Yanis Varoufakis schreibt Die Ganze Geschichte

Mission: Impossible

Histroy @ Work

Das europäische und internationale Personal
Das Buch mit vielen Merkzetteln
Es ist selten, dass ich ein Buch sozusagen "durcharbeite"

Disclaimer: In diesem Text wird zumindest ein besonders spannend zu lesender Aspekt des Buches offengelegt. 

It’s been a hard days night
and I’ve been working like a dog.

So ungefähr muss es gewesen sein, und wenn man es einmal zusammenzählt, so hat Yanis Varoufakis (YV) im ersten Halbjahr 2015 vermutlich an die 17einhalb Stunden geschlafen, also insgesamt. Mehr Zeit war nicht, das jedenfalls glauben wir sofort, wenn wir die 600+ Seiten „Adults in the Room“ („Die ganze Geschichte“, bei Kunstmann) zur Seite legen. Whow! Was für ein Buch!

Wer hat nur den bekloppten Titel verbockt?

Die Kommentatatoren sind sich darin einig, dass es ein vergleichbares Buch noch nicht gegeben hat. Insider-Stories …, das ja, auch zart nachkolorierte Lebensbeichten, aber wenigstens im (relativ aktuellen) politischen Umfeld habe ich diese Offenheit, Detailtreue und Authentizität noch nicht gelesen. Als Publikum sind wir es gewohnt, von der Politik mit vorgestanzten Textbausteinen abgespeist zu werden, und das führt zwangsläufig zu verschwörungsähnlichen Interpretationen. Wie auch anders: wer nichts weiss, der stochert im Nebel. Auch die „Hintergrundgespräche“, in denen Journalisten im Schlepptau der Interessen vielleicht einmal 2, gar 3 „Wahrheiten“ zum Frass vorgeworfen werden, produzieren ja eher Korruption als Transparenz. Faszinierend ist deswegen weniger der Blick durch’s Schlüsselloch auf das Menschlich-Allzumenschliche; es ist der Blick auf die Agenden, die Strategien und Taktiken. 

Yanis Varoufakis (YV) gewährt Einblicke in die Mechanik der Macht, in die Abgründe, Sachzwänge und Abhängigkeiten, bis in die psychopathologische Struktur politischen Handelns. Diese Einblicke, das ist das Besondere, informieren uns auch dann, wenn sie falsch oder gelogen (Achtung: Konjunktiv) wären, denn falsch oder gelogen wäre dann nicht die Mechanik, sondern allenfalls die jeweilige personale Zuordnung oder Verantwortlichkeit: es ist ja gleichgültig, ob (nur ein! Beispiel) Jeroen Dijsselbloem wirklich dieses brutal-glitschig-opportunistische Arschloch ist, als das er gezeichnet wird – der Punkt ist, dass es dieses brutal-glitschig-opportunistische Handeln real und fortdauernd GIBT. Das ist jetzt keine Überraschung, gemutmasst hatten wir es ja immer schon. Aber die polit-übliche Rede davon, dass es (für irgendeine, … sagen wir: machiavellistische … Interpretation) „keine Belege gäbe“, diese beschwichtigende Neutrallüge als diskursive Figur („.. das ist jetzt aber spekultativ …“) ist damit ein für alle Mal vom Tisch. Die Politik ist genau so, wie wir es uns immer schon vorgestellt haben.

Aber nein!
Ich habe das Buch nicht deswegen nicht aus der Hand legen können, weil es mir ein paar langbärtige Vermutungen bestätigt hat. Auch nicht, weil es zum x-ten Mal den Politisprech denunziert, und sogar nicht einmal deswegen, weil es en passent verständlich macht, warum einige Aspekte des Politsprech schlicht unvermeidlich sind, wenn sich mehrere Interessen um ein-und-denselben Sachverhalt balgen. Diese Facetten haben zwar ihren eigenen Wert und sind, je nach Standpunkt, wenigstens unterhaltend; das wirklich spannende für mich aber war der detaillierte Einblick in die Notwendigkeiten, Kräfte und Strukturen beim Versuch eines Systemwechsels. 

