Yuval Noah Harari schreibt „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“

21 Paragraphen über 21 Lektionen

Neue Tafeln vom Berg Sinai

Der Autor und sein jüngstes Buch
Schau mir in die Augen.

I. Lektionen, pl.
Lektionen haben so einen abschüssigen Hang, erteilt zu werden, und tatsächlich leben wir in einer Zeit, in der es offenbar Not tut, „dem Publikum“ die eine oder andere Lektion regelrecht auszuteilen. Dort nämlich, im globalen Publikum, herrscht Verwirrung sowie, was schlimmer ist, eine wachsende Dummdreistigkeit, auf jede in Blockbuchstaben gefasste Wirrnis ein Copyright zu kleben. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, so stöhnen die Älteren und sehnen sich zurück in eine Zeit, in der „Gatekeeper“ versuchten, den galoppierenden Wahn in Schach zu halten. Wer heute eine Weile darüber nachdenkt, mag sogar zu der Anschauung gelangen, dass die sozialen Medien, in denen das Reden überwiegend als Blech daher kommt, zu den jüngeren Geisseln der Menschheit gehören und leider doch nicht, wie die Wohlmeinenden noch glauben mochten, einen demokratischen Gewinn markieren. Und so kommt es, dass Yuval Noah Harari nicht nur einen leichten Föhn hat, wenn er der Menschheit und dem 21. Jahrhundert gleich 21. Lektionen um die Ohren haut, sondern er hat auch Recht: die Menschheit braucht das offenbar.

II. Harari–smus
YNH ist ein erstaunlicher Mensch. Er blickt eher bübisch altklug als wie einer, der das 40. Lebensjahr bereits hinter sich hat. Dieser Blick, dem eine zurückgenommene, lauernde und sprungbereite Aggressivität eigen ist, ist nicht vom Himmel gefallen, ist in Jahrzehnten gewachsen bei Kopfdeckel-qualmenden Lektüre älterer Lektionen, die YNH in der dünnen und stickigen Luft von Universitätsbüros und Lesesälen aufgesogen hat: sein Wissen um die Grundlagen des Lebens und der Welt ist breit und tief, und, mit seinem nunmehr dritten Bestseller, jedenfalls lärmender als seine Forschungen in Welt- und Militärgeschichte, seinem ursprünglichen Kompetenzfeld. Er ist ein israelischer, wenn ich ihn recht verstehe, säkularer, vielleicht sogar agnostischer Jude und schwul, was ich unbeachtet liesse, würde er es nicht selbst wiederholt zum Thema machen; so aber gibt es Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, und der ihn auszeichnende weltumgreifende Durchsetzungswille möglicherweise als Ergebnis einer jüdischer Denktradition und eines leiderprobten Minderheitsbewusstseins zu lesen ist. Eigenartig ist sein Denken allemal.

III. Mein Verdacht
YNH bewirbt sich als Religionsgründer, als Aufklärer zumindest, als Pabst vielleicht, nicht bloss der Katholen, sondern gleich von allen. Sein Diskurs greift quer durch und über alle Religionen hinweg und etabliert sich als eine Art technologisch geschultes Altertumsdenken. Keine Zukunft kann ihn überraschen, die Gott-Werdung des Menschen scheint für ihn ausgemacht, und natürlich kam über diese schmale Brücke auch die Religion in seine Überlegungen. Während sich das Valley weitgehend fern aller Geschichte und historischen Kenntnis zu einem Vergangenheits-losen Transhumanismus bekennt, forscht YNH nach den tieferen und wohl auch unbewussten Rückbindungen dieser neuen Religiosität. Dabei ist ihm keine Quelle und keine Weisheit unbekannt, sein Blick reicht – universalhistorisch, wie es auf Wikipedia heisst – über die 2 Millionen Jahre Menschheitsgeschichte zurück und hat alles gesehen und geordnet, was seither zu sehen und zu ordnen war. Diese seltsame und auch befremdliche Mischung, ... mir ist nicht wirklich klar, wie ich ihn zu fassen bekäme. 

