Mariae Empfängnis

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

Mariae Empfängnis

mir wurde kommentiert

Ich weiss nicht, wie mir geschah, in zweien meiner Blogposts (Jennifer Lawrence, zwei, Das Juste Milieu) häuften sich Kommentare – und ich verstand sie nicht, mehrheitlich. Zunächst konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass einige oder gar nur ein Kommentator sich hinter verschiedenen Namen versteckte(n); am meisten irritierte mich aber, dass sich in diesen Kommentaren Argumente mit Absonderlichkeiten mischten, und es mir partout nicht gelingen wollte, den Zusammenhang zwischen dem Absurden und dem Diskursiven nachzuvollziehen. Besonders trollige Kommentare habe ich gelöscht. Ich werde mich aber auch in Zukunft bemühen, zunächst zu verstehen, ob in einer abseitigen Darstellung von irgendwas möglicherweise dieses oder jenes Argument enthalten ist, das mit dem, was ICH in meinem jeweiligen Blogpost behandelt habe, in einem Zusammenhang steht – und sei es ein entfernter. Soweit Vorrede. 

Über die Vergiftung der Wörter

Was kann Wagner dafür, dass Hitler ihn mochte? Wer kann die „Künste“ eines Tom Cruise ohne Vorbehalte würdigen, noch kritischer wird es bei John Travolta? Ist alles Denken Martin Heideggers von seinem Freiburger Rektorat und den „Schwarzen Heften“ diskreditiert? Kann der kaltblütige Killer ein guter Vater sein? Wie können pädophile Kriminelle als Diener ihres Gottes bestehen?

Thea Dorn“, möglicherweise verwandt oder verschwägert, fragt danach, so interpretiere ich das, ob es eine Grenzlinie gibt, jenseits derer ein Argument von den Zielen seines Benutzers vergiftet wird. Ich habe das Folgende nicht geprüft und nach Lage der Berichterstattung ist es eher unwahrscheinlich, aber es könnte sein, dass Anders Behring Breivik, der norwegische Massenmörder von Utøya, in seinen im Netz verbreiteten Vorstellungen „dieses oder jenes“ gesagt hätte, dem, sei es aus Gründen der Logik oder der Moral, nicht zu widersprechen wäre. Dito: Sarrazin, Thunberg, Palmers usw. 

Die Frage ist: „dürfte“ ich solche Argumente nutzen? 
Oder, in der verschärften Variante: Dürfte ich sie gar zitieren? 
Oder aber müsste ich, wie es die Frage nahelegt, all das, was auch immer von „indizierten“ Personen gesagt wird, ablehnen, ignorieren oder gar bestreiten?

Das ist ein schwieriges Gelände!

Es gibt da eine Familie Sackler, die zu den bedeutendsten Sponsoren der US-amerikanischen Museums- und Universitätslandschaft gehört. Das Geld, das diese Familie (aus durchsichtigen Motiven) grosszügig herschenkt, stammt aus den Milliardengewinnen ihres Pharmaunternehmens Purdue, das unter anderem das Mittel OxyContin zur (lange Jahre) weltweit „erfolgreichsten“ Arznei gemacht hatte. 

In Folge ausserordentlich erfolgreicher Anstrengungen im Marketing, in der Lobbyarbeit und bei der Überzeugungsarbeit ihrer „Pharmareferenten“ gilt eben dieses Mittel als ursächlich für die grösste Drogenkrise, die je die USA überzogen hat und verantwortlich für 10.000de von Toten – und womöglich fehlt da noch eine Null. Inzwischen haben sich einige der Institutionen (obwohl auf die Mittel tatsächlich dringend angewiesen) von der Sackler-Familie abgewandt und mindestens „unwohl“ ist wohl allen.

Am einfachsten macht es uns der eindimensionale Mensch, der das Falsche tut und das auch richtig findet: Gordon Gekko. Helmuth Kohl. Franck Ribéry. Julian Assange. Martin Winterkorn. Beppe Grillo usw.. Gleich danach wird es grau, uneindeutig, glitschig. Die Spontis haben dafür seinerzeit die Parole ausgegeben, dass man mit seinen Widersprüchen leben müsse. Naja, auch sie haben es sich einfach gemacht. 

