Das Grundgesetz als Magazin

Für heute und in Ewigkeit

Armin Nassehi will es langsam

Das GG-Magazin und das Layout des Titels

Wie oft am Tag, im Jahr, im Leben – beschäftigst Du Dich mit dem Grundgesetz? Ich auch nicht. Schon: ich hatte so ein gewisses Grundverständnis, aber es einmal lesen, wie man ein Buch liest, jesses! Im November letzten Jahres gab es aber einen Anlass: Das GrundGesetz als Magazin – eine Idee von Andreas Volleritsch und Oliver Wurm – hat einigen Wirbel erzeugt; ich fand die Idee grossartig. Nun lebe ich ja auf dem Land …

So lungerte das Interesse also eine ganze Weile in meinem Hinterkopf herum, sechs, sieben Mal hatten sie es einfach nicht, bis ich tatsächlich einmal einen Zeitschriftenkiosk gefunden hatte, der so ein Stück GG im Angebot führte. Jetzt hielten sich meine Freude und mein Kopfschütteln vorübergehend auf gleicher Höhe: Was für ein Layout! Es ist ja so: Du kannst das GG überall bekommen, für umme, ich besitze noch ein Exemplar aus meiner Schulzeit! Wenn also jemand auf die Idee kommt, es kostenpflichtig als Magazin herauszugeben, dann kann man eigentlich nur über die Form reden. Tout Deutschland ist begeistert.

Das Sein und das DiSein   

Nenn mich einen Krümelkacker, aber es fängt bereits mit der Titelseite an. Wir sehen (rechts in der Spalte oben) links das Original und rechts eine sozusagen vermessene Version, in der die je mit Zahlen unterschiedenen Flächen jeweils gleich gross sind. 

Hinzugefügt habe ich einen roten Rahmen (aussen) und ein Mittenkreuz, das sich an diesem Rahmen ausgerichtet. Ziel der Übung ist es, die geometrischen Relationen von Flächen und Schriften zu verdeutlichen. Auch für den Laien ist leicht zu erkennen, dass die räumliche Aufteilung keiner Orndungsidee folgt: der gestürzte Barcode rechts steht mittig zur gelben Fläche, gegenüber die gestürzte Doppelzeile „Plus – …“ steht irgendwo. Vielleicht mochte sich der Designer nicht auf den berühmten Goldenen Schnitt verpflichten lassen, der bekanntlich eine über Jahrhunderte tradierte geometrische Idealverteilung repräsentiert, bitte sehr – aber weder symmetrisch, noch am Goldenen Schnitt, noch an irgendeiner anderen erkennbaren Regel orientiert, mal so, mal anders: ich nenne das eine gestalterische Willkür; und die setzt sich auch im Inneren fort. 

Besonders auffällig ist das, was in einer Qualitätsrezension als „ambitionierte“ – oder war es „anspruchsvolle“? – Typographie bezeichnet worden ist; anderwärts wird das Layout: „schön“ genannt. Nun liesse sich über Geschmack kaum streiten, und wenn es um Typografie geht, ist das Spektrum dessen, was unter „kann man machen“ läuft, durch nahezu nichts eingeengt. 

Dennoch lassen sich eins, zwei Parameter wenigstens ungefähr begründen. Nimmt man beispielsweise eine Überschrift – da ist fast alles erlaubt. Und doch kommen nur sehr  wenige auf die Idee, einen Text über die "Digitalisierung" oder … "Das Genom der Zukunft" in einer Frakturschrift zu betiteln (es sei denn, eine historische Assoziation wäre gewollt). Soll sagen: Gestaltung ist eine Form der inhaltlichen Vermittlung. Ein zweiter Parameter ist die Lesbarkeit: Schrift sollte sich der Lesbarkeit unterordnen, wenigstens „unterhalb“ der Überschrift (also im Bodytext). Und: Es hat sich als hilfreich erwiesen, auf auf EINER Seite kein allzugrosses typografisches Durcheinander anzurichten. 

Der Gestalter des GG-Magazins will oder, wie ich vermute, kann sich mit solch simplem Regelwerk nicht identifizieren. Was dabei rauskommt, könnte man, wie die Doppelseite rechts zeigt, kreatief nennen und ist einer traditionellen Darstellung unvergleichbar; nennen wir sie also hilfsweise avantgardistisch.  

