Über Maxim Billers "Die neue Linke" in der Zeit vom 27-VII-16

Brandstifter + Biedermann

Kommentar

Artikel "Die neue Linke" von Biller in der Zeit

Wo oder wann eigentlich hat das Heute angefangen? Falsche Frage, na klar, Geschichte hat keinen Anfang. Unzählige subjektive Ereignisse oder „gesamtgesellschaftliche Ereignispfade’“ lassen sich aus keiner einzelnen, distinkten Begebenheit ableiten. Vor 1989 gab es Gorbatschow. Vor 9/11 gab es das unselige Engagement der USA bei den Mudjahedin, und so geht es weiter. Doch wer so spricht, logisch und dialektisch korrekt, schickt sich an, das Gegenteil zu behaupten.

Denn: es gibt sie, diese paradigmatischen Ursachen

Die gewiss nicht allein verantwortlich sind, so will es die allgegenwärtige Unschärferelation unserer Zeit. In ihrem beispielhaften Charakter jedoch stehen sie für eine unbestimmte Summe ähnlicher Ereignisse oder Ursachen. Zu diesen Ursachen des Heute gehört – wie ich meine: zweifellos – der Sprachverschleiss, eine Form der vorsätzlichen, hemmungslosen Verschleifung und Vernichtung von Bestimmungen, Bezeichnungen, und nicht nur der Begriffe, sondern auch der Genauigkeit und, was schlimmer ist, des Stils.

Geht es um die Sprache als Metaebene gesellschaftlicher Realität, so ist dieser Verschleiss nicht in allen seinen Erscheinungen gleichsam schuldhaft von irgendwem zu verantworten. Einige Verluste resultieren aus nicht beeinflussbaren Grossursachen und Grosswirkungen; beispielhaft: die "Beschleunigung" technologischer Entwicklung und das daraus resultierende Grosstempo ökonomischer und gesellschaftlicher Veränderungen erzeugt ein analytisches Vakuum. Oder anders gesagt: der auf Gesetzmässigkeiten abzielenden Beobachtung fehlt die Zeit, Zusammenhänge zu Grossbildern zu aggregieren. Aber auch wenn das stimmt und damit ein Teil der theoretischen Insuffizienzen einem Einzelnen nicht anzulasten wären, es ist auch nicht Grund und Legitimation genug, sich dahinter zu verstecken. Womit der Anlass dieser Überlegungen eingekreist wäre.

Im alltäglichen Sprachgebrauch kommt es leicht einmal zu Schludrigkeiten, man verschluckt eine Silbe, setzt eine falsche Betonung, unterliegt einer sprachlichen Fehlleistung, von Grammatik nicht zu sprechen und eine falsche Orthografie kann man nicht hören. Und, auch das kommt vor, man verrennt sich schon mal, man überzieht: schnell ist mal was daherbehauptet, und dass es gut klingt, erleichtert den Weg ins Ohr. Im Einzelnen, wie man im Radio sagt, versendet sich das, als Stilmittel oder masslose Wiederholung jedoch ist das durchaus gefährlich! Denn ohne eine stete Aufmerksamkeit, ohne ein wachsames soziales Umfeld, ohne Oberlehrer und Besserwisser, kommt es zu einer Art chronischer Entzündung des Vokabulars und anderen viralen Insuffizienzen des Rationals: aus der Nachlässigkeit wird auf dem Umweg über die Gewohnheit Wahrheit, wenigstens etwas Unbestrittenes. 

So, oder wenigstens so ähnlich geht es mit #MaximBiller.

Seitdem er erstmals zur Schreibmaschine griff, mir widerfahren seine entropischen Dekonstruktionen seit bald 30 Jahren, unregelmässig, das gebe ich zu, oft schau ich weg, doch seit ich von ihm weiss (seit ‚100 Zeilen Hass‘ also), wünsche ich ihm nichts sehnlicher, als dass ihm einmal ein Berufener volle Kanne eins auf's Maul schreibt. Einfach mal so, die Fresse adjektivieren, dass ihm die Tinte vom Papier läuft. (Es stimmt, Biller hat viele Feinde, die ihm die Auflage sichern. Ahhrggg! Und ich mache mich jetzt mitschuldig. Ihn nicht zu ignorieren, sich mit ihm zu befassen, und das auch noch polemisch, sozusagen auf seinem Spielplatz, schafft ihm ja gerade die literarische, nein, das wäre zu hoch gegriffen, die textliche Existenzlücke, in der er sich breit macht und Unflat verbreitet, die Jauchefeder.)