 

König für einen Tag

"Was würdest Du tun?!" – so die Frage: "Für einen Tag lang kannst Du alles ändern." Ein beliebter Topos. Was Du bei YV lernen kannst ist dies: es wird Dir schwer fallen, wenigstens mal eine Pizza geliefert zu bekommen - nicht zu reden von „allem anderen“. Wir pflegen da gern ein paar naive Vorstellungen, aber die Etats sind verplant, die Stellen besetzt, die Dinge haben ihre Fristen, Vorläufe, Formalhürden, und selbst wenn Du ein ausgebufft-erfahrener Profi wärest: nur sehr wenige Dinge in einem solchen langsam und behäbig dahinzuckelnden Dampfer sind nicht verzurrt, verschraubt, vernagelt und verlötet.

Syriza .. ante portas

Der Wahlsieg des linken, manche sagen, des „linksradikalen“ Lagers war absehbar gewesen. Alexis Tsipras und die Syriza hatten sich bereits in den vorhergehenden Wahlen recht nahe an die Regierungsbank herangerobbt, und im Herbst 2014 schien es dann klar, dass ein Wechsel unvermeidlich war. Die Vorgänger-Regierungen bis hin zum Kabinett Samaras (2012-2015) hatten das Land willfährig dem Diktat der Eurogruppe und deren Terminatoren, der Troika, ans Messer geliefert, und diese von niemandem gewählten und durch nichts legitimierten Technokraten hatten Lakaien auf den zentralen Positionen Griechenlands installiert: im HFSF, in der „unabhängigen“ Privatisierungsbehörde, in der griechischen Zentralbank, im griechischen Steueramt und in der Statistikbehörde. (YV sagt es so explizit nicht, aber mit Blick auf die korrupten Strukturen Griechenlands liessen sich durchaus eins, zwei Gründe für dieses Vorgehen benennen ...)

Anyway: Es wurden die „15 Weltminuten“ des Yanis Varoufakis. Sein Erscheinen war ein globales Ereignis: Nie zuvor hatte ein „namenloser“ Finanzminister innerhalb von 14 Tagen Weltruhm erlangt (selbst Joschka Fischers „I’m not conviced“ war ein blasses Räuspern gegen das still-donnernde, konziliante NEIN! des YV). Um sein politisches Gebaren und öffentliches Auftreten – in London etwa erschien er in zu engem Hemd und Ledermantel – gab es damals viele Diskussionen, öffentlich und auch privat. Ein Freund führte gegen meine Verteidigung (von YV) ins Feld, dass der es ja nicht einmal versucht hätte, die gewaltige Steuervermeidung und Steuerflucht anzugehen: Dort immerhin wäre doch wohl Geld zu holen gewesen. In Unkenntnis der Lage musste ich das einräumen; heute weiss ich: YV hätte sehr gern diese Steuern eingetrieben und hat auch erhebliche Anstrengungen dazu unternommen. Jedoch hatte er auf die Institutionen, die ihm zwar nominal unterstanden – und für die er in aller Welt in die Verantwortung genommen wurde – schlicht keinen Durchgriff! Und das war weder Zufall noch politisches Versäumnis, sondern das Ergebnis eines Souveränitätsverzichtes, den die griechischen Regierungen bis Samaras im Gegenzug für die sogenannten „Rettungspakete“ herzugeben genötigt waren (YV sagt: halb zog es sie, halb sanken sie nieder …). 

Varoufakis übernimmt sein Amt in einer Situation, in der europäische und andere Insititionen (die Troika, die Arbeitsgruppe „Eurogruppe“, die EZB, der IWF, der IMF …) alles daran setzten, die soeben gewählte Regierung mit allen verfügbaren Mitteln und Methoden wenn möglich zu stürzen, oder zu vertreiben, oder wenigstens zu behindern – … es .. sei .. denn, diese erklärt sich bereit, sich bedingungslos dem konzertierten Diktat dieser Institutionen zu unterwerfen. Vom ersten Regierungstag an droht die EZB der Syriza-Koalition mit der Schliessung der griechischen Banken. Der Grund für diese regelrecht kriegerische Haltung ist für YV nicht erkennbar, sogar verwirrend, denn er macht, akademisch geschult, einen sachkundig-konstruktiven, von internationalen Experten geprüften Vorschlag nach dem anderen, um sein Land vor den katastrophalen Konsequenzen eines weiteren „Rettungspaketes“ zu schützen. 