IV. Überblick
YNH selbst sieht seine drei Bestseller als eine aufeinander aufbauende Reihe, mit einem grossen Rückblick (Sapiens) zuerst, in der er der Frage nachgeht, wie aus dem Affen der Sohn des Prometheus hatte werden können, der nicht länger wartet, dass das Feuer vom Himmel herab zu ihm kommt, es lieber gleich selbst erfindet. Ist denn etwa die Menschheit das Ende der Evolution? Warum nicht selbst Leben stiften? Unsterblich sein? Die (in Homo Deus untersuchte) Gott-Werdung  des Menschen ist ein Putsch wiedergeborener Caesaren und Pharaonen, der Mensch wird Maschine, macht sich frei von seinen biologischen Fesseln. Und der Strom kommt aus der Steckdose. Für diesmal, sagt YNH, habe er über die Gegenwart nachgedacht. Der er mit 21 Lektionen beikommt, und sei es, so seine vor Bescheidenheit tropfenden Schlussworte, damit wenigstens eine Handvoll anderer in seine Debatte mit einsteigen. Das aber sei nötig, denn eine Welle von regressiver Politik schwappe über den Globus, die mehr damit beschäftigt sei, in die Vergangenheit zu schauen, als in die Zukunft.

V. Bist Du bereit?
Soweit der Überblick. Die meisten dieser Überlegungen sind bekannt, einige davon habe ich – seitdem wir in der Oberstufe Goethe am Wickel hatten – selbst schon angestellt und bin dabei immer wieder an meine eigenen Grenzen gestossen: zwar forme auch ich die Menschen nach meinem Bilde, versuche es, ermutige sie und rufe ihnen zu, den Zeus nicht zu achten, nur: sie hören nicht zu. Mit meiner eigenen Gottwerdung hat es noch nicht geklappt. Umso gespannter bin ich auf YNHs Lektionen, ja ich bin versuchsweise bereit, mich dem Hararismus zu ergeben. Wie beim Eintritt in jede andere Religion auch, werden mir zuvor einige Prüfungen auferlegt. 

VI. Zeigefinger
Deren erste ist es, den schulmeisterlichen Ton zu ertragen. YNH redet zwar hier und da von Demut, das müssen wir aber nicht allzu ernst nehmen. Ihm ward die Weisheit mit Löffeln gegeben und nun ist er bereit, mit vollen Händen auszuteilen. „In einer Welt die überflutet wird von bedeutungslosen Informationen ist Klarheit Macht.“ Gleich mit diesem ersten Satz macht YNH klar, was er im folgenden zu tun gedenkt: Klarheit zu schaffen in der Diskussion über die Zukunft der Menschheit. „Milliarden von uns können sich gar nicht den Luxus erlauben, sich näher damit zu befassen, weil wir dringlichere Dinge zu tun haben: … Leider gewährt die Geschichte keinen Rabatt. Wenn über die Zukunft der Menschheit in unserer Abwesenheit entschieden wird, weil wir zu sehr damit beschäftigt sind, unsere Kinder zu ernähren und mit Kleidung zu versorgen, werden wir und sie dennoch nicht von den Folgen verschont bleiben.“ Das kann man nicht nur als Drohung lesen, das ist eine, wenn auch ohne Anspruch auf Vollständigkeit!

VII. Alles
Folgerichtig fasst YNHs Blick mach allem, blickt auf den den Globus und alle Gesellschaften, zugleich auf den Einzelnen, seine und ihre inneren Konflikte nebst den Verwicklungen ins grosse Ganze, denen niemand zu entkommen vermag. Das ist natürlich ein wenig vermessen, es geht aber nicht anders. Klimawandel, Flüchtlingsströme, die globale Ökonomie, das Weltgeschehen lässt sich nicht mehr auf eine nationale Sicht verengen und auch wenn es gewaltige Entwicklungen sind, sind es Einzelne, die sie zusammensetzen. 