Die genannten Beispiele liegen weit auseinander, verweisen in ihrem Kern aber auf die eine Frage, ob irgendeine Transaktion (das reicht vom „Aussprechen eines Argumentes“ über „mitmenschliche Fürsorge“ bis zum „Hergeben einer Spende“) von der „moralischen“ Position oder gesellschaftlichen Bewertung belastet ist, die der „Emittent“ einnimmt, innehat oder die ihm oder ihr zugewiesen ist. Fast könnte man sagen: in dieser Frage kristallisiert der Zeitgeist! 

Bekanntes Beispiel: Deutschland schafft sich ab. Wenn in einer Population (A) alle gebährfähigen Frauen im Durchschnitt 3,5 Kinder bekommen (vielleicht sollte man das nochmal prüfen) und in einer anderen Population (B) die Reproduktionsrate bei 1,5 liegt, dann wird – unabhängig von der Grösse der Populationen zu einem Zeitpunkt 0 – irgendwann die Population A grösser sein als die Population B. Das ergibt sich aus den niederen Regeln der Mathematik, und zwar auch dann noch, wenn das „Argument“ von Herrn Sarrazin vorgetragen wurde. Anders gesagt: Um Herrn Sarrazin nachhaltig zu widersprechen, braucht es andere Argumente. Wenn sich die Populationen A und B so verhielten, wie oben beschrieben, dann hätte Herr Sarrazin Recht – und wer mit ihm streitet, müsste mindestens die Mathematik zunächst einräumen. 

Das Problem ist natürlich, dass es schwer ist, Herrn Sarrazin gültig zu widerlegen; denn die Entwicklung von Populationen findet in der Realität auf dem Zeitstrahl statt, von dem ein gehöriger Teil in der Zukunft liegt. Damit das Szenario des Herrn Sarrazin eintritt, müssen

  1. die Entwicklungen unverändert über sehr lange Zeiträume (Vergleichsdaten gibt es hier) gleich bleiben und
  2. die Populationen für genau diese langen Zeiträume distinkt bleiben. Dass
  3. andere Parameter hinzu kommen (Abwanderung, Adaption, Katastrophen, Kriege, Krisen, … Zuwanderung,), die die niedere Mathematik verwirren, lassen wir einmal aussen vor.

Während es also mathematisch relativ einfach wäre, das vermeintliche Aussterben des Deutschen Volkes zu behaupten, ist es sozio-demografisch und argumentativ relativ schwer, diese Behauptung zu widerlegen. Selbst wenn am Ende der Diskussion vom Aussterben nichts übrig bliebe: k(aum e)eine Diskussion hielte bis zu diesem Ende durch. Es hat sich, im Gegenteil, eine Mechanik eingeschlichen, die diesen Diskussionsverlauf abkürzt, indem sie das jeweilige Argument mit der Person verschränkt und damit „in-diskursiv“ gestellt hat.

Andere Aspekte beeinflussen die Antwort

Etwa, dass die Summe der Argumente endlich ist. Soll eine aufgeklärte Abwägung stattfinden, so kann man schlicht nicht jene unterschlagen, die dummerweise von unpassendem Personal geclaimt worden sind – zumal es antagonistische Positionen gibt, die jeweils anderes Personal (und damit: Argumentationen) für unpassend halten. 

Hinzu kommt, dass auch hier „Zeit“ im Spiel ist: selbst das unpassendste Personal lebt! Dass Saulus zum Paulus werden konnte, ist eine sehr alte Geschichte, und sie ist uns in der Historie millionenfach wiederbegegnet. Wenn nun aber der von seinem jugendlichen Glauben längst abgefallene Jung-Nazi immer noch (heimlich?) denkt, sozusagen trotzdem, dass eine ganze Reihe der Ursachen seines „überwundenen“ Nazi-Glaubens (namentlich in Ostdeutschland) fortbestehen? Oder nehmen wir Herrn Heidegger, der in späteren Jahren (wachsweich) seinen „Irrtum“ beklagt? Hat er denn nun eine demokratische Grundhaltung? Die auch sein früheres Geschwurbel, äh, ja was? Negiert? Legitimiert? Neutralisiert? Und fand der begriffliche Feinmechaniker dafür die richtigen Worte?