Um die Dramatik der Situation vom Tag 1 an nachvollziehen zu können, braucht es ein gewisses Verständnis von den Auswirkungen des konzertierten europäischen Diktats auf die griechische Ökonomie und die Bürger des Landes. Im Detail reden wir von komplexen Zusammenhängen und Folgeketten, die (im Buch ausführlich diskutiert) hier nur beispielhaft benannt werden können. Ein relativ gut nachvollziehbares Beispiel für die Mechanik ist der HFSF. Dieser zu 100% staatseigene(!) „Hellenic Financial Stability Fund“ wurde in 2010 installiert, und in der Folge flossen dahinein erhebliche Mittel aus dem „zweiten Rettungspaket“ (ca. 50 Mrd. Euro), ... unter der Massgabe, dass diese unmittelbar zur Refinanzierung maroder griechischer Banken eingesetzt wurden. „Rechtlich gesehen,“ schreibt YV, „sollten die Banker Anteile im Wert von 80 Prozent ihres Eigenkapitals an den HFSF übertragen [und damit reale Kontrolle an den Staat übertragen – IvD], aber zwei Vorkehrungen sorgten dafür, dass das Parlament trotzdem keine Mitsprache bei der Führung der Banken haben würde: Erstens stimmte das Parlament zu, dass die Anteile, die der HFSF bekomme würde, stimmrechtslos wären. Zweitens sollte der Verwaltungsrat des HFSF aus ausländischen Direktoren bestehen, die direkt von der Troika ernannt würden, und von griechischen Staatsbürgern (der Geschäftsführer und der Vorsitzende des Verwaltungsrates), die nur mit Zustimmung der Troika ernannt werden konnten.“ Die damit einhergehende fehlende parlamentarische Kontrolle der Rettungsmilliarden ist aber nur ein Aspekt der Schweinerei.

Vereinfacht: In altbewährter Praxis (Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren) wurden auf diesem Weg aus den Problemen bankrotter (privater) Banken neue Schulden des griechischen Staates gegenüber den europäischen Gläubigern. Damit Griechenland aber diese Schulden würde bedienen können, mussten (z.B.) Staatsbeamte entlassen, Renten gekürzt und Staatsbesitz liquidiert werden. Zu den Konsequenzen dieser breit gefächerten Austeritätspolitik zählte, dass sich das griechische BIP von 2008 bis 2016 nahezu halbierte, die Arbeitslosenquote von 7,75% in 2007 auf 27,48% in 2013 stieg und die ca. 1,2 Mio Renten (bei einer Bevölkerung von 10,78 Mio) in sieben Jahren 23 mal gekürzt wurden (was ca. 50 Mrd. Staatsausgaben einsparte). Und weitere Kürzungen und Einsparungen stehen für die kommenden Jahre an.

YV berichtet – und ich neige dazu: glaubhaft –, dass viele, wenn nicht die Mehrheit seiner europäischen und internationalen Gesprächspartner im persönlichen Gespräch selbst die dem Land auferlegten Massnahmen für ökonomisch falsch hielten, für kontraproduktiv und moralisch verwerflich – und YV darin bestärkten, sich dem Diktat nicht zu beugen. An einer Stelle zitiert YV ein Gespräch mit Wolfgang Schäuble, seinem eigentlichen, mächtigsten und hartnäckigsten Widersacher, der auf die „privat gestellte“ Frage: „Würdest Du an meiner Stelle das Memorandum unterzeichnen?“ antwortet: „Als griechischer Patriot? Nein.“ Doch die Zugeständnisse, die YV im privaten Dialog erfährt, bleiben privatim; öffentlich zeigen dieselben Meinungsinhaber keierlein Abrücken von den offenbar falschen und schädlichen Rezepten. 

