Menschenwerk

Entwicklungen sind rücksichtslos/es

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der HerrGott macht Pause

Blog-Zitat von Sabine Bendiek
Sabine Bendiek, zum Beispiel, schrieb folgendes

Sabine Bendiek: „Denn das Tempo der technologischen Veränderung nimmt weder Rücksicht auf politische Befindlichkeiten noch auf tradierte Entscheidungsprozesse.“

Das ist wahr: Entwicklungen, ob sie nun technologische Veränderungen bezeichnen oder ökonomische, politische oder kulturelle Trends, nehmen auf gar nichts Rücksicht.

Gleichwohl gibt es Treiber dieser Entwicklungen und damit, in aller Regel, handelnde Subjekte dieser „Rücksichtslosigkeit“. Die „offene Gesellschaft“ muss das dulden und damit umgehen, allerdings treten in den Randbereichen, dort wo Entwicklungen radikal oder disruptiv sind, doch immer auch Fragen nach der Legitimität auf: 

Ohne Frage hat der Nationalsozialismus die Verhältnisse in Deutschland – und in der Welt – „rücksichtslos“ umgestaltet  – und zumindest 1933 hatte „er“ dafür auch ein Mandat. Dann aber – wann? Nach dem Ermächtigungsgesetz, der „Reichskristallnacht“, nach dem Überfall auf Polen, nach der Wannseekonferenz ... wann und wie oft –, irgendwann erlosch dieses Mandat.

Etwas eine Entwicklung zu nennen, entpersonalisiert das Geschehen und macht es „irgendwie Gott-gewollt“. Dass Gott bei den wenigsten Entwicklungen die Hand im Spiel hat(te), zeigt sich, neben den zahllosen hässlichen, überaus un-göttlich erscheinenden Entwicklungen, auch an der wiederkehrenden, anhaltenden Diskussion um die „Verantwortung der Wissenschaften“ – insbesondere wenn sie in das Werk Gottes eingreifen, wie etwa in der Biogenetik oder, um ein anderes, sozusagen bereits historisch beweiskräftiges Beispiel zu nennen, in der Atomforschung. Oppenheimer und die rund 100.000 Mitarbeiter des Manhattan-Projektes sahen die Entwicklung der Atombombe als legitim an. Zur Hälfte war diese Anschauung erstmal naiv, weil sich die Protagonisten der Masslosigkeit ihres Projektes nicht bewusst waren (die erste Bombe, die in der Wüste von New Mexico gezündet wurde, hiess verniedlichend „The Gadget“). Zur anderen Hälfte war sie aber auch politisch überaus korrekt, weil diese Waffe „intentional“ gegen den Faschismus „gedacht“ war. Erst im Angesicht der Ergebnisse in Hiroshima und Nagasaki wuchsen die Zweifel an eben dieser Legitimität. 

Und so geht es ja immer: die Forschung benennt einen „guten“ Zweck, der alles Tun rechtfertigt, die Praxis findet ganz andere.  

Jetzt blicken wir zurück auf, sagen wir mal grob: zwei Jahrhunderte technologischer Disruptionen, in denen sich „die Zivilisation“ auf ein ungeheures Niveau – bis hinein ins Technozän – sozusagen in den Himmel entwickelt hat. Eine Exponential-Kurve – und erst langsam macht sich die (eigentlich bereits gut abgehangene: „wissen“ tun wir es schon sehr lange) Erkenntnis breit, dass es sich bei dieser Gipfeltour gegen allen Anschein um einen „Aufstieg“ an den Kraterrand, an den Abgrund gehandelt hat. 

„Der Technische Fortschritt, dieser Lümmel aber auch!“ 

Und nun wird es langsam mal Zeit, die fatalistische Sicht auf diese „Entwicklungen“ zu überwinden: sie fallen nicht vom Himmel! 

Sie sind Menschen-gemacht, und, um es noch etwas schärfer zu sagen: Ingenieurs-getrieben. Hier ist der technologisch-ökonomische Komplex dabei, rücksichtslos die Welt umzugestalten – ohne jedes Mandat, ausschliesslich den eigenen Zwecken verpflichtet.

Ich habe mit der Frage der Legitimität begonnen, und zwar, weil ich von Haus aus durch und durch technophil eingestellt bin; nicht nur das: ich glaube, dass die grossen Probleme unserer Zeit nur noch mit Technologien zu lösen sind. Es braucht dazu allerdings einen ziemlich grundlegenden Mindshift, sowohl bei den Treibern der Entwicklung, die verstehen und anerkennen müssen, dass Ihr Welt-umstürzendes Handeln ein Mandat braucht (das nicht von den Shareholdern stammt), als auch bei der diese Entwicklung hinnehmenden Öffentlichkeit. 

Die Rede von „der Rücksichtslosigkeit der Entwicklung“ ist eine Nebelkerze, die das Interesse einwölkt. „Sapere aude“ – wo hab ich das heute gelesen; aber genau. Hier fehlt der Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen!

 

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