Mir ist selbst schon des öfteren aufgefallen, dass ich ein Mensch voller Widersprüche bin. So bin ich zutiefst überzeugt, dass die Welt einen ökologisch ausgerichteten Systemwechsel braucht, selbst aber lebe ich in Sünde (in ökologischer, versteht sich). Der Geist ist willig, da bin ich Katholik! Meine Überzeugungen sind deswegen nicht falsch, allenfalls ist meine Praxis bigott. Ich fürchte, das geht vielen Menschen so: es gibt kein richtiges Leben im Falschen.

Und ich sehe noch einen anderen Punkt: Zu anderen Zeiten, an anderen Orten, unter anderen Umständen gelten andere Massstäbe. Der Versuch, den westlichen Wertekanon (whatever that is) auf die Lebensverhältnisse in – sagen wir – Lybien, Pakistan, Paraguy oder Eritrea anzuwenden, erscheint eurozentrisch und mehr als nur fragwürdig. So dargestellt mag man dem leicht zustimmen, wenn wir aber auf den Jahrhunderte alten Anti-Semitismus zurückblicken, auf dessen Protagonisten einer anderen Epoche, soll dann gelten, was HEUTE gilt? 

Relativitäten! 

Was kann Wagner dafür, dass Hitler ihn mochte? Nicht nichts! Sein Judenhass war anerkannt, die Meistersinger waren die offizielle Reichsparteitagsoper. Mit seinen Rauschgift-Partituren hat er eben AUCH diese nicht enden wollenden germanische Helden-Saga kolportiert, eine eintausend Jahre vergangene Weltanschauung, die noch heute in den Programmheften ausdünstet. Von dem unsäglichen Gesinge einmal abgesehen: Form UND Inhalt!  

Die Parameter flottieren, vielleicht. Aber wir können die Dinge sehr wohl auf ihren Signalcharakter befragen: WAS sagst Du mir damit: eigentlich? Und wir können die Argumente sehr wohl in ihrem Kontext analysieren: WAS versuchst Du mir gerade unterzujubeln? Nehmen wir Emil Nolde, der in den Kommentaren meiner Blogposts eine hartnäckige Präsenz erfahren hat. Kann man Nolde „ohne Kontext“ überhaupt an die Wand hängen? Das Bild Melkmädchen II stammt von 1939; Das verlorene Paradies von 1921; Iris mit Stiefmütterchen aus 1929. Mitunter gelten seine Werke, „obwohl expressionistisch“, als „schön“. Ich habe die Bilder einmal in einen Kontext gestellt … 

Was kann Hitler dafür, das Nolde ihn verehrte? Dass Heidegger mit ihm eine neue Zeit anbrechen sah? Scheinbar oder offenbar wenig. Scheinbar war AUCH der Nationalsozialismus eine Projektionsfläche, die nicht alles willig zurückspiegelte, was auf sie geworfen wurde. Offenbar repräsentierte er vielmehr Machtpolitik, und zwar eine, die sich von keinem opportunistischen Hanswurst in Haftung nehmen liess – und sei er noch so anerkannt. 

Was wir im kulturellen Raum vorfinden, sind keine objektiven oder göttlichen Manifestationen sondern Artefakte. Da war jemand beteiligt, da hat jemand eine Spur hinterlassen. Insofern sind diese Artefakte auch nicht wertneutral. 

Aber! 

Kein Jemand ihrerseits ist eine Figur eigenen Rechtes. Alles was sie oder er hervorbringt, hervorbringen kann, ist zivilisatorisches Ergebnis, geschichtlich gebunden und abgeleitet. Es ist also gar nicht möglich (oder doch nur höchst! selten), dass das Einzelne einen kulturellen Sachverhalt „vollständig mit sich selbst“ kontaminiert; die Mehrheit allen Denkens ist Zivilisation (sogar die unerfreulichen Anteile). Und wenn das richtig ist, dann kann ich das richtige Argument auch vom falschen Protagonisten nehmen und in meinen Kontext stellen.

Das halte ich für ein Stück Aufklärung.

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