Christine Lagarde habe an einer Stelle zu YV gesagt, er habe ja Recht mit seiner Kritik und auch mit seinen Vorschlägen, aber „sie alle“ hätten zuviel „politisches Kapital“ investiert, als dass sie von ihrer Position würden abrücken können. In anderen Worten: die europäischen und internationalen Eliten konnten es sich nicht leisten, dass das kleine Griechenland einen wie auch immer kleinen Sieg davon trägt – denn: das europäische Kartenhaus ruht auf den Fundamenten dieses Kapitals. Allerdings erkennt YV nicht, jedenfalls schreibt er es nicht hin, dass die Dogmatik der Brüsseler Institutionen eine notwendige Konsequenz europäischer Einigungsbemühungen ist: Müssten die europäischen Institutionen strukturelle Fehler in der Konstruktion des Euro einräumen, so würden die Medien und die Spekulation den Rest besorgen. Right or Wrong: our Euro! Das ist – zumindest aus der Brüsseler Perspektive –  das Gesetz ihres Handelns.

 

„… als Verantwortlicher war er ein Totalversager.“

schrieb mir ein Freund, dem ich eine qualifizierte Meinung unterstelle. Das hat mich verblüfft. Bis dahin hatte ich die Hälfte des Buches noch nicht hinter mir und staunte nicht schlecht über das Diktum. Aber auch in Kenntnis des gesamten Buches heute muss ich dem Freund widersprechen und kann nur vermuten, dass er in seinem Votum (wenigstens teilweise) der Propaganda des Brüsseler Apparates aufgesessen war; dessen mächtige Tentakeln mitunter in wenigen Stunden ihr Gift über alle international relevanten Kanäle verspritzen konnten – und es taten! 

Andererseits: auch YV geht selbstkritisch mit sich in Gericht. Ob er denn auch einmal einen Fehler gemacht habe, wurde er in einem Interview gefragt: „Jeden Tag“, war seine Antwort, „und wer von sich anderes behauptet, der lügt.“ Nun sind solche Pauschalbekenntnisse wohlfeil, YV geht aber auch ins Detail. Er beschreibt einen Moment am 24. Februar 2015 in Brüssel, in dem er einen „katastrophalen Fehler“ gemacht habe. Nach meiner Meinung war das der Tipping Point, und ich habe Zweifel, ob YV die ganze Tragweite des Augenblicks erkannt hat: 

Das Spiel

Auf einer zweiten Ebene ist der Bericht von Varoufakis auch eine faszinierende Studie zur Spieltheorie. In der journalistischen Berichterstattung war es seinerzeit sehr beliebt, YV als „Spiel“theoretiker gleichsam zu denunzieren; es war ein hinterhältiges Spiel mit dem Begriff "Spiel", durch den man eine gewisse Unseriosität insinuierte. Tatsächlich, mir scheint es jedenfalls so, hat auch der Spieltheoretiker Varoufakis nicht alle Aspekte des „Spiels“ überblickt. 

Der zentrale Konflikt der Amtszeit YV drehte sich um die Unterschrift unter das Memorandum, die YV – mit einem Mandat seines Ministerpräsidenten und dessen „Kriegskabinett“ – ablehnte; ja, nicht nur ablehnte – genau für dieses NEIN (zu einer weiter andauernden Austeritätspolitik) waren YV und die Regierung Tsipras gewählt worden! Ich werde zu dem Problemkomplex „historisch-gesellschaftliche Verantwortung“ weiter unten noch eine Bemerkung machen, jetzt geht es mir um die Rolle Varoufakis vor allem aus Sicht Tsipras und im Kreise seiner griechischen Kollegen. 

YV berichtet, dass ihm die Aufgabe des Finanzministers nicht zufällig angetragen wurde: über Jahr und Tag hatte er (wenigstens in Griechenland) einige Reputation und Bekanntheit dafür erworben, die schädlichen und katastrophalen Aspekte der griechischen Schuldenpolitik sowie der europäischen Zwangsmassnahmen öffentlich zu erklären und zu verdammen. YV war eine Art Rockstar, zumindest der griechischen Ökonomie. Als solcher hatte er sich eine „beinharte“ Gegenposition zu den europäischen "Folterern" erarbeitet und genau für diese Gegenposition holte ihn Tsipras in sein Kabinett: niemand sonst würde in dieser Situation die ökonomischen Interessen Griechenlands profunder vertreten können.

