Michel Houellebecq schreibt "Serotonin".

Die Rosamunde Pilcher der Verzweiflung

Lies das: Lass das.

Michel Houellebecq
Michel Houellebecq gibt dem Verlieren die falsche Stimme – Foto: Silvina Frydlewsky / Ministerio de Cultura de la Nación, Argentina

„Auch artig sein wär’ gar nicht schwer, wenn’s nur verboten wär.“ 

Wilhelm Busch kannte seine Pappenheimer, das war 1865. Wir funktionieren noch immer so. Von der Lektüre von „Serotonin“ abzuraten, käme damit einer Empfehlung gleich.

Doch das greift vor, ich muss es anders anfangen:

Sex – ist für mich kein Thema. 

Es gab da ein paar halb zerfledderte Taschenbücher in der Bibliothek meiner Eltern, meist auf englisch, sie standen zunächst ausserhalb meiner Reichweite oben links, später, als sich meine Reichweite meinen Bedürfnissen anpasste, verschwanden diese Titel und ich entdeckte sie eines Nachmittags in den Tiefen einer Schlafzimmertruhe zwischen Lacklederwaren; aber, mein Gott! in den 60er Jahren eines anderen Jahrhunderts war das beinahe eine Art Widerstand! Dagegen heute! Gibt es überhaupt noch Bücherregale? Und wer wollte sich Vergleichbares heute dahinein stellen?

Jedenfalls: Knapp mit oder nach meinem 14 Lebensjahr, die Erinnerung ist vage, habe ich das Gerede über Sex eingestellt. Es mag in den jungen Jahren ein paar Ausrutscher gegeben haben; das ist verjährt und ginge niemanden etwas an. Was ich aber meine ist: Über Sex zu sprechen ist intim, darüber zu schreiben ist ... vintage, eher pubertär, ja sogar degoutant.

Michel Houellebecq (MH) ist besessen davon, alles auszusprechen und beim Namen zu nennen, unter das begriffliche Mikroskop zu legen, mit Worten regelrecht abzulutschen, bis hin zu ..., nein, das will man nicht mal andeuten. Die Geschichte, die MH hauptsächlich in den Nebensträngen erzählt, käme auch ohne das „explicit“ aus.

Sex sells, and that’s it.

Einmal unterstellt, Du sähest das ähnlich, warum es dann erwähnen? Das ist sehr einfach: MH schreibt „die Stellen“, wie man das früher genannt hat, um seinen Scheiss an den Mann zu bringen; dass er ihn an die Frau bringen wollte, müssen wir nicht einmal unterstellen. Und er schreibt es gerissenhaft genau so ungeil und eklig, abstossend und widerlich, dass sich der Feminist lächerlich machen würde, wollte sie den MH dafür kritisieren.  

Lies. Das. Nicht. Kauf. Das. Nicht. Kein Wilhelm Busch: kein negatives Marketing. Das ist Dreck. Gekonnter Dreck, auch das muss man sagen: Aber schon wieder verrät sich der Autor! Denn der ganze Furor kleistert über einer so lieblich unreifen Glücksphantasie, über so einem Kinderbuch von Lebensvorstellungen, das ist so adrett, mit weichen, eingängigen Adjektiven und betulich sauber herab erzählt, a slippery sloap, eine Abwärtsspirale aus unaufgeklärt romantischem Geplapper. Da lob ich mir meinen Polanski, der auf die Zuckerwatte verzichtet hat.

Ist der Autor der Ich-Erzähler? Namentlich nein, insinuiert aber doch. „Schau nur, der arme Kerl, was muss er verzweifelt sein.“ Nur: das sollte niemanden täuschen. Auch die vermeintliche Selbst-Skandalisierung ist blanke Berechnung. MH stellt uns einen Protagonisten vor, den wir für das Alter Ego des Autors halten sollen und beschreibt dann mit grossem erzählerischen Geschick diesen Tölpel und Versager solange so realisitisch, bis wir Mitleid mit dem Autor haben, der an keiner Stelle aus seiner Menschenverachtung einen Hehl macht. Jungle World zitiert seinen Freund Frédéric Beigbeder: »Wie kann ein Typ, der so glücklich ist im Leben, eine so verzweifelte Geschichte veröffentlichen?« Pretty simple: Er verarscht sein Publikum und macht einen fetten Euro damit.

Ich hoffe, das war klar und deutlich. 

Es liegen dann aber ein paar Schichten unter dieser kalten arrogant-berechnenden Oberfläche, und es ist keine Frage der Gerechtigkeit, etwas genauer hinzuschauen. Es geht dann eher um geistige Hygiene. Mann muss nämlich sehr wohl den pamphletistischen vom politischen Teil seiner Erzählung sezieren. 

Dass MH über den Untergang des Mannes schreibt, der Männlichkeit eigentlich – denn rein materiell ist nix passiert, und es wird auch noch eine Weile nix statistisch Auffälliges passieren –, das haben Feuilleton und Publikum inzwischen zur Kenntnis genommen. Dass es auf dieser Ebene um die Herzensergiessungen eines Marquis d’impuissance geht, um einen Sex’Quixote des années 70, das alles wissen wir bereits; er ist aber auch ein Analytiker, der nicht bis zur Selbsterkenntnis vordringt, oder, was in etwa auf das Gleiche hinausläuft, aber einen anderen Kern hat, der sich nicht darüber hinaus entwickeln konnte, anderen die Schuld zu geben: Den Frauen, der EU, den Linken, egal. Da sind wir beim Zeitgeist, den MH ins Herz trifft: 

Er gibt dem Verlieren die falsche Stimme.

