Sibylle Berg schreibt "GRM – Brainfuck"

Nicht auszuschliessen

GottSeiDank nicht bei uns

Cover des Buches GRM
Lecker Grime

Porth, Goetz, Houellebecq, Biller, Berg. Nicht eben meine literarische Grundversorgung, oft genug reizt es mich nicht einmal zur Kritik. Sibylle Berg hat sich mit GRM-Brainfuck in meiner persönlichen Literaturgeschichte eine eigene Kerbe verdient, OBWOHL ich das Buch ziemlich widerlich finde. 

GRM erzählt viele Geschichten, darunter als eine Art Kern- oder Rahmenhandlung die von vier Kindern, die die Autorin von der Schwelle ihrer Jugendlichkeit durch die Pubertät bis in die frühen Jahre als Erwachsene begleitet. Die Handlung „spielt“ in Britain, und die Anführungsstriche stehen dafür, dass diese Form der literarischen Zusammenfassung, „spielen“, ungefähr das Abgefuckteste wäre, was man über die Handlung sagen könnte. Da „spielt“ nix, es ist eher Hardcore, schwärzer als Hollywood – und nicht einmal dystopische Comics es je hingekriegt haben! Es ist nicht ganz klar, wann die Geschichte spielt; vieles erscheint gegenwärtig oder sozusagen „gleich“, aber ganz sicher entwickelt sich die Geschichte in die Zukunft; wäre Science im Spiel, man könnte auf die Idee kommen, es unter SF einzusortieren. Das wäre misleading. Es unter Dystopie zu kategorisieren, ist sicher richtig.

Die Geschichten der Kinder beginnen als Einzelschicksale. Es hat einmal Eltern gegeben, manche von ihnen sind aus dem Leben gefallen, manche haben sich umgebracht oder sind dabei, sich um den Verstand zu saufen. In ihrem „Familienteil“ sind die Kindergeschichten allesamt Untergangserzählungen, Gewalt, Katastrophen, Krankheiten, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit – und genau dort laufen die Einzelschicksale zusammen, in der Obdachlosenunterkunft einer im Zerbröseln begriffenen englischen Untermittelstadt. Von hier aus verlassen die 14(oder so)-Jahre alten Kinder ihre desolate Situation oder sie werden verlassen, jedenfalls tun sie sich zusammen und gehen nach London.

Es ist ein Aufbruch, sehr vage erinnert es an Christiane Rochefort (Zum Glück geht‘s dem Sommer entgegen), der aus der Verwahrlosung, dem Missbrauch und der Gewalt heraus „ins Offene“ zielt. Er folgt der Hoffnung auf Leben, Befreiung, Ungestörtheit, zeigt aber recht rasch, dass es das Überleben auch in einer anarchischen Kinderkommune nicht geschenkt gibt. Kleinkriminalität und Prostitution erscheinen unvermeidlich, Freunde werden Zuhälter und zum, von verführen bis zwingen, confidential Drogendealer.

Der Weg aus der Scheisse führt direkt in die freie Scheisse.

Bald entsteht ein Plan, all die umzubringen, die sich schuldig gemacht haben oder die Schuld sind. Dieser Plan und seine schrittweise Umsetzung gibt Gelegenheit, viele andere Geschichten zu erzählen – ein schuldig schuldloser Arzt kommt ins Bild, der möglicherweise künftige Premierminister und seine Familie, ein reicher Russe, ein Panoptikum an Figuren – und dabei zu zeigen, in welch verrottetem, abartigen, desolaten Zustand die ganze Gesellschaft ist. Die bis zu den Perversionen reichende sexuelle Vielfalt ist dabei noch das Harmloseste und bildet eine Art Kammerton dieser Gesellschaft. Ich selbst bin ja dem Ficken nicht abgeneigt, doch so, wie es mir in Quantität (geschätzt 500 Mal) und Qualität hier entgegentrat, hat es nur Übelkeit erzeugt. Und wo Sexualität ausartet, wohnt reichlich Gewalt nebenan. 

Technologien,

vor allem die Digitalisierung, haben die Gesellschaft dahin gebracht. Auf der einen Seite erfahren wir von den durch kaum eine Spezialisierung schützbaren, nämlich strukturellen Verlusten an Erwerbsarbeit –, eher befremdlich, dass überhaupt noch irgendwelche Menschen ihre Arbeitskraft verkaufen können –, auf der anderen Seite stehen die sozialadministrativen Zurichtungen, mit denen „der Staat“ versucht, das Chaos zu sedieren oder unter den Teppich zu kehren. Dabei wird das Bedingungslose Grundeinkommen und die dafür eingeführte Ver-Chippung der Bevölkerung eine zentrale Rollen spielen, sowie die dadurch natürlich ermöglichte VOLLkommene Transparenz und Überwachung ALLER. 

Durch die zufälligen Verluste an Elternschaften – die nämlich zur Erlangung des BGE auch ihre Kinder hätten Ver-Chippen lassen – ist der Kinderkommune die staatliche Oberaufsicht erspart geblieben. So können sie als nicht identifizierte, gleichsam freischwebende Subjekte in den noch nicht durchdrungenen Randbereichen der Gesellschaft überleben, einer Industriebrache, Resten von Bargeldwirtschaft und eben mit Hilfe kleinerer Kriminalitäten. Streckenweise tun sich die Kinder des (ich nenne das so) asozialen Widerstands zusammen mit einer Clique von Hackern, ebenfalls kaum dem Kindesalter entwachsen, die in diesem Setting sozusagen den politischen Widerstand repräsentieren und – mit einem erwartbaren Ergebnis – an einem grossen Scoop arbeiten.

Unpassend

Ich muss jetzt einräumen, dass diese Form einer gesittet sich bemühenden Rezension dem Buch natürlich nicht gerecht wird. Das Buch ist nicht gesittet. Es ist krude und bösartig, brutal, redundant, farbarm grau, das aber in allen Schattierungen. Es ist dennoch lesenswert, besser, wie ich finde, hörenswert. (Ich neige ganz allgemein dem Hörbuch zu, in diesem speziellen Fall aber erscheint mir der mündliche Vortrag dem Stil und dem Inhalt des Buches angemessener: ich will diesen – literarisch richtigen, passenden – Jargon schlicht nicht lesen.)

Nach einigen Überlegungen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das beste Argument für dieses Buch die Hoffnungslosigkeit der Sibylle Berg ist. Was sie schreibt, steht uns bevor, und eben doch nicht uns, sondern den Kindern – so jedenfalls steht es zu befürchten –, deswegen sind sie die zentralen Protagonisten: es ist KEIN Kinderbuch. GRM hat seinen kulturellen Standort in Sound und Inhalt rechts neben Rezo – der wenigstens noch Hoffnung hat: Die Autorin weiss Bescheid, kennt sich aus in Wissenschaft und Forschung, weiss um die Digitalisierung und ihre Potentiale, und weiss die Möglichkeiten, mit denen die Zukunft droht, in ein breites Panorama zu überführen.

Schlimmer als bei ihr kann es kaum kommen, aber SO kann es kommen.

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