Juli Zeh schreibt "Leere Herzen""

Leere

Kamman lesn, muss man nich

Buchcover Juli Zeh - Leere Herzen
Die Leere, die ich meine

Es gibt viele Ereignisse, Neuerscheinungen, product launches oder Sachverhalte, die mit grossem Ankündigungstamtam aufpoppen. Oft ist das gut, ich kann „uninteressante“, „falsche“ oder „blöde“ Sachen auslassen, diesen Film oder jenes Buch. 

Juli Zeh (ihr Verlag halt) veröffentlichte „Leere Herzen“ am 13. November. Noch am selben Tag erreicht mich eine dunkel bis neblig-unbestimmte Frage, ob ich denn wohl schon eine Meinung hätte; und in den dann folgenden Tagen der Woche blieb kein Feuilleton verschont von der Zeh‘sche Marketingwelle. Ich habe das diesmal als Nachteil empfunden, denn – selbst ohne Spoiler – ich habe mehr über das Buch erfahren, als mir lieb war: da pilzte irgendwie ein Vorurteil, bevor ich den ersten Satz kannte. Das Misstrauen, mit dem ich das Buch dann zur Kenntnis genommen habe, hat viel mit dieser Welle zu tun; denn „eigentlich“ hatte sich Frau Zeh mit „Unterleuten“ in meinen Skalen ziemlich nach oben geschrieben. 

Die Irritationen fangen vorn an und führen ein munteres Eigenleben bis zum Schluss. Es macht nun keinen Sinn, dem Buch die Stolperstellen und Bruchkanten chronologisch, gleichsam als Beweiskette, vorzuhalten; was hier nicht zusammenpasst sind nicht so sehr „einzelne Teile“, die für sich immer wieder stimmig erscheinen, sondern das entstehende Mosaik – irgendwie (und das ist in diesem Fall ein SEHR genaues Adverb). Mein durchgehender Eindruck: die artifizielle Konstruktion hat (einerseits) belastbare und (andererseits) „a priori im Einbrechen befindliche“ Stützstreben. 

***

Die Praxis, eine Beratung von Selbstmordkandidaten, ist ein einträgliches Geschäft. Ein Algorithmus fischt potentielle Selbstmörder aus den einschlägigen (Netz-)Quellen und lädt sie zur kostenlosen Beratung. In einem vielstufigen Verfahren werden Interessenten allerlei Tests unterzogen (als erstes werden sie weggeschickt), in denen sich die Kandidaten letztlich selbst Rechenschaft über die Ernsthaftigkeit ihres Vorhabens ablegen. Manche scheitern schon beim Abschiedsbrief an die Eltern, anderen ist auch ein Nahtoderlebnis beim Waterboarding keine Abschreckung. Wer nicht durchhält ist dankbar: nachher. Wer aber durchhält ist auch dankbar, letztendlich seiner (99%) oder ihrer „endlich“ wahren Bestimmung nachzukommen. Diesen letztentschlossenen Kandidaten wird nun der Wunsch suggeriert, mit „einer letzten grossen Aktion“ dem Ende ihres Lebens einen höheren Sinn zu geben, um sie dann, so geimpft, gegen Gebühr („Moral ist etwas für die Schwachen“) an islamistische- oder Umwelt-Organisationen als ordentliche Attentäter zu vermitteln, mit vertraglich begrenzten Kollateralschäden – bei streng geordneter Abwicklung des Vorgangs („eine saubere Aktion in sauberem Rahmen“). Alle sind zufrieden, sogar die „Dienste“, die endlich wissen, woran sie sind und planen können. „Eine Gesellschaft braucht offenbar eine gewisse Anzahl an Attentaten“, heisst es an einer Stelle.

Eine so kranke Konstruktion muss man sich erst einmal ausdenken. 

Die Betreiber der Praxis sind Britta und Babak. Sie eine deutsche Mittdreissigerin mit Magengeschwür, Einkommens-losem Start-Up-Ehemann (der von dem eigentlichen Business seiner Frau nichts weiss) und einer modernen und gut gerahmter Familienidylle („Britta will eine friedliche Existenz für sich und ihre Familie“; und „Haare, die man nicht föhnen, Hemden, die man nicht bügeln, Staubsauger, die man nicht schieben muss, das sind Dinge, die Britta gefallen.“); er ein vermutlich etwas jüngerer, schwuler, anfangs verfetteteter Deutsch-Iraker, den sie durch „psychologische Beratung“ von seinem Selbstmordplan abgebracht hat (und der, zurück im Leben, erstmal 50 Kilo abgenommen hat) – quasi als Grundlage und Blaupause des dann installierten Geschäftsmodells. 

Zu der Kammerspiel-artigen Ausstattung gehören überdies ein befreundetes, prekär erfolgloses Ehepaar, sie freischaffende Assistentin für Freischaffende, er freischaffender Theaterautor, plus Cora und Vera, die Kinder beider Paare, plus eine spielentscheidende Alta-Ego-QuasiTochterSchwester von Britta sowie wenige Komparsen. In einer derart gepimpten Konstruktion mit den derart beschränkten Kulissen sollte man meinen, dass die Charaktere Zeit haben, sich zu entwickeln; wirklich unwirklich, aber immerhin greifbar werden grad noch so Britta und Julietta (die sich von Juli nur im Diminutiv unterscheidet?), alle anderen haben eher blass. 

