Was auf dem Spiel steht

Philipp Blom

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Buchtitel Philipp Blom - Was auf dem Spiel steht

„Es ist zu früh, um zu sagen, welche dieser beiden Seiten die Geschichte auf ihrer Seite haben wird. Untergangspropheten sind eine ermüdende Begleiterscheinung kultureller Spannungen. Dumme Optimisten allerdings sind noch anstrengender.“ 

 

I.

Wer wollte nicht scheitern, wenn er sich das grosse Ganze, den Weltuntergang vornimmt? Es ist zuviel, zu komplex, die tausend Fäden, die Du in der Hand halten musst, Du wirst Dich verheddern, sie werden Dir entgleiten.

Philipp Blom schreibt ein viel versprechendes Vorwort. Vieles von dem, was heute gesagt und bedacht werden muss, steht bei ihm auf dem Zettel: die Widersprüche der liberalen Demokratien, das Versagen des Marktes und der „Marktfundamentalismus“, die Gefahren eines autoritären Populismus, die Bedrohung durch die Digitalisierung, die Katastrophe des Klimawandels und übergreifend die Ökologie. Natürlich hat Blom das gleiche Problem, das alle haben, die sich mit diesen Fragen auseinandersetzen: Wie soll es gehen? Realismus und Dynamik verengen den Denkraum.

II.

Es ist ein probates Mittel, dieses Problem zunächst einmal über die Herleitung einzugrenzen. Ausführlich und über weite Strecken sachlich richtig analysiert Blom zunächst Entstehung und Verankerung der liberalen Demokratien im Denken der westlichen Zivilisationen. Historisch spielt dabei die „Aufklärung“ eine zentrale Rolle. Er zeigt auf, dass es in der Logik dieser Traditionen fest verkeilt ist, dass eine Auflösung all der Probleme auf gesellschaftlicher Ebenen allerhöchst unwahrscheinlich ist. Zu nahe sitzt das Hemd, zu weit weg die Hose. Die Einsicht in die Notwendigkeit radikaler Schritte ist nicht zu erwarten, oder sagen wir es genauer: im Einzelnen und beim Einzelnen schon, nicht aber bei der Summe aller Betroffenen: in der Gesellschaft als einem pastosen Gesamtkörper. Was also ist die Alternative?

Nach einer Diskussion des Marktfundamentalismus, der sich bei der Abwendung katastrophaler Entwicklungen als untaugliche Struktur erweise, zeigt Blom, dass auch die rückwärts gewandten autoritativen Strukturen, wie wir sie in den letzten Jahren in vielen Gesellschaften beobachten mussten – in einem Summenbegriff nennt er sie: die Festung – nichts anzubieten haben, das auch nur in die richtige Richtung weisen würde. Und weist nach, dass die Abwendung der Katastrophe von dort ebenfalls nicht zu erwarten ist. Und damit hat sich der Autor in eine Falle geschrieben. Er spürt den Druck seines eigenen Textes, aus diesem Dilemma irgendeinen Ausweg weisen zu müssen, und sei es, andeuten zu müssen … aber es dabei zu belassen, dass es so nicht geht und so auch nicht, so geht es auch nicht. 

 

III.

In seiner Not entscheidet sich der Autor für einen Kunstgriff, der ihm jedoch zum Griff daneben gerät. Er führt eine fiktionale Lösung ein: nehmen wir mal an, aus Gründen die wir weder ahnen noch erkennen können, alle Menschen haben in einer in der nahen Zukunft liegenden Nacht einen und zwar denselben Traum, in dem ihnen der Untergang ihrer Welt in drastischer Deutlichkeit gezeigt wird. So. Jetzt wissen alle Bescheid, und jetzt entrollt der Autor mehrere Teilstrecken von Szenarien, die allesamt der nächtlichen Einsicht ALLER Menschen entspringen, dass es so nicht weiter gehen kann. Der Autor zeichnet die dann einsetzenden Entwicklungen nicht als eine rosige Erlösungsphantasie, sondern ist bemüht, weiterhin all dem Durcheinander, den Widersprüchen,  Misslichkeiten und Hohlwegen einen Raum zu geben, die es eben mit grosser Wahrscheinlichkeit in JEDER Entwicklung geben wird. Die Einen denken so, die anderen so. Manchmal kann sich ein guter Ansatz auch durchsetzen, oft nicht. 

