von der Schwierigkeit, eine Diskussion zu führen

Oxfam

worüber reden wir?

Tagesschau.de über die Oxfam-Studie
Dann ist doch alles gut, oder?

Die Vorgeschichte – Oxfam veröffentlicht seine Ungleichheits-Berechnung und wird dafür von vielen Seiten kritisiert – setze ich einmal als bekannt voraus.

Den verschiedenen Berechnungen liegen verschiedene Datenbasen zugrunde (Berechnungen der Credit Suisse sowie des Forbes-Magazins); u.a. geht es in den in Bezug gesetzten Daten um die Vermögenswerte von 3,6 Milliarden Menschen, die korrekt zu erheben schlechterdings unmöglich ist; daneben geht es um die Vermögenswerte sehr reicher Menschen, die ebenfalls nur als Schätzungen verfügbar sind (oft werden öffentlich ausgewiesene Anteile an Firmenvermögen als Grundlage herangezogen, wobei Fragen danach, was im Zeitverlauf etwa an Dividenden und/oder aus anderen Quellen an Barmitteln geflossen ist und wie sich diese Vermögenswerte entwickelt haben, weitgehend intransparent sind). Möglicherweise können ein paar wenige Eingeweihte Schätzungen über die Qualität dieser Daten abgeben. 

Verschiedene Journalisten versuchen nun, aus der Oxfam-Veröffentlichung eine eigene abzuleiten. Dazu stehen folgende Argumentationsstränge zur Verfügung:
• Oxfam beklagt die Ungerechtigkeit zu Recht (die Daten stimmen; die Daten sind falsch; die Daten sind nicht vergleichbar);
• Oxfam beklagt die Ungleichheit zu Unrecht (die Daten stimmen, aber die Schlüsse sind falsch; die Daten sind falsch, folglich sind auch die Schlüsse falsch);

• Oxfam vergleicht Unvergleichbares und zieht daraus falsche Schlüsse.

Verschiedene Privatpersonen versuchen nun, mit Ausschnitten aus dieser Gemengelage eigene „Positionen“ zu unterfüttern, welche genau wird dabei nicht immer klar. Beispielsweise werden den genannten Daten andere Materialien anderer Quellen gegenübergestellt (so z.B. eine Erhebung dazu, dass die Summe der „extrem Armen“ über die Jahre kontinuierlich abnimmt; wenngleich einerseits bei der Bewertung der Oxfam-Aussagen das „Äpfel/Birnen“-Argument bemüht wird, bleibt dieses Argument in der nachfolgenden Oxfam-„extreme Armut“-Gegenüberstellung gänzlich unberücksicht).

Mit diesen Scharmützeln – und ich komme natürlich nur darauf, weil ich mich versehentlich/unbedacht auf ein solches eingelassen hatte –, werden nun Social Media Sites gefüttert. Mich ermüdet das, insbesondere, weil in diesen Auseinandersetzungen aus einer klaren Botschaft durch munter-halbdurchdachtes darauf Herumklopfen eine neblige Landschaft geschaffen wird, in der alles gleich gültig ist. Oxfam, Thomas Piketty und zahlreiche andere Erhebungen, deren Datengrundlagen zwar allesamt an der gleichen Unschärferelation leiden (Intransparenz oder Un-Erhebbarkeit), deswegen aber doch in ihrem „Aussagevektor“ richtig sind, kommen übereinstimmend und auf breiter, auch politisch diversifizierter Front zu der Aussage, dass sich immer grössere Vermögen in immer weniger Besitzständen konzentrieren. Zu Recht argumentiert Oxfam, dass es unerheblich ist, ob 8,9 60 oder 126 Menschen soviel besitzen, wie die „untere“ Hälfte der Menschheit; mit maximaler Wahrscheinlichkeit lässt sich diese Relation auf absehbare Zeit nicht „korrekt“ ermitteln. Dass aber die Verteilung der Vermögen scherenartig und, so scheint es wenigstens, auch mit einem „gewissen“ Beschleunigungsfaktor auseinanderdriften, daran ist wohl wenig zu deuteln. 

In meinen Augen geht die Diskussion nun „eigentlich“ darum, sollte darum gehen, welche Schlüsse, Weltbilder, Handlungsoptionen … daraus abzuleiten sind. 

Und an der Stelle halte ich es für den eigentlich wesentlichen Punkt, darüber nachzudenken, ob es einen Punkt gibt, an dem private Wohlfahrt (sprich Vermögensakkumulation) dem Gemeinwohl schadet oder gar es gefährdet. Ich glaube nicht, dass Menschen mit einem 20, 40 oder 80 Millionen Vermögen tatsächlich einer Gesellschaft schaden. Wenn allerdings private Vermögen eine Ebene erreichen, auf dersie sich als „Akteure“ (Menschen oder Unternehmen) dem Gemeinwohl, der Gesellschaft gegenüber stellen können (in dem Sinne, dass sie private Forderungen mit Gesellschafts-relevanten Sanktionen verknüpfen können), sich damit aus der Gesellschaft auch herauslösen und zu einem eigenen Faktor werden, dann ist, meine ich, eine Schwelle überschritten. 

Sinnvoll wäre, in meinen Augen, eine Diskussion erst dann, wenn sie sich mit diesen Fragestellungen beschäftigt: Wo genau läge eine solche Schwelle? Oder: unterläge die Bewertung solcher Positionen der (gesellschaftlich erwünschten oder unerwünschten) Ausrichtung von Forderungen? Oder wäre die Schwelle erst überschritten, wenn sich solche grossen Einzelinteressen (wieviele?) vereinigen? Oder, ganz andere Fragestellung, ergibt sich die Schwelle (in einer Form der Sozialbindung des Eigentums) aus einer Relation zwischen den geringsten und den höchsten Vermögenswerten (übersetzt: wenn zu Wenige zuviel und Zuviele zu wenig besitzen)?

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