Zugleich war und ist Tsipras ein Politiker und YV ist das nicht! Als Politiker musste es Tsipras gelingen, auch die widerstreitenden Kräfte seiner Koalition zu bändigen, und nicht wenige, besonders äusserst linke Kader, misstrauten YV und unterstellten ihm rechtslastige „Kollaboration“. Für Tsipras war der parteilose YV der „Joker“ einer Mission Impossible sowie, wenn es denn nötig würde, auch ein geeigneter Sündenbock; und YV wusste das. Als linker Politiker wünschte Tsipras einen Befreiungsschlag (in einem Wort: einen Schuldenschnitt) für sein Land, als Realpolitker jedoch überblickte er auch die Wahrscheinlichkeiten. YV erschien ihm als der richtige Terrier, um diese „unmögliche Position“ durchzuhalten; so jedenfalls war der stets aufgetreten – ungefähr bis zum 24. Februar. Zu diesem Zeitpunkt war er kaum mehr als einen Monat im Amt und beinahe ununterbrochen zwischen Athen und Brüssel unterwegs. Die EU-Institutionen hatten ihn bereits mehrfach ausgiebigen Prozeduren „ökonomischen Waterboardings“ unterzogen, aber er war standhaft geblieben: keine Unterschrift unter das „Memorandum of Understanding“. Gleichzeitg suchte YV mit Vorschlägen und Analysen eine Verhandlungslösung zu eröffnen. 

In einer unmöglichen Position hast Du nur eine Chance: Härte. 

Du kannst nicht drohen, was zu tun Du nicht bereit bist, und wenn Du zuckst oder blinzelst, hast Du verloren. Eine solche Situation hatte sich zum 24. Februar hochgeschaukelt, und es gab einen Moment der Entscheidung: Die EU et all. hatten mit List und Betrug, mit Tricks und Täuschung jeden Vorstoss, jeden gangbaren Kompromiss abgelehnt, unterlaufen, hintertrieben, abgeschmettert. YV – und mit ihm die griechische Regierung – hatte noch eine Chance: er würde – ein maximaler Schlag gegen Mario Draghi – den SMP-Anleihen einseitig einen Haircut verordnen und sofort – als FallBack für den dann möglichen Grexit – eine digitale Ersatzwährung für Griechenland bereitstellen müssen. Hic et nunc, ein Mandat hatte er! Das wäre ein gewaltiges Risiko – allerdings bei hoher Erfolgswahrscheinlichkeit, denn alle Beteiligten auf Seiten der EU hatten bei diesem Verlauf jeweils mindestens ebensoviel zu verlieren, wie Griechenland durch einen Ausstieg/Rauswurf aus dem Euro. 

An diesem Point-of-no-return gab YV stattdessen eine entschieden wachsweiche Erklärung ab. YV schreibt selbst („mea maxima culpa“), dass diese „Schwäche“, dieses Zurückzucken, ein Fehler war – er glaubt: gegenüber den EU-Folterknechten. Was er nicht versteht (jedenfalls nicht hinschreibt) ist, dass er in diesem Moment seinen Wert auch für Alexis Tsipras eingebüsst hat: YV war also doch nicht der Härtner, der das Unaussprechliche rücksichtslos auf seine Kappe nehmen würde, als ihm die eigene Analyse keine Alternative liess. Das Spiel – würde Griechenland „ernsthaft“ zurückschlagen, dann würden die EU-Institutionen ihrerseits einknicken ... müssen – war in dem Moment verloren, auch wenn es sich hernach noch über ein paar Monate hinzog. Denn einem ersten Rückzieher folgen andere: in den Folgemonaten muss YV immer öfter „zurück ins Kriegskabinett“, um sein Mandat zu erneuern und sich des Backings für die vereinbarte „harte“ Position versichern. Nur: je öfter er den MP und seine Kollegen einschwören will, desto lippenhafter werden deren Bekenntnisse. Denn sie alle haben gesehen und verstanden, und es ist dieses ständige Rückversichern, dass der Politiker Tsipras als Schwäche sowohl des YV wie auch dessen „harter Position“ liest – und das ihn zur (innerlich sowieso erwarteten) Kapitulation leitet.