Und jetzt kommt der Teil, wo die Ursachen verschwimmen. Autoren wie Biller, mir kommen einige in den Kopf, ich will jetzt aber nicht recherchieren, sind wie Entzündungsherde; und es wäre einfach, ihn (oder sie) verantwortlich zu machen: DU bist Schuld, Dein Sprach- und Dein Denkgift, Dein undisziplinierter Invektivenschrot, DU bist das RoleModel, das den Diskurs heute so heruntergewirtschaftet hat, DU bist der Sprachlehrer von Pegida und Facebook und der Denkvater der AfD (Ja, was kann der der Wagner dafür, dass der Hitler ihn mochte?)… Du reklamierst Geschichte, für die Du zu jung gewesen bist, Du kokettierst mit Deinem Judentum (siehe Abb. oben) und missbrauchst Deine Familie als Schutzschild und Legitimation, andere gnadenlos mit Dreck zu bewerfen. Ein mieser Trick: selbst dermassen das Arschloch zu geben, dass daraus Immunität entsteht. 
Aber, wie gesagt, so zu reden wäre zu einfach. 

Denn ohne einen Markus Peichl, den Biedermann, und auch er steht nur am Anfang einer langen Reihe von skandalgeilen „Gatekeepern“, hätte der Brandstifter Biller kein Forum. Jetzt wieder in der ZEIT, wo er ‚Die „neue“ Linke‘ ausgemacht haben will. Wobei ihm, wie gewohnt, der Stift zum Baseball-Schläger auswächst. Ebenfalls zu einfach wäre es nun aber auch, dem polemischen Gekleckse mit polemischen Geschmiere zu begegnen (wie ich, zugegeben, nicht übel Lust hätte). Leider muss man diese „Texte“ öffentlich obduzieren, um sie dann, gleichsam entwertet, fortzuwerfen.

Die „neue“ Linke

Herr Biller, der 1970 mit 10 Jahren aus Prag in den Westen kam, informiert uns zunächst darüber, dass er bereits in diesem frühreifen Alter über eine klare politische Analyse verfügte, derzufolge nämlich [die Russen] „in die Tschechoslowakei einmarschiert [waren], weil sie von Dubček, Havel und den dekadenten Filmen des Prager Barrandov-Studios genug hatten.“ Deswegen also, endlich sagt es mal einer. Ihm aber, dem Biller, einerseits froh darüber, endlich im sicheren Westen angekommen zu sein, sei andererseits aber „bald auf die Nerven“ gegangen, dass seine Mitschüler und Kommilitonen keine Ahnung hatten, „wie gefährlich das Leben sein konnte“. Wenige Zeilen später, der Autor ist jetzt 12, wird ihm klar, „Wie seltsam, naiv und unreif die Westjugend war, …“ als ein (dem Biller verhasster) linker Lehrer von der Polizei aus dem Klassenzimmer getragen wurde. „… einige Referendare hatten sich zuerst sogar schützend vor den kleinen, bärtigen und plötzlich sehr verschreckten Mann gestellt, aber dann gingen sie zur Seite und skandierten: "Polizei, SA, SS! Polizei, SA, SS!" Ich skandierte natürlich nicht mit.“

Es heisst ja, dass wir häufig schon in den ersten 30 Sekunden einer Begegnung das Wichtigste über uns preis geben. Jedenfalls scheint es so auch in diesen Zeilen, die 40, 50 Jahre zurückblicken: Dass es einen grundlegenden Unterschied in der Anschauung der Welt geben muss, wenn man im Westen aufgewachsen ist, – und dass im Unterschied der Systeme auch die Unterschiede der jeweiligen Kritik begründet sind, und dass die Begriffe in dem einen System, selbst wo sie gleich lauten, nicht dasselbe, nicht einmal dasgleiche meinen, all diese feinen, kleinen dialektischen Fallstricke sieht der Herr Biller nicht, auch nicht mit dem Abstand der Jahre. Wichtiger ist es ihm, zu zeigen, dass er die „Barrandov-Studios“ kennt, offenbar, um so sich so als profunden Kenner der damaligen Verhältnisse auszuweisen. Das ist sein Kammerton: genau in den Nebensächlichkeiten, kenntnisreich, wo es um Mode geht und auch sonst nicht drauf ankommt.

