Über das Theater

Ich kann's nicht mehr hören

Zwischenruf

Theater Masken
c - Wikimedia.org

Ich will es mir mit meinem Freund #DonaldBerkenhoff nicht verderben. Doch unter uns Kupferstechern, es ist Zeit, ihm einmal kräftig zu widersprechen. Donald ist Regisseur und favorisiert ein Theater, das "verstört", ungefähr in jedem fünften Post belobigt er die Verstörungskraft irgendeiner Inszenierung. Bei aller Liebe, und sie war innig, und noch immer können wir uns tagelang über den Lauf der Welt streiten, konnten wir uns über das Theater noch nie einig werden (und er würde mir vorhalten, dass ich mich dem ja überhaupt gar nicht erst aussetze, somit nicht wisse, wovon ich spreche). Das alte Argument: ohne Dir einen Schuss gesetzt zu haben, kannst Du nicht über Drogen reden. Ich räume also ein, dass ich als Blinder über das Sehen rede, immerhin aber als einer, der kontinuierlich sein Ohr ins Geräusch der Zeit taucht.

Ich kann es nicht mehr hören:

Verstörung! Was denn ist davon die wünschenswerte Qualität? Leben wir, wie in den seligen Fünfzigern, in einer Zeit, in der der satte und selbstgefällige Mainstream die Vergangenheit leugnet, die Widersprüche unter den Teppich kehrt und täglich der Bigotterie frönt? Im Gegenteil. Tag für Tag, Stunde für Stunde gedenken wir des Holocaust, des Flüchtlingselendes, der Ausbeutung der Dritten Welt, der sozialen Ungerechtigkeit und des hastenichtgesehen. Haben wir nicht jeden Tag einen verstörenden Nachrichtenstrom um die Ohren, von Tod, Terror, Krankheit, Disruptionen und Umweltvernichtung? Verstörung? Ich bin verstört. Hinreichend! Und ich will gar nicht erst anfangen, davon zu klagen, dass ich es auch nicht mehr sehen kann: die notorischen Leptosomen in Rippelunterwäsche, der aufreizende Voyeurismus des "System C", die Blut- oder Fettorgien und dann das ewige Geschrei. Honestly: es kotzt mich an und -
OBWOHL ich mich durchaus als Kultur-Intellektuellen ansehe, also grundsätzlich interessiert bin, neugierig und verliebt bin in das Neue und das Andere - ich bleibe weg.

Das Theater heute stellt sich in einen fatalen Wettbewerb mit der Boulevardpresse. Um überhaupt noch Aufmerksamkeit zu erzeugen, suhlt und wälzt es sich in überkandidelten, psychodelischen Extravaganzen der plattesten Natur. Laut, grell, zynisch.

Was allerdings mein schärfster Vorbehalt ist: es leistet keinen Beitrag, zum Leben nicht (und nicht zum Umgang mit all den Wisersprüchen), zur Gesellschaft nicht (und besonders nicht zur Bewältigung der technologischen, alles ergreifenden Umgestaltung der Lebensgrundlagen), zur Politik nicht (ausser, dass man sich in gutmenschlichem Antifaschismus sonnt, by te way: zugleich aber bisweilen durchaus faschistoide Mittel einsetzt). Und, auch das ist eine Leerstelle, die das Theater ignoriert: auch nicht zur Religion. Denn das Alles-Verstörende-heute begann ja, nachdem Nietzsche Gott für tot erklärt hat (höchstens ergeht man sich in banaler Kirchenkritik, Gottnee, was für eine abgekasperte Baustelle).

Die Dekonstruktion ist ein mächtiger Werkszeugkasten. Doch wenn bereits alles am Boden zerstört und zerfleddert ist, muss man aufhören. Der einst aufklärende Impuls degeneriert und perpetuiert nur noch mittelalterliche Exerzitien. Kurzum, das wollte ich einmal zu Protokoll geben: das Thater agiert nicht auf der Höhe der Zeit. 

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