VIII. Immer noch Einleitung
„Diese globale Dimension unseres persönlichen Lebens bedeutet, dass es wichtiger denn je ist, unsere religiösen und politischen Voreingenommenheiten, unsere rassen- und geschlechtsspezifischen Privilegien und unsere unwissentliche Komplizenschaft bei der institutionellen Unterdrückung sichtbar zu machen.“ Es ist also eigentlich ein Buch über Identität, sozusagen „zur Basis“ globaler Entwicklung, wie man es in der Mathematik ausdrücken würde; und natürlich ist das einer der still eingewobenen Erfolgsfaktoren des Buches.

IX. Dummheit
Zugleich ist es auch einem YNH nicht gegeben, über alles zu sprechen. So konzentriert er seine (globalen) Fragen nach dem aktuellen Geschehen und dessen tieferen Bedeutungen auf die – aus seiner Sicht – grossen Debatten in den Themen Technologie, Politik, Religion und Kunst. „Manche Kapitel feiern die menschliche Weisheit, andere betonen die zentrale Rolle menschlicher Dummheit.“ Am Ende, so kündigt er an, will YNH die Fäden zusammenführen und das Leben und die Welt am Scheideweg diskutieren, nämlich am Übergang von den alten, nicht mehr tragfähigen Erzählungen zu den – noch nicht formulierten – neuen Erzählungen, die uns eine Zukunft ermöglichen mögen.

X. Kammerton
Nachdem wir uns also mit dem Ton abgefunden haben und es auch OK finden, dass jeder Absatz mit einer Weisheit aufwartet (was dazu beiträgt, dass man leicht den Überblick verliert, was in diesem Überfluss eigentlich die messages-to-go sein mögen), kommen wir auch nicht um die Feststellung umhin, dass vieles, besonders zu Technologie und Religion, bereits in den ersten beiden Büchern verhandelt wurde. Welche „Lektionen“ also hat das Buch zu bieten?

XI. Technologie und Liberalismus
Am Ende des 20. Jahrhunderts sei von den drei grossen Erzählungen (Faschismus, Kommunismus und …)  nur noch der Liberalismus übrig geblieben. Diese Erzählung setzte die Freiheit des Einzelnen als obersten Wert und setzte dann darauf, dass es diese Freiheit sein würde, die allen Gesellschaften Frieden und Wohlstand einbringt. Seit (späterstens) 2008 habe sich das geändert und immer mehr Gesellschaften kehrten in autoritäre und rückwärtsgewandte Strukturen zurück. Diese Abkehr vom Heilsversprechen des Liberalismus ist eine vorauseilende Reaktion auf bereits eingetretene, mehr aber noch auf kommende Verluste. Im Liberalismus stand das Individuum mit seinen Rechten und Bedürfnissen im Mittelpunkt, im aufkommenden Technozän gerät es ins Abseits: Nicht nur die Arbeit als solche käme abhanden. Ob Du da bist oder nicht bist: nobody cares! „Es ist viel schwerer“, sagt NYH, „gegen Bedeutungslosigkeit zu kämpfen als gegen Ausbeutung.“ Derzeit jedoch ist es eben jene Freiheit des Marktes und der Meinung, der Forschung und des Handelns, die es den Technologen und den Technokraten der Welt ermöglicht, Ausbeutung und Bedeutungslosigkeit im Gleichschritt zu fördern. Dass es uns gut geht, oder gar sehr gut, ändert nichts an der Beklemmung, Sorge und sogar Panik, dass eben dieses Wohlergehen bedroht ist, und das Fehlen einer glaubwürdigen Perspektive schürt diese Gefühle: keine der bestehenden Erzählungen ist dem Technozän gewachsen. Anders als im 20. Jahrhundert, in dem die damals „neuen“ Erzählungen nach der industriellen Revolution noch Raum und Zeit fanden, sich auszuprobieren (auch sie mit schrecklichen Folgen), bestünde heute nicht mehr die Zeit, Modelle auf ihre Tauglichkeit zu testen und zu optimieren, denn neuerlich Fehlschläge, etwa von der historischen Qualität eines Nationalsozialismus, seien heute mit realen Weltuntergangsszenarien bedroht. 