In den nächsten Absätzen treten folgende Charaktere auf: „heuchlerische stern-Redakteure“, [die] „hässliche Hippiefreundin“, die „Softporno-Krähe Madonna“, Diedrich Diederichsen (der den Pop beschreibt wie die „allerneueste altpubertäre Kommunistenlehre“), die Alt-68er (die „auch nicht viel besser als ihre Todfeinde, die echten und die eingebildeten Nazis“ waren, und die sich „wie ihre Eltern und Großeltern vor Amerikas Vielfalt, Liberalität und absoluter Meinungsfreiheit“ [fürchteten]). Bis zu einer solchen Behauptung (ein andeutender Hinweis auf die Kultfilme „Easy Rider“ oder „Alice’s Restaurant“, Barbarella oder die RHPS u.v.m.), gelangt man allerdings nur nach einer mittelschweren Retina-Eintrübung. „Was ich an den Ur-68ern und ihren Siebziger-Jahre-Lehrlingen aber wirklich hasste, waren ihr totalitärer, undemokratischer Idealismus, ihre 110-Dezibel-Besserwisserei, ihre offenbar fast schon genetisch bedingte Unfähigkeit, ein Argument zu analysieren und dann selbst ein Gegenargument zu entwickeln, …“ Die Tatsache, dass die Linke der 70er und 80er Jahre weit über die absolute Mehrheit hinaus von „undogmatischen“ Strömungen dominiert war, ist dem Autor offenbar entgangen, wichtig ist ihm dagegen: „ausserdem assen sie Spaghetti mit Gabel und Löffel.“

Plötzlich, grad ist noch Andreas Baader aufgetaucht, der „bevor er anfing, mit Gudrun Ensslin Bonnie & Clyde zu spielen, verdammt sexy und cool gewesen“ sein soll (Theweleit hilf!), plötzlich also ein Schnitt, Sommer 2016, Krisen überall, und: „Und plötzlich sind die jähzornigen, idealistischen, störrischen Ur- und Nach-68er wieder da, trotz der halbwegs erfolgreichen Pop-Revolution, trotz der 89er-Implosion des wissenschaftlichen und praktischen Kommunismus, und sie schreien so laut und denken so wenig nach wie früher.“ Ja, da schau her! möchte man ausrufen.

Wir anderen dachten noch, wir müssten uns mit der AfD auseinandersetzen, mit Victor Orban, Marine LePen, Donald Johnson oder Donald Trump. Denkste! „Die größten Helden der neuen alten Linken, die sich übrigens in der Regel überhaupt nicht für links halten, sondern für wahnsinnig liberal und freiheitsliebend und sich darum gern hinter dem Etikett Mitte-Links verstecken, heißen Slavoj Zizek, Yanis Varoufakis, Sahra Wagenknecht, Jakob Augstein und – [..] – Bernie Sanders, der …“; in welcher Umfrage stand das jetzt gleich noch mal? Und überhaupt: Helden, ist das denn überhaupt eine ungebrochen anwendbare Kategorie? Vielleicht meint er Idole, denn zum Heldentum gehört ein Handeln, das man (gutwillig) nur Varoufakis zubilligen könnte. Das eigentliche Problem aber, nämlich die Frage danach, was links sein denn eigentlich sei, unterschlägt Biller in jenem Halbsatz, der nahelegt, dass die Zweifel der Genannten an der ihnen zugewiesenen politischen Verortung lediglich taktisch vorgeschoben sind. Doch dann kommt, knüppeldick, die Analyse:

Von Bernie Sanders weiss er zu berichten, dass der (1985) in Nicaragua war, wo er Daniel Ortega getroffen und mit ihm eine Parade abgenommen habe, dann noch in Kuba, wo er Fidel Castro nicht getroffen habe, und schliesslich in der Sowjetunion, „um dort wenigstens ganz linientreu seine Frau zu heiraten. Was für eine Galerie des kaum verhüllten neobolschewistischen Grauens!“ Quellen nennt er keine; die Quellen, die ich konsultiert habe geben das nicht her und/oder behaupten anderes, sei’s drum. Von dem „ADHS-Philosophen“ Zizek dagegen wisse man, „dass er mal mit einem Model verheiratet war, während es sich offenbar noch immer nicht herumgesprochen hat, dass er hinter seinen scheinbar aufklärerischen Ideen und Volten wie ein guter Tschekist seine wahre Absicht verbirgt: die Wiederherstellung des Stalinismus-Leninismus in den ideologischen Grenzen von circa 1929.“ Auch so eine lustige Behauptung. Jakob Augsteins Beliebtheit, das geht immer so fort, steige „mit jeder seiner judeophoben Kolumnen weiter“.