Ist das ein „Totalversagen“? Ich meine, für diese Bewertung müssen zwei,5 Fragen beantwortet werden: zunächst müsste, wer das Einknicken für das zentrale Versagen des YV hielte, zugleich das hochrisikoreiche Spiel (als solches) befürworten, das sich aus dem Durchhalten ergeben hätte (mit allen Konsequenzen eines möglichen/wahrscheinlichen Grexit sowie der spanischen, portugiesischen, italienischen und französischen Dominoprobleme hernach). Zugleich müsste der Vertreter dieser Position SOWIESO der Meinung sein, dass der Grexit die einzig richtige Massnahme gewesen wäre, und nur dann könnte er auch Davids Schwäche (als solche) in Goliaths Haus verdammen; und schliesslich würde er dieses Versagen nur dann „total“ nennen dürfen, wenn er selbst es besser gemacht hätte. Ich habe selbst ähnliche Momente erlebt: in einem Fall blieb ich standhaft, in einem anderen knickte ich ein. ... der werfe den ersten Stein …

Mit der Schuldfrage einher geht aber auch die Frage nach der Verantwortung. Ich habe angedeutet, dass die politischen Abgründe, Hinterhalte, Opportunismen und Verrat (das Wort kennt keinen Plural), die Varoufakis schildert, beim ungestählten Leser regelrechtes Grauen evozieren. Inzwischen werden, angestiftet von den einstigen Genossen, öffentliche Diskussionen darüber geführt, dass YV durch Fehleinschätzung und Halsstarrigkeit „schuldhaft den griechischen Staat in das dritte Rettungspaket getrieben habe“ und somit persönlich verantwortlich sei für weitere (84 wird als Zahl genannt) Milliarden an Staatsschulden. Die „Diskussion“ geht soweit, dass YV sich einer Anklage wegen Hochverrats ausgesetzt sieht. Da blüht der Stalinismus im griechischen Kostüm.

Es hat andere Diskussionsbeiträge gegeben, die über die etwaige Verwerflichkeit heimlicher Gesprächsaufzeichnungen mit dem iPhone nachdenken. YV bekennt sich dazu, und ich kann nur hoffen, dass er wirklich jedes relevante Gespräch mitgeschnitten hat! Solange Menschen im Gespräch dies sagen, und öffentlich das Gegenteil tun, stehe ich felsenfest an der Seite von Varoufakis.
In einigen anderen Punkte sehe ich Differenzen!

 

Was ist Europa?

YV verfolgt, wie mir scheint, ein widersprüchliches politisches Zielbild: einerseits gibt er sich als überzeugter Europäer und sucht und wünscht eine Europäische Union (nur eben nicht DIESE), andererseits sind seine Wertvorstellungen vollständig aus einem Bild vom souveränen Staat sowie von der (linken) Vorstellung eines exekutiven Demos (Volk) geprägt. Sein politisches Handeln als Finanzminister zielte darauf ab, dem griechischen Staat, und sei es zu gewaltigen Kosten (nach dem Ausscheiden aus dem Euro), die souveränen Entscheidungsmöglichkeiten zurückzugewinnen, die Griechenland unter den Vorgängerregierungen an diffuse Brüsseler Exekutiven abgetreten hatte. Auch Donald Trump reklamierte sein Ausscheiden aus dem Pariser Vertrag als einen „Rückgewinn staatlicher Souveränität“. Ich meine, dass in dieser falschen europäischen Position zwei Kernprobleme kristallisieren:  

