenaufklärung. Im doppelten Sinn: Du Publikum, sagt der Autor, bist schlau genug, Fragen zu stellen und im Verlauf einer Geschichte den Indizien zu folgen. Deswegen, glaubst Du, verstehst Du die Welt. Pah! Die Welt ist ein Mysterium, bleibt ein Gottesgeheimnis, und jetzt zeige ich Dir einmal, wie einfach es ist, Deinen kleinen, schnaufenden Erbsenverstand zu implodieren. Es ist also, genau genommen, eine Form der Publikumsbeschimpfung.

 

11.
Form und Inhalt – fallen auseinander. Das ist es: eine Desintegration der Kultur. Seit Jahren behaupte ich von der Philosophie, dass sie der Gegenwart nicht gewachsen ist, weil die zu schnell ist. Philosophie braucht Zeit, Redundanz, Mustererkennung. Dazu kommt es nicht mehr, weil sich die Muster zu rasch wandeln. Deswegen tauchen so olle Kamellen auf, Eribon, delaGasnerie, Zizek, das erkennt man wenigstens wieder. Wo ich aber nicht hingedacht habe ist, dass es der Literatur nicht viel besser gehen kann.

Ich mache eine Analogie zum Business: wenn Du eine Technologie neu erfindest, dann muss sie "nur" funktionieren; die Form ist ... zunächst Nebensache. Je reifer die Technologie wird, desto wichtiger wird die Erscheinung. Bis zu dem Moment, wo die Erscheinung in die Vorhand geht; dann ist es wurscht, was es ist, Hauptsache, es sieht gut aus. So ungefähr erscheint mir das Schreiben des JV. Eigentlich hat der ganze Mist doch schon mit Twin Peaks angefangen. Und dann CSI. Und dann Bundesregierung. Das ist doch eine streng kausale Abfolge, oder. 

 

18.
Während ich das schreibe, sitze ich in einem unbequemen Strandkorb. Oben auf der Düne steht ein aufgeständerter Glaskubus, Marke "modern", die Ecken rund. Das ist das Standesamt, eine Zweigstelle, in dem soeben das 4. Paar dieses Vormittags getraut wird. Nach der Trauung die (obligate) Photosession am Strand und ich höre, sozusagen vom Beipackzettel, die wechselnden Gestaltungsbefehle der Hochzeitsfotografin: "Die Hand, höher, höher, so ist gut, halten, lächeln." Nach dem Brautpaar sind die Brauteltern dran, dann die Schwiegereltern der Braut, Kinder wimmeln zwischen den Füssen, die Fotografin hat die Schuhe ausgezogen. Es ist beeindruckend, wie unbeeindruckt die Hochzeitsgesellschaften ihrer Binneninszenierung folgen, während um sie herum nackte Schwabbelbäuche in der Sonne gebadet werden und Plantsch-Standards stattfinden.

In der AreaX gilt eine andere Zeitrechnung.

 

3.
Die zweite Ebene der Gegenaufklärung ist natürlich die Abwendung des Autors vom Sinn voms Janzen. Es interessiert ihn nicht. Es ist der blanke Zynismus, mit dem der Autor seine Unfähigkeit, die Welt zu erklären, vermittels seiner Fähigkeit feiert, das Unerklärliche in Worte zu fassen. Es ist eine Welt-abgewandte Seite der Literatur. 

 

21.
Habe immer wieder das Gefühl, dass mir der Autor die Zeit stiehlt.
Warum lese ich es dann?

Ich habe in meinem Leben zwei Tage lang Tetris gespielt, am Stück sozusagen. Als ich den Flow verstanden hatte, war auch das Interesse erschöpft. Allgemeiner gilt: Ich lese Stephen King nicht und auch nicht Fantasy, schon gar nicht Mystery, micht interessiert weder Horror noch gar Splatter; ich habe Fantasie. Und hätte auch JV nicht gelesen, wäre ich gewarnt gewesen. Ich bin dem Autor erst nach und nach auf die Schliche gekommen, und schliesslich war die Frage: ob ich der vielen schlechten Zeit noch gute hinterherwerfen würde, nur um das Ende zu kennen? Andererseits ist es ja so: vielleicht wäre es mein Fehler gewesen, wäre ich unverständig, beschränkt in meinen Mitteln etc.. Das will ich mir nicht leisten. Wenn schon ein Urteil, dann erst das Schiff aus dem Wind drehen und dann: Breitseite …

Das Normalste von der Welt wäre es aber doch, eigentlich, den Autor mit seinem kunstvollen Gebrabbel allein zu lassen, nicht hinzuhören, sich Wichtigerem zuzuwenden. Das geschieht - nicht. Besonders auf Amazon ist nachzulesen, wie sich zahllose Leser ihrerseits dafür feiern, dem Mystezismus zu huldigen, dem Autor Qualitäten anzudichten und einer nachgerade Nietzsche’anischen Parole („Sinn ist tot!“) Tribut zu zollen. Ich fürchte, das ist ein Zeitzeichen.

 

8.
Einen seiner Protagonisten nennt der Autor „Control“; wenn es in dieser Story eine Person gibt, der alles entgleitet, so ist der es. Control ist schwach und reaktionsarm, lässt sich von allen, die er „führen“ soll, auf der Nase herumtanzen und macht, auf jeder Seite, auf der er auftaucht, mindestens vier kardinale Fehler pro Absatz. Aus irgendeinem dunklen Grund ist aber Control derjenige „der einen Unterschied macht“, sagt die Direktorin, oder es war die Biologin. Und warum? 