Praktisch denken

Und schliesslich, wieder recht plötzlich, kommt Herr Biller zum praktischen Teil. Zunächst gibt er eine kleine Handreichung für das weitere Leben: „Und überhaupt sollte man die Gegenwart niemals mit der Vergangenheit verwechseln, denn das ist erstens einfach nur falsch, zweitens reaktionär, und drittens führt Rückwärtsgewandtheit in der Politik meist zu sehr gegenwärtigen Katastrophen.“ Mir stockte der Atem, ein Gefühl von Erleuchtung! Und, weiter, dann man müsse diskutieren. Ob dass denn alles richtig sei mit den Flüchtlingen (den armen, schreibt er), die nach Deutschland kämen „bis hier das ökonomische und moralische System zusammenbricht, bis sich die passiv-aggressiven AfD-Provinzler an die Macht wählen lassen können und dadurch genau die freie Welt, von der sich die neuen Boatpeople und Geschundenen von Idomeni die Rettung vor den Tyrannen des Nahen Ostens erhoffen, kaputtgeht.“ Dann aber wie denn, würde man gern wissen und man bekommt Bescheid: „Es gibt in Berlin-Mitte eine sehr kluge, gebildete Journalistin, […]. Vor ein paar Monaten kaufte sie Windeln, Spielzeug und Babykleidung, und […fuhr …] zu einem der Berliner Flüchtlingsheime. Der Taxifahrer wollte von ihr kein Geld, als sie ihm sagte, wohin die Fahrt ging, und das fand sie so witzig, dass sie später darüber ein paar Zeilen auf Facebook postete, und so viele Likes bekam sie noch nie. War das Pop? War das eine radikale politische Handlung? War es blinder, verlogener Idealismus? Oder war das genau die richtige, vernünftige, erwachsene, unideologische Art, auf eine Katastrophe zu reagieren? “ Die Propaganda der Tat! Warum in die Ferne schweifen, sieh das Gute liegt so nah. Das wir da nicht von alleine drauf gekommen sind. Das ist mal eine griffige Parole, ganz bestimmt würden viele grosse kleine Taten die Probleme lösen, in den Notunterkünften, in den Schreckens- und Katastrophenländern und, cum grano salis, auch an den Grenzen der Türkei.

So oder so ähnlich müsste ich das jetzt bitter zu Ende bringen: Zeile für Zeile müsste ich die banausenhaften Verschwommenheiten, Dummheiten, demagogischen Beleidigungen und Behauptungen und eitlen Fehlinterpretationen nachweisen und zerpflücken. Das wäre vielleicht ehrenvoll, aber mühsam, langweilig und uneffektiv. Denn der eigentliche Skandal ist, dass der Herr Biller offenbar schreiben kann, was er will, wie’s ihm passt, wahr, unwahr, seriös, beleidigend, egal. Hauptsache Aufregung. Denn Aufregung schafft Aufmerksamkeit, der Rubel muss rollen.

Nur um hier auch in den richtigen Verdacht zu geraten – ich sehe in dem Herrn Zizek einen schrecklichen, unseriösen Denker, halte den Herrn Varoufakis für einen mässig aufgeklärten 80er Jahre-Partei-Sozialisten, sehe in der Frau Wagenknecht eine überwiegend kluge, besonnene Politikerin und halte den Herrn Augstein für einen … Erben, viel mehr nicht. Mit den Betondeckeln der PC verbindet mich eine herzliche Feindschaft und wer heute noch „links“ sein will, hat die (ökonomische, technologische, gesellschaftliche) Leere der Parole nicht verstanden (und nebenbei offenbart sich im Rückgriff auf eine rechts-links-Polarität nur Regression). Und ich halte die Flüchtlingspolitik der Frau Merkel für katastrophal (ganz besonders in der resultierenden, dreckigen Abrede mit der Türkei). Es gibt also, nur deswegen erwähne ich es, Werturteile des Herrn Biller, die den meinen in Teilen ähnlich sind.

Argumentativ jedoch und stilistisch ist mir der Herr widerwärtig. 

Und, so habe ich angefangen, es ist nach meiner Meinung genau diese demagogische Oberflächlichkeit, dieser invektive Stil, der die Debatte in unserem Land zerrüttet hat, zumindest erheblich dazu beigetragen hat. Unseriös, ehrabschneidend, Tabu-brechend um des Effektes und skandalgeil um der eigenen Karriere oder der Zeilenhonorare willen.

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