XII. Wimmelbild
Nach dem YNH die Risiken (neuerlich) farbenfroh düster auf seine Leinwand gebracht hat, diskutiert er Strategien des Umgangs. So könnten Regierungen technologische Entwicklungen regulieren, um den Arbeitsplatzabbau zu verlangsamen und Reaktionszeit zu gewinnen. In diesen Reaktionszeiten müssten Regierungen dann eine kontinuierliche Lehr- und Bildungsangebote vorhalten und finanziell absichern, um Menschen auf der Höhe der technischen Entwicklung zu halten. Vermutlich würde das nicht reichen, nicht zuletzt, weil es die Menschen überfordere, und deswegen müssten daneben und darüber hinaus auch Post-Strategien ersonnen werden: post-industriell, post-arbeitsgesellschaftlich, post-ökonomisch – mit Verweis zum Beispiel auf das BGE. Und Eile sei geboten, denn wenn erstmal Roboterfabriken Roboter an Roboterbergwerke verkauften und dafür mit Eisenerz bezahlt werden (und damit eine Mensch-lose Ökonomie entstünde), dann stünden Sinn und Zweck der Menschheit als solcher in Frage. Ziel neuer Strategien und Modelle müsse es daher sein, nicht Arbeitsplätze zu schützen, sondern Menschen mit ihren Bedürfnissen und in ihrem Selbstwertgefühl.      

XIII. Viel einerseits - viel andererseits
Wie könnte es auch anders sein. Einerseits drohen große Risiken, die die Auslöschung der Menschheit nicht ausschließen. Andererseits versprächen die technischen Entwicklungen fundamentale Vorteile, bis hin zur mehr oder weniger vollständigen Überwindung von Krankheiten durch, sagen wir, nanotechnologische Früh-Indikations- und Reperatursysteme. Unangenehm wird es, wenn YNH auf informations- und biotechnologische Schnittstellen zu sprechen kommt, die zu einer „Weiterentwicklung der Gattung Mensch“ führen könnten (im Subtext: führen werden). Dann sei mit einer Differenzierung der Menschheit zu rechnen, in eine kleine Kaste von Übermenschen – und dass dies die reichen Eliten sein werden, muss man wohl nicht weiter begründen –, und eine grosse Mehrheit von, ja, was sind wir dann, „Dumpfbacken“. Dass diese „Originalsubstrat“(Kurzweil)-Menschen, ohnehin nutzlos und überdies Verbraucher wertvoller Ressourcen, alsbald zu ökologischem Ballast deklariert würde, sei dann auch nur eine logische Folge. Mindestens ebenso unerfreulich sind YNHs Prognosen, wenn es um den Besitz von und Umgang mit Daten geht. Dabei hätte die Menschheit die Wahl zwischen Skylla und Charybdis, nämlich zur Manipulations- und Verfügungsmasse von Unternehmen zu werden oder von diktatorischen Regimen, je nach dem, welche Partei die Daten in Besitz bekäme. „Wie regelt man den Besitz von Daten? Es könnte die wichtigste Frage unserer Zeit sein. Wenn wir sie nicht bald beantworten, könnte unser gesellschaftlich-politisches System zusammenbrechen.“ In diesem Punkt changieren YNHs Antworten (Wissenschaftler könnten eine technologische Lösung finden – oder – Marc Zuckerberg ruft auf facebook dazu auf, als Data-Community „gemeinsam zu handeln“ …) zwischen illusorisch und naiv und sind wohl nicht wirklich ernst gemeint.