Für die Glaubwürdigkeit oder inhaltliche Legitimation dieses Puppenspiels verantwortlich ist ein politisches Umfeld des Jahres 2025, in dem, nach der zweiten Finanzkrise, die BBB (Besorgte Bürger Bewegung) mit Regula Freya die Kanzlerin stellt (und eine Frau Wagenknecht als - ausgerechnet! - Innenmisterin Dienst tut). Die BBB hat das Land gründlich umgekrempelt, mit allerlei „Effizienzprogrammen“ die Demokratie weitgehend entkernt (grad soll das 5. Effizienzprogramm installiert werden, in dem, z.B., das Verfassungsgericht auf 3 Richter verkleinert wird). Als Reaktion darauf – und mit einem BGE stillgestellt – hat sich das Volk abgewandt. Politik ist wie Wetter, „sie findet statt, ganz egal, ob man zusieht oder nicht“. Und „Heute weiss tatsächlich keiner mehr, wofür oder wogegen er sein soll.“ Nur Idioten reden darüber. Den Soundtrack liefert Molly Richter, ein 12-jähriges Starlet, dass mit „Full Hands, Empty Hearts - It’s a Suicide World, Baby“ den Knaller der Saison geliefert hat. „Die Leute stecken ihren Kopf in den Sand und leben ihr Leben, weil sie damit, in einer Welt, in der man Trump nicht einfach Scheisse finden kann, nichts besseres anzufangen wissen.“

Zu den beachtlichen Seltsamkeiten dieses Buches gehört, dass Du endlos daraus kleine literarische Aperçus zitieren könntest, denn, anders als in Unterleuten, hat Juli Zeh sich diesmal sprachlich richtig Mühe gegeben. Leider auf Kosten der Story. 

Die ein Krimi sein soll und dafür ihren „suspense“ ständig daraus bezieht, dass vermeintliche Entwicklungen detailliert geschildert werden, um dann aber nicht, oder, in denkbarster Verknappung erzählt, ganz anders stattzufinden. Seltsam aber ist auch, dass die konstruktive Unausgereiftheit dazu führt, dass jede Menge Material „zur Diskussion“ herumliegt; Fragen, die mich beschäftigen. So etwa die Frage, ob es etwa belastbare Hinweise darauf gibt, dass Juli Zeh mit ihrem Leben unzufrieden ist, dass sie widersprüchliche Aspekte ihrer eigenen Verfasstheit in den Personen Britta und Julietta austrägt, etwa so etwas wie eine Sehnsucht nach dem „Wilden Leben“ der Jugend, der sie zugleich die vollständige Abwesenheit jeglicher Sinnfragen zuschreibt. Julietta, die als Selbstmordkandidatin einen „nie dagewesenen“ Score von 11,5 erreicht hat, ist eine nette junge Frau, hübsch, wenn nicht schön und ausserordentlich intelligent; Tabletten-süchtig, aber das ist ihr egal, und vollkommen leer. Nur für Tiere hat sie was übrig, für Tiere will sie sich als Selbstmordattentäterin verdingen. Sie liebt Katzen, erschlägt aber eine in einer gruseligen Szene mit einem Stein in ihrem Schoss, um ihre Entschiedenheit unter Beweis zu stellen. In keinem Moment hab ich dieser Kandidatin ihren Selbstmordwunsch abgekauft! Psychologisch und/oder psychoanalytisch ist diese Konstruktion voller Fussangeln und Fallstricke und das verbreitet ein anhaltendes Stirnrunzeln während der gesamten Lektüre.

Das geht mir mit dem politischen Umfeld nicht anders. Die These, dass „nach dem Sieg der BBB“ die Nation gleichsam in Apathie verfällt, ist wie in Holz geschnitten schwarz, so wie auch der zum Ende hin (gleichsam aus dem Nichts) auftretende „Widerstand“ wie aus weissem Plastik geformt ist – nicht alles falsch ist noch nicht richtig. Man mag nun argumentieren, dass in der Intention die Autorin vor den abgründigen Entwicklungen eines „weitergedachten“ Populismus warnen will; schon gut! Um aber damit zu überzeugen, müsste sie genauer und feiner analysieren, bevor sie es erzählt. Komplett aus der Bahn wirft mich am Ende Brittas „demokratische Philosophie“ (in der, wie wir annehmen müssen, die Überzeugung der Autorin zum Ausdruck kommt). Aber auch in dieser Passage, die zur Botschaft des Buches hätte kondensieren können, kommen nur ein paar argumentative Affekte vor; eine analytische Auseinandersetzung bleibt stecken, bevor sie angefangen hätte. 

Unterleuten war ein Roman aus der Mitte des Lebens, satt von Erfahrung und Beobachtung, unterhaltsam, klug, begeisternd. Leere Herzen ist ein politisch-autopsychoanalytisch-populärer Essay, und es bleibt ein Versuch.

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