Wer sind "wir"?

Wir

Du und ich!

Ausschnitt aus einer Facebook-Diskussion über "wir"
Darf man oder dürfen wir nicht?

In den letzten Tagen kommt es in meiner timeline immer wieder zu Diskussionen, die die Verwendung des Pronomens „wir“ in der meinungsbildenden Öffentlichkeit adressieren.
Ich kenne das Dilemma.

Für irgendwen schreibt jeder Autor, es ist also eine sehr alte Frage, in welcher Form ein Autor sein gemeintes oder gewünschtes Publikum adressiert. Wenn es sich beispielsweise um einen Roman über Hannibal oder eine Reportage über Fortschritte in der Fusspflege handelt, stellt sich die Frage anders (oder gar nicht erst), als wenn es sich um eine politische Äusserung handelt, die auf aktuelle Verhältnisse einzuwirken versucht; der kritische Aspekt der Verwendung  des „wir“ entsteht in der Eingemeindung der „Ziel“gruppe in eine Ansicht, oder in einer quasi nötigenden Verhaltensaufforderung (oder gar -vorschrift). „Wir sollten nicht so tun …“; ... „müssen“ und „sollen“ sind häufige Begleiterscheinungen in solchen Sätzen. 

In meiner Jugend überdeckte der neutralisierte Gebrauch des „man“ das Dilemma, überspielte das einbindende, heranholende, gleichsam auch imperative des „wir“. Wobei: der „imperative“ und Unwohl stiftende Einsatz des „wir“ entstammt, wie ich glaube, der Tatsache, dass dieses „wir“ als eine höfliche-re, zurückgenommene-re Hilfskonstruktion des „Du“ aufgetreten ist, nämlich der Meinung des Autors, dass „Du Leser“ (möglichst noch „gefälligst“) der gleichen Meinung sein sollst, zu sein habe, wie der Autor, und am besten auch gleich danach handele. Im Kern also versteckt sich hinter dem „wir“ eine anmassende Weisung, zugleich aber auch ein relativierendes „ich auch“
Denn in aller Regel sind diese „wir“-Sätze Auseinandersetzungen mit Desideraten, mit Leerstellen, nicht vorhandenen .. Sichten oder Verhaltensformen. „Wir sollten das Auto öfter mal zu Hause stehen lassen und zu Fuss gehen.“ Ich auch. Ich tue es aber nicht. Oder vielleicht doch, wenn Du mitmachst, also komm, lass es „uns“ versuchen. Damit signalisiert der Autor auch, dass er zwar der Meinung ist, damit das „Richtigere“ zu vertreten, nicht aber sich in einer Position versteht, dies gleichsam „verordnen“ zu dürfen (oder doch, dann wird es missionarisch: „Das Recht ist auf meiner Seite, Du MUSST dem, also mir, folgen“). 

Ich zweifle, das diese feingesponnenen, sprachlichen Fürs und Widers und AchHerrJees auflösbar sind. Wenn ich mich politisch äussere, so doch in aller Regel, um etwas zu erreichen, um Dich in meinen Gedanken zu verstricken, hineinzuziehen, Dich zu überzeugen. Wenn ich Dir mit „Du sollst“ komme, dann machst Du doch sofort mit einem „Du kannst mich mal“ dicht. Also schleim ich Dich mit einem „wir“ ein wenig ein, und hoffe darauf, dass die Qualität der Aussage die Schwäche des Aussagens überstrahlt. Ehrlicher ist es natürlich, den Kopf hoch zu nehmen und mit dem Brustton der Überzeugung aufzutreten: „Von heute an wirst Du folgenden Sachverhalt so und so sehen. Punkt.“ 

 

„Discuss!" :-)

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