XIV. Politik
Die Verschmelzung von Informations- und Biotechnologie bedrohe die zentralen Werte der Moderne: Freiheit und Gleichheit. Zugleich machten es die Ideologien und Nationalismen schwer bis unmöglich, auf globaler Ebene zu kooperieren – um diesen Gefahren zu begegnen. Es sei deswegen ein bemerkenswerter Versuch von Marc Zuckerberg, menschliche Netzwerke mit Hilfe von KI-Algorithmen anzustossen: im Falle des Erfolges würden auf diesem Weg Algorithmen zu den neuen Veranstaltern des social engineering, im Falle eines Misserfolges dagegen hätten wir die Grenzen der Technologie ausgelotet. Die Frage sei aber auch grundsätzlich: ob Unternehmen sinnvollerweise die Treiber gesellschaftlicher Verbesserungen seien könnten; echte Revolutionen kosten Blut, davor aber würden Gewinn-orientierte Unternehmen zurückschrecken. Und wenn eine Online Revolution, wie im arabischen Frühling, zu gesellschaftlichen Veränderungen führe, so seien doch kurz danach wieder althergebrachte Strukturen am Werk, vielleicht mit neuem Personal, leider jedoch mit den alten Zielen und Zwecken. Es fehle also der Online-Welt (noch) die direkte Anbindung an die physische Welt, an den Körper des Menschen. Google Glass etwa oder auch Pokemon Go seien erste Ansätze dazu, den Menschen schlussendlich komplett in den digitalen Datenstrom zu integrieren.

XV. "Nor net hudele"
Ungefähr bis hierher, wir sind jetzt im sechsten Kapitel („Lektion“) reicht die im weitesten Sinne technologische Diskussion. Wie das letzte Drittel von Homo Deus ist das ganz gut zu lesen, und es schadet auch nicht, wenn die Nachrichten inzwischen bekannt sind. Mit dem Teil „Die politische Herausforderung“ wechselt der Kammerton, es kommen global-moralische und religiöse Themen auf, besser gesagt: sie mischen sich darunter, denn das viel versprechende, technologische „Bedrohungsszenario“ bleibt als Konstante erhalten. 

XVI. Bekenntnisse
Ich selbst habe mein religiöses „going out“ ungefähr mit 13 hinter mich gebracht, habe seither mit Glauben nur wenig und mit Religion Null zu tun, und würde mein Verhältnis zu Kirchen euphemistisch als Kalten Krieg bezeichnen. In meinen Augen ist die Islam-Debatte (in jeder ihrer Facetten) Teil eines breiten Rollback und eine massive Regression. Du kannst ja glauben, was Du willst; ich aber lebe in einer durch und durch säkularen Gesellschaft und bringe weder für die religiösen Inhalte noch für „Die xy-Religion gehört zu …“-Debatte irgendein Verständnis auf. Insofern ging und geht mir YNH mit seinen ausladenden (und zwar: religionskritischen!, das ja) Erörterungen auf den Keks – und ich wäre von Haus aus der Falsche, diese zu kommentieren. 

XVII. Relativierung
YNH hat jedoch ein … Restargument, das mich dazu bestimmt, diese Auseinandersetzung (auch wenn sie an MIR vorbei geht), als Thema gelten zu lassen: WENN man sich mit Veränderungen auf globaler Ebene auseinandersetzt, wie YNH das tut, so sollte man vielleicht doch nicht ignorieren, dass Milliarden von Menschen in den Vorschriften und Korsagen religiöser und vor allem kirchlicher Vorstellungswelten leben (oder wenigsten in ihren Wertegerüsten davon geprägt sind). Die Frage bleibt, ob es die Anstrengung lohnt: Einmal glaubenssüchtig, immer glaubenssüchtig. Doktrinäre Glaubensgerüstes neigen zur Verkapselung und lassen Argumente erst gar nicht bis zu einer Abwägung vordringen; schlimmer noch sind Konvertiten, die zu einer kompensatorischen Planübererfüllung neigen; und dass tatsächlich einmal Argumente (!) Zweifel in eine arme Seele streuen, das gleicht einem Sechser im Lotto. 