Dabei gerät auch der Text durcheinander. Es kommt, notwendig, zu allerlei Widersprüchen, insbesondere, weil der Autor nicht hinreichend zu berücksichtigen vermag, dass, und wie alles mit allem zusammenhängt. Viele der Teilszenarien, die er teils als Lösungsansätze und teils als menschlich unvermeidliche Irrtümer oder Fehlentwicklungen skizziert, stehen sich gegenseitig auf den Füssen, darunter die Einführung des BGE einerseits (weltweit??, wird nicht klar), die fortschreitende Klimakatastrophe und die Entwicklung der Migration andererseits, unberücksichtigt die Verwerfungen auf dem Kapitalmarkt und von Verteilungskriegen ist, wenn ich es recht erinnere, als einem Nebenschauplatz die Rede (wenngleich die drohenden Atomwaffen zuvor als fort existierende Rahmenbedingung genannt waren). Überhaupt sind die längst global kommunizierenden Entwicklungsröhren aller gesellschaftlichen Faktoren bestenfalls nicht bedacht, ungünstigstenfalls in falsche Kausalitäten und Konnotationen gestellt.

 

IV.

Gelegentlich enervierend gerät dem Autor das Einerseits/Andererseits, immer wieder nimmt eine Argumentation eine Richtung auf, dann aber hoppelt der Text vor und zurück. Grad war eine Diagnose gestellt und der Text schreitet der Therapie entgegen, da werden noch mal diese und jene anamnetischen Alternativen verprobt, es geht … einen halben Schritt voran, aber nein, doch noch mal zurück zu dem Argument … Eine Ächternacher Springprozession. Das muss gesagt werden, letztlich ist nicht das das Kriterium des Scheiterns. In sehr vielen diagnostischen Befunden zeigt Blom, und das gerät ihm besser als ich es anderwärts gelesen habe, dass auch eine Diagnose oft uneindeutig und dialektisch bleibt, eine Reihe von gemeinhin unberücksichtigten Faktoren einbeziehen müsste. Dabei bleiben die Probleme selbst deutlich und eindeutig, aber die Ursachen sind nie soo klar, wie wir es gerne hätten. Das Scheitern des Textes hat mit der Unentschiedenheit des Autors zu tun. Ich meine, der Autor scheitert am Ende nicht textlich, sondern charakterlich, sagen wir auf der Seite des MindSets. Er verweigert die Konsequenz seiner Analyse aus, wie ich glaube, moralischen Bedenken: was in der Analyse als scharfsichtig erscheint, ist mit Blick auf die Lösung von Weltuntergangsproblemen untauglich. Denn das „Vielleicht“ ist dann keine Option: Wenn es schon unwahrscheinlich ist, die Energie und Entschiedenheit zur Abwendung der Katastrophe kollektiv zu organisieren, so ist es ganz gewiss unmöglich, wenn die dazu notwendigen Massnahmen in der Vorschau auf ihre Wirksamkeit bezweifelt werden (können). Und noch einen Schritt weiter: nachdem er Marktfundamentalismus und autoritative Strukturen als untauglich abgewiesen hat, bleibt ihm keine Alternative! Um der logischen Konsequenz zu entgehen, führt er die genannte Traumsequenz ein und verstolpert sich darin. 

 

V.

Es fällt mir leichter, Philipp Blom zu kritisieren, als es mir selbst besser gelingen wollte/würde. Das Problem des Weltuntergangs ist einfach eine recht grosse Nummer.

Obwohl ich also im Ergebnis eher kritisch gestimmt bin (wenigstens zu der argumentativen Entwicklung nach dem Traum), halte ich das Buch und auch die Lektüre nicht für vertan. Es IST ein dickes Brett, und es ist nicht zu erwarten, dass es ein Autor in einem Angang durchbohren wird. Zu Verdiensten Philipp Bloms zählt, dass er mit der Fehlfarben-Analyse der liberalen Demokratie ein wesentliches Kapitel beigetragen hat. Yuval Noah Harari hat mit dem dritten Kapitel von „Homo Deus“ und seiner Analyse des „Humanismus als Religion“ einen anderen Anlauf genommen. Und weitere sind nötig. Die nach meiner Meinung grösste Herausforderung besteht darin, ein lebenswertes Gesellschaftsbild zu formulieren, in dem die notwendigen, restriktiven radikalen Korrekturen der humanen Ökonomie nicht in faschistoide Strukturen einmünden.

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