Die führungsstarke „Direktorin“ findet nicht die nötige Führungsdistanz zu ihrer Aufgabe, stürzt sich, anstatt zu führen, mitten ins Geschehen, geht heimlich in die AreaX, was, wie auch der Leser inzwischen weiss, mit phantastischen, gruseligen, unsagbaren Risiken verbunden ist; sie wird dabei getötet, transformiert, wiedergeboren oder gerät in Zeitschleifen, was weiss ich. Die Biologin, als Einzige, leistet sich einen Widerstand, wofür? Wogegen? Zu welchem Ziel? Sie bleibt am Ende damit "erfolgreich", also vielleicht, sie überlebt, möglicherweise, zusammen mit Grace, der stellvertretenden Direktorin. Die ist (vor allem in Band zwei) von Eifersucht zerfressen und in böswilliger Grantelei absorbiert; und sonst? In der Ferne schachern Lowry und Severance um Macht und Deutungshoheit, und Lowry hat ein „dunkles“ Geheimnis; vielleicht ist er verantwortlich „für das alles“. Und welche Rolle Whitby spielt, Vorschläge wären willkommen. 

Das Abwegigste der ganzen Konstruktion ist, dass alle, die irgendeinen Beitrag zur Entschlüsselung des Phänomens AreaX leisten sollen, von ihren „Vorgesetzten“ durch psychogene Manipulationen (Suggestionen, Hypnosen, diesen Richtung), systematische Fehl- und Nichtinformation und kontraproduktive Zielsetzungen daran behindert werden. Schwer zu zählende "Expeditionen" gehen buchstäblich dabei drauf, sterben, transformieren oder werden verrückt, werden umstandslos geopfert. Dabei weiss niemand, wer wem welche Falle in welchem Loch versteckt hat. Und warum schon gar nicht. Höchst allegorizistisch, das.

Eine spätpubertäre Auslegung der Zeichen liesse sich vielleicht so zitieren: Die Menschheit ist bedroht, alle, die etwas dagegen tun sollen, werden von allen anderen mit politischen Spielchen darin behindert, am Ende siegt die Bedrohung. 

 

1.
Du musst das nicht lesen. Es hilft auch nicht, es mehr oder weniger tump, mehr oder weniger schlau zu erklären. Es ist einfach Quark, sauber gestrickt, gelegentlich mit wohlgesetzten Worten verfeinert. Es ist nur so: wenn der Bedarf an Sinn und Aufklärung an der Unfähigkeit strandet, der Welt ein Gerüst einzuziehen, dem Wasser eine Arche aufzuschiffen, nein, sich überhaupt damit auseinander zu setzen, dann darf es mich nicht wundern, wenn solche Texte Kult werden. Richtig ärgerlich wird es am Ende auf Seite 323. 

„Warum Angst haben vor etwas, das sich nicht verhindern liess? Nicht verhindert werden wollte? Waren sie nicht der Beweis für ein Überleben?“ …

„Es gab nichts, vor dem man irgendjemanden hätte warnen müssen. Die Welt drehte sich weiter, auch wenn sie auseinanderbrach, sich unwiderruflich veränderte, zu etwas Merkwürdigem und anderem wurde.“ …

Finde Dich damit ab. Stimme dem zu, das Du nicht ändern kannst. Die Welt geht unter, so what. Zwei Überlebende, na bitte, geht doch. Auslöschung. Autorität. Akzeptanz. Die Titel sind Programm. Das, mit Verlaub, ist reaktionär; das ist das Ende der Menschheit.

 

1c.
Dann lieber Tom Hillenbrand. Das eigentlich Erstaunliche ist, dass Southern Reach gut geschrieben ist: was die Wörter angeht. Hier ist es also umgekehrt, deswegen war mir eben Tom Hillenbrand eingefallen: Der einen guten Inhalt nur mittelgut schreiben konnte. 

 

1a.
Die eigentliche Frage ist, warum „die Kritik“ sich überschlägt. Ich habe verschiedentlich den Verdacht geäussert, dass die Rolle der Medien sich ändert. Wieder einmal, und nach einem Vorbild, das überwunden geglaubt war. (Ganz allgemein ist es natürlich so, dass Geschichte kein Fortschritt ist; eine Ächternachter Springprozession, wenn‘s gut geht.) 

Es gibt Zeiten, deren Spiritus Rector der Analyse, der Logik und einer überwiegend am Gemeinwohl ausgerichteten Weltanschauung verpflichtet ist. So sind die Zeiten nicht. Beispiel: Andreas Mihm kommentiert heute in der FAZ, dass es fraglich sei, ob das Abschalten von Kohlekraftwerken dem Klimaschutz diene, wenn nicht auch „alle anderen“ ihre Kohlekraftwerke abschalten. Vorsätzlicher Unfug. Analog die Kritik hier: Dass und wie es dem Autor gelingt, sich unter dem Bedeutungsradar zu halten, sich der Interpretation zu entziehen, DAS ist das goldene Kalb. Oder: er habe da eine wunderbare Welt erschaffen; phhh. „Still, I could have used a little more illumination. Though the novels are all deeply satisfying, our business with Area X feels unfinished.“ Vorsätzlicher Unfug. Weiter, immer weiter, Beschäftigung, einarmige Banditen, die Zeit totschlagen; nur nebenbei: "what business?". Ca c‘est l‘art pour l’art. Diese Art Literatur in die Bestseller-Listen zu schreiben, ist Gegenaufklärung, aktive Verdummung.

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