  • ohne (militärische, fiskalische, ökonomische, internationale) Souveränitätsverzichte (und genau das ist es, was Christine Lagarde als das „politische Kapital“ bezeichnete) wird es kein vereintes Europa geben. Und selbstverständlich werden auch die an eine Zentralität abgegebenen Entscheidungen selten "richtig" sein und mindestens von gegensätzlichen Standpunkten aus bewertet werden,
  • ein föderales Europa aber würde an nichts mehr leiden, als am „Willen des Volkes“; denn es ist doch glasklar, dass die europäischen Bürger in nahezu jeder Frage maximal auseinanderdriftende Interessen, Kulturen und Zielvorstellungen pflegen und somit jede „demokratische“ Entscheidung auf hochfragilen, schwachen Koalitionen basieren würde – mit den respektiven Auswirkungen auf die politische Legitimation. 

Diese Überlegung macht auch als eine Art Kollateralgewinn klar, warum die europäische Administration heute grosse Anstrengungen unternimmt, nahezu jedes wirklich relevante Thema vor die Klammer des europäischen Prozesses zu bringen (etwa in die durch kein Mandat legitimierte Arbeitsgruppe „Eurogruppe“). Der geübte Demokrat prangert das an und fordert die Einbindung des europäischen Parlamentes! Nur: Dass die Entscheidungen des europäischen Parlamentes noch nicht auf die differenziertesten Widerstände der entsendenden Bevölkerungen gestossen sind, liegt doch nur daran, dass diese Entscheidungen sich bislang auf den Krümmungsgrad von Bananen und die Benennung von Kulturhauptsädten beschränkt haben.

 

Verantwortung

YVs Buch ist aus der Perspektive geschrieben, dass die Schulden“knechtschaft“ des griechischen Volkes ökonomisch falsch (die Halbierung des BIP schafft gewiss keine neue, sprudelnde Zahlungsfähigkeit für die Bedienung von Krediten) und moralisch verwerflich ist (die Umverteilung ökonomischen Versagens auf die sozialen Schultern hat eine breite Verelendung der griechischen Bevölkerung evoziert) – und dass es deswegen zu einem Schuldenschnitt kommen müsse. Es berücksichtigt jedoch nicht die Frage, wie es zu diesen Schulden gekommen ist.
Das aber ist eine vertrackte Frage.
Zunächst einmal kommt es zu der möglicherweise sehr deutschen Position, nach der Schulden eine verbindliche Verbindlichkeit darstellen: immerhin haben Regierungen diese Schulden gemacht, die vom griechischen Volk gewählt wurden. Dagegen könnte man (sachlich fragwürdig, jedoch moralisch verständlich) argumentieren, dass diese gewählten Regierungen nicht den Wählerwillen exekutierten, sondern lediglich ihre korrupten, oligarichischen Interessen beförderten.

Der Sachverhalt ist also ungefähr so, dass jene, die diese Schulden gemacht haben – und das ist in Summe durchaus eine “Schicht von Profiteuren“ –, sich die Taschen damit vollgestopft haben; nicht einmal ihre Steuern haben sie bezahlt. Zahlen aber sollen nun jene, die von je her nichts von den Wohltaten abbekommen haben, die Armen und die Ärmsten, die Arbeitslosen und die Rentner. Dass es sich dabei um eine moralische Hanglage handelt, erscheint auch ohne Diskussion einsichtig. 

Gerade aber die Deutschen haben eine besondere Form der nationalen Verantwortung lernen müssen, nämlich die, dass sie auch dann für die Verbrechen Ihrer Ur- und Grossväter in Regress genommen werden, wenn sie diese nicht einmal mehr kennengelernt haben. Mindestens für die letzten, na, sagen wir mal 30 Jahre bekennt sich das deutsche Volk überwiegend zu dieser Verantwortung. 

Daraus erwächst eine knifflige Frage: durch was liesse es sich rechtfertigen, dass die griechische Regierung sich aus ihrer historisch-nationalen Verantwortung entlässt? Und die Frage spitzt sich zu, wenn und weil es der griechischen Regierung nicht gelingt, die Schuldenmacher zur Rechenschaft zu ziehen oder wenigstens deren Steuerschulden einzutreiben.

