Sascha Lobo hilft beim Verstehen der Welt

Der Mensch trifft Entscheidungen

ich bin so frei

Abbildung des verlinkten Beitrags von Sascha Lobo
Herr Lobo erklärt die Maschinenwelt

Ein intelligenter Beitrag. Es fehlen, glaube ich, zwei zentrale Aspekte. 

Zum Einen leidet diese Form des Beschreibens am Begriff des Menschen; „der Mensch“. Das ist eine statistische Grösse, die niemand ist, eine Fiktion. Tatsächlich ist „der Mensch“ eine Summenformel für eine Vielzahl von Entitäten, die, auch das eine statistische Grösse, sich auf einer Vielzahl von Gauss‘schen Verteilungskurven nach einer Vielzahl von Kriterien versammeln. Oft korrelieren einzelne Aspekte, oft nicht. Das ist das Dilemma der Statistik. „Der Mensch“ tut dies, der andere aber das. Gewiss versammeln sich statistische Mehrheiten nach diesen Kriterien, SPD-Wähler, Intelligenz-Inhaber, Wohlhabende, Autofahrer, Eltern, Beamte, ... aber die „Mengen“, die sich da versammeln bestehen aus jeweils anderen Elementen. Deswegen sind Texte, die vom „Menschen“ handeln häufig nahe an Horoskopen: für MICH trifft einmal dieses Kriterium zu, halb eigentlich, jenes nicht, und noch ein anderes ist sowieso hahnebüchen. Da ICH mich in diesem einen Minderheitskriterium wiederfinde, lasse ich den Rest „für andere“ gelten. Tatsächlich ist das natürlich Unfug.

Als Beispiel: jene Frau „habe sich an die Überwachung gewöhnt“, heisst es im Text, auch wenn sie nicht verstanden habe, worin genau diese besteht. Damit wird insinuiert, dass „auch ich“, als Teil einer fiktiven Mehrheit, mich an diese „Überwachung“ gewöhnt habe. Das ist nicht der Fall. Ich lösche Cookies täglich. Selbst wenn ich ein grosser Freund von Kuckucksuhren wäre, was nicht der Fall ist, dafür aber von Gadgets, will ich nicht, dass die Maschinen Kenntnisse meiner Interessen nachhalten, aggregieren etc. Andererseits bin ich sehr einverstanden, wenn Maschinen mir zeitsparende Wege nach ... Fürstenfeldbruck ... vorschlagen, an die ich mich mal halte, mal nicht. 

Anders gesagt, das Problem der Statistik ist, immer, dass sie mit der Realität, die aus Einzelfällen besteht, nichts zu tun hat. 

Eine zweite, andere Leerstelle des Textes ist der Begriff „der  Entscheidung“. Dieser Begriff ist aus sehr vielen Gründen höchst problematisch. Zunächst ist da die Tatsache, dass ich täglich eine Unzahl von Entscheidungen treffe, die keine sind. Ich stehe in der Frühe auf (hätte ja auch liegen bleiben können; nein, eben nicht, habe nämlich folgende Sachverhalte im Kalender ...), ich dusche, putze mir die Zähne etc. (hätte ich ja auch mal auslassen können; nein, eben nicht, dann habe ich nämlich Schnabelwind oder gar Maulsturm, und das will ich niemandem zumuten), ich trinke dann Kaffee (hätte ja auch Tee trinken können; nein, eben nicht, denn von Tee wird mir immer gleich so schummerig ...) und so geht das durch den Tag, durch den sich zudem noch endlose Kausalketten ziehen – der Kaffee ist alle, ich muss neuen kaufen; um 09:00 habe ich den Termin, da kann ich nicht mit dem Fahrrad fahren, und ich sollte einen Anzug anziehen, nicht die verlöcherten Jeans ... – 

Anders gesagt, was unter „Entscheidungen“ gehandelt wird, ist überwiegend von der Tatsache determiniert, dass ich geboren und sozialisiert worden bin. Der korrespondierende Begriff „der Freiheit“ beschränkt sich dann gerne darauf, dass ich einen röhrenden Auspuff habe montieren lassen, oder die Aufnahme von Kalorien in Form von zuckerhaltigen Getränken reduziere. Hinzu kommt, da kommt wieder die Statistik über mich, dass ich mehrheitlich nur mittel intelligent bin und daher meine „Entscheidungen“ gern bis zwanghaft am common sense orientiere. Ja, wenn ich es tiefenscharf analysiere, kommt diese unangenehme Frage auf, ob ich eigentlich überhaupt irgendwas entscheide? Mein Freundin ist, sagen wir, Manager: ihre Entscheidungen werden von den Zahlen diktiert. Mein Freund ist, sagen wir, Single: seine Entscheidungen werden von seiner „Marktkompatibilität“ diktiert. 

Hinzu kommen Vorstellungen von Psychologen, die der Meinung sind, dass wir „so tief“ in konditionierte Verhaltensverabredungen verstrickt sind, dass für „Entscheidungen“ schlicht kein Raum übrig bleibt und – andererseits Hirnforscher, die behaupten, dass die Chemie einer Entscheidung längst gearbeitet hat, bevor sich das Bewusstsein darüber klar wird. Und einige andere Überlegungen dieser Denkkette gehen so weit, dass überhaupt nur xTausend Menschen auf der Welt TATsächlich Entscheidungen treffen, darunter Präsidenten, die Drohneneinsätze freigeben.

Freiheit ist zu wollen, was wir müssen. Ansonsten hat Lobo ja schon alles gesagt.

 

 

 

 

 

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