1. Person Singular

Subjektloses Denken

sag ich oder sag ich's nicht

Ich zweifle immer wieder, ob ich meinem Denken und Schreiben einen Gefallen tue, wenn ich mich der 1. Person Singular anvertraue und mich, den Autor eines Gedankens, zugleich als Subjekt in diesen Gedanken einbringe. Gleichsam noch schlimmer wird es, wenn ich mich in ein „wir“ eingemeinde, auf dessen Zugehörigkeiten und Grenzen ich selbstverständlich allenfalls assoziativ verweisen kann: „Du“ würdest es Dir mit Verve verbieten, ungefragt zum Teil meines „Wir“ zu werden! Ich bin mir also dessen bewusst, und die 1. Person Singular stellt mich unmittelbar in einen grundsätzlich anderen Bewertungszusammenhang, als würde ich, wie es immer noch üblich ist, mich allenfalls im Notfall als Autor dieser Zeilen outen. Alle sich für ernsthaft und seriös verstehende Literatur und Theorie unterlässt das! Und das lässt sich gut begründen, denn ein Autor, der sich seinen Text sagen lässt, entzieht ihm sozusagen die allgemeine Gültigkeit, die Aussagekraft, auch auf der Metaebene, und damit objektiv zu gelten. Eins und Eins ist Zwei, daran lässt sich nicht zweifeln, aber wenn „ich“ der Meinung bin, „dass Eins und Eins Zwei ist“, dann muss die Frage erlaubt sein – und sie wird auch gestellt – ob meine Meinung irgendeine Relevanz in Anspruch nehmen kann. Und was noch entscheidender ist: selbst wenn sie (also ich) es könnte – das wird weder geprüft noch konzidiert. Wo das „ich“ auf den Plan tritt, ist die Verbindlichkeit erschüttert.

Andererseits 

Die fundamentale Verlogenheit dieser Position zu denunzieren, ist Teil meiner Sozialisation. Wer, wenn kein Subjekt, spräche denn sonst?! Welche von Gott gegebene Autorität ist denn am Wirken, wenn sich ein Text aller Subjektivität entkleidet und gefühllos und verdauungsarm vom Katheder predigt? “Sicher fällt auf, dass…“, „… kann man nur den Schluss ziehen …“ Wem fällt das auf? Wer zieht den Schluss? Es ist eine Form der patriarchalen, paternalistischen, auktorialen und – dem inneren Wesen nach – apodiktischen Weltaneignung, der Deutungshoheit, die mit dem „ich“ zugleich auch allen Widerspruch ausschliesst. 

Natürlich wissen „wir“ das, und doch misstrauen wir dem „ich“, nein, „wir“ bedanken uns sogar, dass es uns mit seiner Subjektivierung die Möglichkeit eröffnet, den Gedanken selbst zu ignorieren. Denn das ist es ja, was in diesem Vorgang eine Rolle spielt: Wer festhält, dass Eins und Eins Zwei ist, muss sich nicht mit Fragen der Richtigkeit, Glaubwürdigkeit oder Legitimität herumärgern; der Common Sense ist so stabil und verbreitet, dass sich jedes „ich“ in dieser Aussage erübrigt – ja, es, das Ich, könnte die Aussage auch gar nicht für sich in Anspruch nehmen. Ein Gedanke aber, wenn er es wert ist, tritt ja in den Widerspruch zu einer Vorstellung, einem für sicher geglaubten Sachverhalt. Dem „ich“, das glaubt, dass die Welt nicht so ist, sondern anders, mag man dann – vielleicht – Gehör schenken, ernst nehmen muss man es nicht: es ist „nur“ ein „ich“.

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In einem Gespräch, das Goethe mit dem Schweizer Numismatiker und Privatgelehrten Frédéric Soret am 17. Februar 1832 – also nur knapp einen Monat vor seinem Tod – in Weimar führte, bekannte er sich zu einer ‚Kollektivität‘ seines Ichs. Die berühmt gewordene Passage ist ursprünglich in französischer Sprache überliefert, wird in den heutigen Werkeditionen aber in der Regel in der deutschen Übersetzung wiedergegeben; hier deshalb beide Versionen:

"Qu’ai-je fait? J’ai recueilli, utilisé tout ce que j’ai entendu, observé. Mes oeuvres sont nourries par des milliers d’individus divers, des ignorants et des sages, des gens d’esprit et des sots. L’enfance, l’âge mûr, la vieillesse, tous sont venus m’offrir leurs pensées, leurs facultés, leur manière d’être, j’ai recueilli souvent la moisson que d’autres avaient semée. Mon oeuvre est celle d’un être collectif et elle porte le nom de Goethe." (Goethes Gespräche. Eine Sammlung zeitgenössischer Berichte aus seinem Umgang, auf Grund der Ausgabe u. des Nachlasses v. Flodoard Freiherrn von Biedermann ergänzt und hrsg. v. Wolfgang Herwig, 5 Bde., Bd. 1-3.2: Zürich u. Stuttgart, Bd. 4 u. 5: Zürich u. München 1965-1987; hier Bd. 3.2, S. 839, Nr. 6954.)

"Was habe ich denn gemacht? Ich sammelte und benutzte alles was mir vor Augen, vor Ohren, vor die Sinne kam. Zu meinen Werken haben Tausende von Einzelwesen das ihrige beigetragen, Toren und Weise, geistreiche Leute und Dummköpfe, Kinder, Männer und Greise, sie alle kamen und brachten ihre Gedanken, ihr Können, ihre Erfahrungen, ihr Leben und ihr Sein; so erntete ich oft, was andere gesät; mein Lebenswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe." (Johann Wolfgang Goethe: "Die letzten Jahre. Briefe, Tagebücher und Gespräche von 1823 bis zu Goethes Tod", Frankfurt am Main, Deutscher Klassiker Verlag, 1993, S. 521 f.)

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Sehr schöner Hinweis!

Das wäre jetzt die Gelegenheit, über die Konstruktion des Subjektes aus dem Vorgefundenen zu filusofiern. :-) 

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