Vom Mangel an geo-strategischem Denken

Syrien, kollateral

Historienhuberei

Das eigentlich und wirklich Erschreckende ist, dass diese Scheisse schon so lange anhält

Marc Saxer hat einen FAZ-Artikel verlinkt, auf den ich reagiert habe; bemerke (peinlich, peinlich) erst jetzt, dass der Text von 2012 ist. Allerdings ändert das nichts an meiner Kritik.

 

Wann wäre es je „um die Bevölkerung“ gegangen! Den Punkt kann man wohl schulterzuckend abhaken. Dass es an einem geo-strategischen Denken fehlt, ist richtig benannt, dem Autor allerdings fehlt es daran auch.

Seit Jahren beschäftigen wir uns mit dem Strukturwandel, den die Globalisierung, die Digitalisierung und die Finanzmärkte hervorgebracht haben und weiter hervorbringen (werden). Dabei ist sehr deutlich geworden, dass wir mit den Kriterien einer überkommenen Kanonenbootpolitik keine belastbaren Thesen werden identifizieren können. Was vor 100 Jahren geostrategische Ziele gewesen sein mögen, das spielt heute keine, höchstens aber fast keine Rolle (nämlich nur noch insofern, als „traditionelle Einflusssphären“ daraus resultierten). Auch das geostrategische Öl des 20. Jahrhunderts verliert zunehmend und rapide an Bedeutung, vor allem, weil geo-strategische Denker inzwischen verstanden haben, dass das Verbrennen fossiler Ressourcen zum primären Risikofaktor des Klimawandels geworden ist. Man kann über den Pariser Klimavertrag durchaus verschiedener Meinung sein, nur kann man nicht glauben, dass die dort „vereinbarten“ Nachhaltigkeitsprogramme ohne Wirkung blieben: geo-strategisch findet ein (zu langsamer, das ja, aber) massiver Shift hin zu erneuerbaren Energien statt. Und selbst wenn eine Pipeline durch Syrien eines der Kernmotive des derzeitigen Konfliktes wäre, es wären nicht die USA und Russland, in deren Kerninteresse dabei zu handeln wäre.

Was eigentlich hat Russland in Syrien zu suchen? Warum annektiert Russland die Krim? Wenn es geo-strategisch eine brennende Frage gibt, so doch die, dass Russland in Tartus den einzigen Marine-Stützpunkt am Mittelmeer unterhält. Je mehr man über die (traditionellen, ältlichen) russischen Empfindlichkeiten in Fragen des Zugangs zu den Weltmeeren weiss, desto unbegreiflicher ist es, dass dieser Sachverhalt in den Konfliktbemühungen unbenannt bleibt. Umgekehrt ist hier aber auch das tatsächliche Interesse der USA in diesem Konflikt zu identifizieren, und zwar in genau seiner Unentscheidenheit: nur „aus Prinzip“ widerspricht man der russischen Einmischung, nur um Putin nicht unwidersprochen das Feld zu überlassen.

Und noch ein (dreckiger) Aspekt des Syrienkonfliktes bleibt unbenannt: alle Auseinandersetzungen, die unterhalb der Schwelle von Grosskonflikten gehalten werden können, dienen, aus westlicher Perspektive, dem (staatsfinanzierten) Materialverbrauch (zugespitzt: Kriege sind Subventionen) und aus jeder anderen Perspektive dem Machterhalt militärischer Funktionsträger.

Ich halte das Gerede von Herzland und Randland, gelinde gesagt, für groben Unfug, zumal der Autor einen inhärenten Widerspruch seiner Argumentation gar nicht bemerkt: WENN es denn an einem geo-strategischen Denken fehlt, und diese Beobachtung teile ich, so FEHLT es eben, und lässt sich auch nicht mit einem Rekurs auf historisch abgelegene Perspektiven reaktivieren. (Nur der Vollständigkeit halber: China erscheint derzeit als die einzige globale Kraft, die tatsächlich geo-strategisch denkt und handelt.) Mir erscheint der Aufsatz als ein „Herr Lehrer, ich weiss was“, und ich bin unentschieden, ob sich in seiner Publikation das überkommene geo-strategische Denken der Herausgeber spiegelt oder ob er nur zur Vernebelung der Landschaft platziert wurde.

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