Dass das überhaupt möglich ist, liegt daran, dass MH die Gesellschaft wahrnimmt. Das ist eine wichtige Bemerkung, denn das ist erstaunlich für jemanden, der die entscheidenden Partien seines Kopfes in der Schwanzspitze trägt. Er sieht die Welt, sogar jenseits der weiblichen Anatomie, zumindest solange ihm kein Knackarsch die Sicht nimmt. Er kennt sowohl Brands wie auch Technologien, die Strassen von Paris und die Supermärkte der Normandie, sowohl das Marketing wie auch die Transhumanisten. Neben Huren und Heiligen sieht er auch Hühner und Küken (und diesen bringt er zwei Druckseiten mehr Empathie entgegen, als jenen). Er sieht das Elend sogar der Landwirte (das Feuilleton hat denen sogleich gelbe Westen übergestülpt, auch wenn die Ursachen hier – EU/Technokratie/Agrarpolitik – und dort  – Macron/Sonnengott/Gesellschaftsreformen – sachlich einigermassen weit auseinanderliegen), er sieht die Ursachen und die Ausweglosigkeit. Er sieht, sieht voraus, wohin das führen muss. 

Seinem Protagonisten freilich, ungefragt, fällt dazu nichts ein, wenig, mein Gott: das Wenigste: er empfiehlt dem Freund eine Frau aus Moldawien, die sei nichts anderes gewöhnt, nicht so eine anspruchs-hysterische Schlampe aus dem französischen Landadel. Und als er schliesslich gefragt wird, fast möchte man denken, als er es in der Hand hatte, das Unglück zu vermeiden, hat er es sachlich legitimiert, man könnte sogar sagen: provoziert – und den Freund in den Tod geschickt. 

Dieser Protagonist, Florent-Claude Labrouste, was für eine Pfeife: nie fällt ihm das rechte Wort zur rechten Zeit ein, aber er interessiert sich auch für nichts (mehr), früher einmal, das war vor seiner Midlife-Crisis, funktionierte er wenigstens. Und jetzt will uns der Autor einen Depressiven verkaufen, der sich langsam und wohl überlegt seinem Ableben nähert. Bitte sehr, Serotonin, dem Buch unterlegt ist ja auch ein Thema; vielleicht sollen die Tabletten, Anti-Depressiva, die Captorix heissen, oder eher die Depressionen, gegen die sie in Stellung gebracht werden, ursächlich sein für die ganze Misere?

Ich glaube nicht einmal die Depression – im Sinne einer Krankheit, im Sinne jener, die ohne eigenes Zutun nicht mehr wissen, wie ihnen geschieht. Die hier vorgestellte Depression ist das Ergebnis von falschen Entscheidungen, nicht gelebtem Leben, und richtiger noch, einer disziplinlosen Unfähigkeit. Und – wieder so eine Fehlkonstruktion – dieser Protagonist weiss es: er ist die Flasche, die er glaubt zu sein, ein Versager, und er ist zu klein, zu schwach, um damit zu leben. Als der Freund auf die Barrikaden geht, sich „opfert“, dreht er, im Vorleben Eurokrat und also Täter, sich um und geht. Von Camilles Sohn zu schweigen. Dass er nicht weiter leben will, ist wohl begründet und hat mit nichts anderem zu tun, als mit seinen eigenen intellektuellen, romantischen und sozialen Unzulänglichkeiten; es ist Einsicht, nicht Krankheit, nicht Weltversagen. Man kann ihm den Vollzug nur anraten. Wieder bleibt uns nur eine Frage: Warum! erzählt uns der Autor das? 

Parasitär

Michel Houellebecq zielt auf eine Generation von Weicheiern, Schnitzelfürsten, Lebensversagern, Kulturbubis, die, eben weil sie sind, was sie sind, eine masochistische Lust daraus ziehen, fotorealistisch beschimpft und in den Dreck gezogen zu werden. Er hat das in eine gute Erzählung verpackt, in deren Verlauf Du zwar Abscheu, nicht aber Langeweile empfindest – über Themen freilich und mit einem Telos, einer Haltung, die das Lesen nicht verlohnt. Selbst wer sich umbringen wollte, wäre schlecht beraten: das Buch lenkt ab, man könnte an der Wehleidigkeit zur Vernunft kommen.

Das gibt es: meist scheitert ein Inhalt an der Form, hier ist es einmal umgekehrt. Seinen Zynismus, sein Rotzbengel-Gehabe, die detaillierte Widerlichkeit seiner Vorstellungswelten und seine romantischen Regressionen lässt sich der Autor vergolden. Das ist Kalkül; ich wette, ein Lektor war nicht unbeteiligt, „Nein, Michel, schreib das ruhig. Das macht Auflage.“

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