Bei Varoufakis gibt es die „schuldige Oligarchie“. Sie wird mehrfach beschimpft und verteufelt, aber damit hat es sich auch. Eine Abwägung der Historie, Rechtsgüter und Moralen findet nicht statt. 

Es gibt, das will ich mit diesen kritischen Aspekten deutlich machen, mehrere Ebenen, auf denen man dieses Buch diskutieren kann. Als historisches Dokument ist es grandios, atemberaubend und ein politisches Lehrbuch ohne Vorbild. In seiner links-adjektivstarken Terminologie ist es streckenweise einem Zeitgeist verhaftet, den wir Deutschen etwa in den 80er Jahren überwunden haben. Zugleich aber ist es auf der ökonomischen Ebene durchaus aufgeklärt und alles andere als ideologisch verbockt. Wäre, wie YV nahelegt, die historisch-nationale Verantwortung eine Diskursfigur der Vergangenheit, um die wir uns aus „ökonomischer Vernunft“ nicht mehr kümmern müssten, so würde ich vermutich den meisten Vorschlägen Varoufakis vorbehaltlos zustimmen; und selbst meine bestehende Vorbehalte sind nicht gleich prohibitiv.

 

Zukunft

Ich habe damit begonnen, dass der zumindest dem Wählerwillen nach hätte stattfinden sollende politische Systemwechsel in Griechenland mein besonderes Interesse fand: Der fand nicht statt! Ich erinnere mich sehr lebendig an die Enttäuschungen und die Verachtung, die ich als junger Mensch solchen immer und immer wiederkehrenden Entwicklungen entgegengebracht habe. Yanis Varoufakis macht dagegen deutlich, dass die meisten „von uns“, die Vorstellungen von einer politischen Alternative anhängen (nicht grad der „für Deutschland“), nicht den Zipfel eines Verständnisses davon haben, was Wechsel „eigentlich“ bedeutet. Die ungeheuren Kräfte, die in einem solchen Vorgang freigesetzt werden, die Komplexitäten, die sofort gemanaged werden wollen, die Drücke und Drohungen, die in der Luft liegen oder zur Tat drängen, waren dem Normalsterblichen weitgehend unbekannt; waren, denn das lässt sich jetzt nachlesen. Es ist unmöglich, nach der Lektüre von Yanis Varoufakis noch irgendwelchen "guten Wünschen“ von der Sorte „warum können wir nicht einfach …“ nachzuhängen. 

Das möchte einen für die Zukunft recht pessimistisch stimmen, und für mich ist das sowieso die vorherrschende Weltanschauung. Aber! YV zeigt auch, dass es historische Momente gibt, in denen Erfolg und Misserfolg am seidenen Faden einer persönlichen Haltung und/oder Entscheidung hängen. Dieser oder diese Einzelne, auch das ist eine wichtige Erkenntnis, muss getragen sein von einem „kollektiven“, demokratischen Mandat, einem Mandat in dem Sinne: gehe hin und handle für uns (und eben nicht von einem Mandat: gehe hin und tu folgendes: …!; dazu bräuchte es keinen Verhandlungsführer). Ich glaube, YV hat dieses Mandat am 24. Februar vermasselt. Das ändert nichts an meinem Respekt und meiner Sympathie – die „Schuldfrage“ rangiert für mich zwischen Absurdität, Feigheit und politischer Kriminalität – für einen Menschen, der versucht hat, eine Mission Impossible zu gewinnen. Zu Beginn des Buches schildert YV ein Gespräch mit Larry Summers, der ihn fragte, ob er ein Insider werden wolle, und die damit verbundene persönliche Verschwiegenheit gewährleiste, oder ob ein Outsider sei, der seine Erkenntnisse in die Welt posaunt und … danach alsbald im Abseits verschwindet. YV verspricht, nach den Regeln der Insider zu handeln, solange er eine Chance sehe, Griechenland aus der Schuldknechtschaft herauszuführen. Wäre ihm das gelungen, würde es dieses Buch vermutlich nicht geben.

Wiegt der Gewinn dieses Buches die Leiden der Griechen auf?

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