Es macht, wie weiter oben angedeutet, auch keinen Sinn, darüber zu lamentieren, dass die hier gewählten Schriftfamilien vor ihrem Einsatz hätten diskutiert werden können, um das Schlimmste zu vermeiden. Der Einsatz der Kuhflatschen-breite „Darwin Alt“(1)meine Vermutung: ich besitze diese Schrift nicht und bin nicht ganz sicher; es gibt soviele sehr ähnliche Schriften … ist unter ästhetischen wie unter Lesbarkeitskriterien mindestens bedauerlich, dann das ideologische Skalieren von Schrifthöhen, der Einsatz von Versalien und Sperrungen, Fettungen und Kursivsetzungen, all diese Himmelseingebungen entziehen sich einer geschmacklichen Bewertung. Ich lasse daher gelten, dass die Diseiner anderer Meinung waren … zumal die Mehrheit der Rezensenten diese Art optischer Kriminalität goutiert.

Was die Ideeninhaber jedoch erreicht haben, kann man - bei aller Krittelei - kaum hoch genug einschätzen: Aufmerksamkeit. Und das ist ohne alle Ironie bei einem so lebendig eingetrockneten Gegenstand wie unserem Grundgesetz tatsächlich ein Verdienst.

Mich hat es dazu bewegt, tatsächlich einmal zu lesen, was im GrundGesetz so alles geschrieben steht. Und wie ich nun schon mal dabei war, hab ich noch ein wenig links und rechts geschaut und stolpere bei der Gelegenheit über einen Text von Armin Nassehi.

Langsamkeit –
bewahren oder behindern

Ich spekuliere: Vielleicht wurde auch er von dieser editorischen Grosstat angeregt? Jedenfalls machte er sich in der SZ nun auch ein paar inhaltliche Gedanken über das Grundgesetz und seine Stellung und Aufgabe in der Gesellschaft. Ich finde diesen Angang im Grundsatz genau richtig: denn ginge es nur ums Blättern und Schauen, da nimmt man (meine Anregung) doch besser Geo zur Hand oder ein CoffeeTable-Book von Taschen .

Nassehi ist aufgefallen, dass das Grundgesetz zu einer Verlangsamung des politischen Geschehens führt.  „Das Grundgesetz,“ schreibt er, „… beschränkt die Dynamik der Politik – und garantiert so mehr Freiheit.“ Eine Kausalität? Das hat mich dann doch aufgeschreckt. Ein direkter Nachweis wird nicht geführt, wohl aber wird die These erläutert. Wenn sich, sagen wir, „die Dinge“ ändern, dann kann der Gesetzgeber darauf reagieren, muss sich jedoch in dieser Reaktion an Recht und Gesetz halten. Und damit unterwegens dieser Adaption nichts von dem unter die Räder kommt, was als positives Recht Bestand hat und behalten sollte, dauert der Prozess. Lange! „… in diesem Sinne ist das Grundgesetz ein Freiheits- und ein Langsamkeitsgenerator.“ Das scheint mir analytisch korrekt.

Es soll nicht sein, dass der Staat bei jedem Windhauch der Geschichte sein Fähnlein dreht; wir haben über einige der Grundlagen unseres Staatswesens gründlich nachgedacht, und bevor wir das ändern, muss es gute und zwar rechtmässige Gründe geben. Im Prinzip folge ich dem.

Du ahnst es: da lungert ein Aber im Hintergrund. 

Im Gespräch mit Dany Cohn-Bendit (2)Dany Cohn-Bendit, Wir haben Sie so geliebt, die Revolution; Frankfurt 1987, S. 36 sagte Jerry Rubin: „Der Staat, das sind wir.“ Erstaunlich, wenn man sich erinnert, wer Jerry Rubin war. Er sagt diesen Satz 1985, sozusagen „20 Jahre später". Davor nämlich zählte er zu jenen, die den Staat ändern wollten, die ihn sogar an allen Fronten bekämpften und womöglich ganz abschaffen wollten. „We want the world and we want it now!“ – das war die Parole der Doors, 1967. Geduld ist die Sache der Jugend nicht. Trial and Error, der Error in der Mehrheit, manche davon unumkehrbar. .. Ich schätze, auch Nassehi, 58, hat ähnliche Erinnerungen, und die Langsamkeit, die er nun (in der Nachfolge Nadolnys) im Grundgesetz verortet, erscheint ihm als ein Schutzwall gegen diesen Sturm und Drang. 

