Talkin'about my geeeeneration ...

Die sagen viel, alles Dünnschiss

Ein Interview mit Harald Welzer

Interview mit Harald Welzer in perspective daily
Gesellschaftliche Veränderungen sind langfristige Prozesse mit offenem Ausgang. Da kriegt man keinen Garantieschein dafür, dass das funktioniert.

Ich muss ein paar Reflexe überwinden, um mich mit Herrn Welzer auseinanderzusetzen: diese Arroganz! – natürlich ..., weil ich gelegentlich eine ähnliche Attitüde an den Tag lege. Andererseits weiss ich schon, dass es „richtige“ Anschauungen gibt, die von Personen vorgetragen werden, die eine gewisse „Differenz“ zum Gehalt dieser Positionen aufweisen: katholische Bischöfe, grüne oder linke Politiker, und, wie gesagt, ich selbst, ...

Schon die Antwort auf die erste Frage an Herrn Welzer sagt mir: Vorsicht!
„Warum stehen Sie morgens auf?“
„Weil ich Lust zum Leben habe!“ 

Was für ein Quark! Ich z.B. hatte das letzte Mal am Freitag Nachmittag Lust zum Leben; da hatte es endlich geregnet. Die Morgende davor waren sehr sonnig, sehr bedrückend, das Land am langsamen Verbrennen. Von Lust: keine Spur. Klar, ich bin ich und Herr Welzer ist ein anderer, aber eine solche Antwort, c’mon!, das ist doch positivistischer Müll. Und es geht gleich so weiter: weil er das
„...Privileg hat, gut zu leben und solche Handlungsspielräume wie in den westlichen Gesellschaften, dann hat man kein Recht auf Pessimismus und Frustration.“
Nu: Auch mir geht es gut, ich nutze meine Spielräume, aber mein Pessimismus reicht bis zur Oberkante Unterlippe.

Was ich damit sagen will: Die Plakatsprüche, mit denen sich Herr Welzer in diesem Interview einführt, machen mich misstrauisch gegenüber den „Erkenntnissen“, die womöglich noch kommen werden.

Und es kommen einige, denn Herr Welzer weiss Bescheid! Die Klimaforscher, diese Dummbaxe, die glauben doch wirklich, dass man nur ein paar Fakten präsentieren muss, und schon ändert sich alles.
„Aber so funktioniert die Gesellschaft nicht.“
In einer kapitalistischen Wachstumsgesellschaft können man nicht so einen Unsinn wie ein 2Grad-Ziel verkünden. Weil die Gesellschaft darauf basiere, Emissionen zu produzieren … man müsste das Satz für Satz sezieren. Das aber, natürlich, wäre unschlau, denn einerseits geriete die Art Auseinandersetzung zu einem „Ich-gegen-Ihn“ und andererseits ginge auch der Überblick verloren. Was genau, aber in Summe, ist denn so falsch an Welzers Position?

Seine jungen Interviewer (und natürlich hat seine Arrgoanz auch damit zu tun, dass die jung sind!), fragen, ob die liberale Demokratie nicht zu langsam sei und es nicht vielmehr eine Ökodiktatur brauche. Die Frage könnte einem aufkommen, wenn man sich etwas ausführlicher mit dem Klima-Geschehen beschäftigt. Herrn Welzer ficht das nicht an.
„Warum sollten wir die zivilisierte Gesellschaftsform … aufgeben?“
„Weil wir das Wettrennen … sonst verlieren.“

Das nun sei das Gleiche, „wie wenn man wie die CSU die AfD“ von rechts bekämpfen wollte. 

Herr Welzer, dagegen, ist aufgeklärt, offen, demokratisch. Er will die Autoindustrie abschaffen, Kreuzfahrten und SUV’s verbieten. Und nachdem er das festgestellt hat:
"Deshalb müssen wir mit langem Atem und viel Fantasie und Zuversicht Experimente wagen, um andere Pfade einzuleiten."
Das grosse Problem der Nachhaltigkeits- und Klimaszene sei doch, dass sie nichts anzubieten habe – jedenfalls kein Gegenmodell. (Womit er eigentlich Recht hat.) Aber auf die Frage: Ob denn das Denken nicht die erste Form des Handeln sei? Er glaube nicht an die Informationsweitergabe, sondern an die Praxis. 

„Wenn die mal endlich anfangen würden, auf der Straße zu demonstrieren, dann würden sie die Erfahrung machen, dass es Gleichgesinnte gibt, mit denen es Spaß macht, zu demonstrieren. Das sind Praxisformen, bei denen Menschen erleben, dass eine andere Welt nicht nur möglich, sondern auch gut und machbar ist. Das können sie predigen, predigen, predigen, und es interessiert kein Schwein. Wir sind völlig übertheoretisiert.“

Ziemlich gequirlter Mist. Die Klimagegner haben kein Gegenmodell, aber grau ist alle Theorie. Welzer empfiehlt stattdessen Rezepte aus der kalifornischen Küche der 60er Jahre, linken Rosamunde-Ringelpietz mit Anfassen; mir zieht das die Schuhe aus. Ihm reichen 5% Überzeugte, denn „die restlichen 80% interessieren sich einen Scheiss für irgendwas und machen alles mit.“ Ganz falsch ist auch das nicht. Nur was soll dann das Aufklärungs- und Demokratiemäntelchen über der Schulter? Und schliesslich, was denn der Einzelne tun könne, kommt noch das Beispiel vom Doktor, der sich von seinen Freunden „Veränderungsideen“ zum Geburtstag schenken lässt. Hatten dann alle rote Bäckchen vor Freude.

Ich fass das mal zusammen: Herr Welzer kanzelt jeden ab, der nicht seiner Meinung ist, und mit denen, die dann übrig bleiben, will er bei der Demo Spass haben. Der Herr Professor. Analytisch präzise und argumentativ straight forward. Bischen Fäkaljargon untergemischt, das hält jung. 

 

 

 

  

 

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