XIII. Klage
Der Umgang mit YNH ist schwer. Er ist ein belesener und kluger Zeitgenosse, der in grosser Flughöhe auf die Probleme der Menschheit schaut. Viele seiner Beobachtungen sind richtig, und in seiner Grundhaltung, wo er das einerseits-andererseits hinter sich lässt, vertritt er ein geläutertes, liberales Weltbild mit Verve! Übrigens auch gegen die eigene Analyse, nach der der Liberalismus in seinen zentralen Versprechen gescheitert sei. Ich bin deswegen geneigt, ihm in vielen Punkten zuzustimmen, in vielen anderen Punkten seine Anschauung als berücksichtigenswert zu verbuchen. Allerdings gibt es ein paar zentrale Kritikpunkte. Dazu zählt, dass er eine schwankende, oszillierende Argumentationslinie verfolgt, die zwischen Beobachtungen, anekdotischen Rückgriffen in abgelegene Historien und Fakten, zwischen Erkenntnissen und Moralen oder auch religiösen und säkularen Themen eine oft wie betrunkene Spur von einem „Ich weiss was“ zum nächsten zieht. Ein anderer Kritikpunkt ist, dass es in seiner Analyse nur wenige real handelnden Subjekte gibt, sondern nur ihre Abstraktionen (Menschen, Menschheit). So warnt YNH vor der „Dummheit der Menschen“, die es fertig bringen könnten, auch einen Krieg anzuzetteln, bei dem alle verlieren. Diese Art der „Erkenntnis“ macht mir Schulterzucken: mit wem muss ich reden? Wer gehört fortgebildet? Wo ist der Schalter, das zu verhindern. Das „wir“, die Menschen, die Menschheit, die Dummen, die Politiker … sind ein fundamentales Problem (je-)der Debatte: Wer ist das? 

XIX. Predigt
In diesem Dilemma verschroten die Argument: sie werden so unscharf, dass sie alles und jeden treffen, nichts und niemanden. Die Kapitel, unter denen er seine Stichworte verhandelt, zeigen die eher pastoral-strategische Linie: 

  • die technologische Herausforderung
  • die politische Herausforderung
  • Verzweiflung und Hoffnung
  • Wahrheit
  • Resilienz

Liebe Kinder, die Welt hat grosse Problem, lasset nun aber die Hoffnung nicht fahren. Wenn wir nur alle nach der Wahrheit streben, dann … bestehen wir auch die Herausforderungen. Amen. 

XX. U-Turn
YNH erteilt Lektionen und dass es einundzwanzig sind, ist ein Teil des Problems: Desillusionierung • Arbeit • Freiheit • Gemeinschaft • Nationalismus • Religion • Zuwanderung • Terrorismus • Krieg • Demut • Gott • Säkularismus • Nichtwissen • Gerechtigkeit • Postfaktisch • Science-Fiction • Bildung • Sinn • Meditation. Ein Kessel Buntes; dergestalt zugetextet wird Dir ganz duselig. Das ist, so könnte man es auch böse zusammenfassen, Erbauungsliteratur. Aber so will ich nicht enden. Weil YNH thematisch so breit und ins moralisch-allgemein-philosophische mäandert, ist es so schwierig, ihn zu fassen zu kriegen: Ich müsste jedes seiner Themen zunächst umfänglich referieren, bevor ich es zusammenfassen und im besten Sinne kritisieren könnte; obendrein kommen mir laufend seine Exkurse zurück in die letzten 2 Millionen Jahre in die Quere. Das Format einer „Rezension“ ist davon überfordert und mehr noch die Leser. 

XXI. Nu werd' schlau draus
Ich schliesse deswegen mit der Warnung, dass real-brauchbare Handlungsanleitung aus den Lektionen nicht abzuleiten sind, verbunden mit der Empfehlung, dass doch viel Wahres und Aufklärendes darin zu finden ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

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