Umgekehrt aber jetzt, an Jahren gereift, der Langsamkeit zu huldigen, dem Bedacht, wenn nicht gar den Bedenken, das wäre dann doch eine andere Frage. Das Beharren dient der Prüfung, ok, es tendiert aber auch zur Versteifung. Selbst die Prüfung ist nicht frei von Fallstricken, denn oftmals formulieren wir innerhalb einer Prüfung eine Reihe von Vorbedingungen … „würde dieses Gesetz dies oder das befördern, und könnten wir uns darauf einigen, dass wir jenes und noch was anstreben, dann wäre das womöglich eine Ausgangsbasis weitergehender …“. Anders gesagt: Wir tun so, als prüften wir, machen aber in der Prüfung bereits deutlich, dass wir egal welches Ergebnis nur zu unseren Bedingungen akzeptieren. Ein anderer Begriff dafür ist Verstocktheit. Einen solchen Fall von Ambivalenz, scheint mir, haben wir auch, wenn wir auf das Grundgesetz schauen, wenigstens in dem Blick, den Armin Nassehi darauf wirft. Denn das „Aber“ ist ja noch nicht gesagt:

Die Langsamkeit, die das Gute verteidigt, ist ABER auch der Bremsklotz, der die Anpassung behindert. Das jetzt mehr als ein halbes Jahrhundert bereits tosende real-gesellschaftliche Geschehen, in dem nämlich das technologische Tempo in einer halben Generation drei globale Revolutionen veranstaltet, erlaubt diese Langsamkeit nicht; oder sagen wir anders: straft die Langsamkeit mit einem gesamtgesellschaftlichen Niedergang. Mir erscheint Nassehis Haltung nicht mehr nur staatstragend sondern mehr schon als eine Legitimation(sversuch) des Ancien Regime. Denn es ist eben seine verfasste Langsamkeit, die den Staat darin behindert, das Gemeinwohl gegen die mandatslose permanente Revolution zu verteidigen. „Das Grundgesetz beschützt das Recht.“ endet Nassehi seinen übersichtlich gehaltenen Zwischenruf. 

Wishful Thinking 

Das Grundgesetzt, so meine ich, schützt gar nichts mehr, denn natürlich ist es nur so stark wie der Staat, der es gewährleistet. Der aber ist länger schon nicht in der Lage, seine originären Ansprüche durchzusetzen: globale Steuervermeidung und lokale Steuerfluchten, um irgendwo anzufangen, verhöhnen den nationalen Odnungsrahmen. Der Staat ist auch nicht fähig, seine Bürger zu schützen: nicht gegen die Globalität klimatischer Verwerfungen, nicht gegen die Selbstbedienungscasinos der Finanzindustrie, nicht gegen das atomare „Ich hab die Längere“- Gebahren internationaler Herostraten, nicht gegen die digitale Vollautomatisierung und auch nicht gegen die Kleptokratie der Daten-Konzerne. Und schon gar nicht gegen die perfiden Strategien des Terrors. Nicht davon gesprochen, dass er auch seinen grundgesetzlichen Herzensangelegenheiten ("...von dem Willen beseelt ...") nicht nachkommt – der Herstellung eines vereinten Europas, um als dessen Glied dem Frieden zu dienen.   

Offen gestanden: Ich verstehe Nassehi nicht, nicht, weil ich seinen Text nicht verstehe (also: hoffentlich), sondern weil ich nicht verstehe, wie er so undialektisch, positivistisch und realitätsblind, ja, sogar pathetisch, von Staat und Freiheit und Recht und Gesellschaft reden kann. Ich meine, wir haben allen Grund, über das Grundgesetz, den Staat und die Demokratie nachzudenken, und zwar, um dem Geschehen mal kräftig auf die Sprünge zu helfen. 

Langsamkeit – tatsächlich,
das ist das Problem! 

So, wie das Grundgesetz die Politik auf die Langsamkeit verpflichtet, trägt es dazu bei, dass Technologie und Ökonomie die Staatsziele (nämlich die Wohlfahrt der Bürger) im Quartalsrythmus unterlaufen und konterkarieren und in der Folge, Folge!! (und auch nur: zum Beispiel durch den Rechtspopulismus), die Fundamente des Staates wackeln.

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