Zwischenruf

Das Juste Milieu

Thilo Sarrazin und Greta Thunberg
Argument vs Identität ©-Wikipedia – "Lesekreis, Jan Ainali"

Ich beobachte, dass Diskussionen (ihr Kammerton sozusagen) sich mit dem Alter ändern. Radikal und kenntnisarm, von „ich kann nicht anders“ bis revolutionär in der Jugend, unsicher moderat und selbstzentriert opportunistisch, von ungreifbar bis aalglatt in der Mitte des Lebens und zynisch schliesslich, provozierend und rücksichtslos im Alter; nicht selten reaktionär. Mit den Attributen verweise ich bereits auf meine Interpretation: das Sein bestimmt das Bewusstsein. „Freedom‘s just another word for nothing left to loose.“ So die Jugend. Schwarz und weiss, noch nichts hat die reinen Lehren vergraut. Dann kommt das Leben, die Miete, die Kinder und wohl auch die Ambitionen, und die Zunge leidet darunter, ständig gebissen zu werden. Ein paar Meinungen verstecken sich, vorsichtig, mit dem Blick auf der peergroup, wird das Sagbare ausgeleuchtet. Irgendwann sind dann aber alle Stufen erstiegen, ein paar sind auch gebrochen, womöglich ist die Leiter sogar umgefallen. Ohne Karriere werden die Gedanken wieder frei, springen herum, und die Frage: „Warum eigentlich nicht? Was sollte mich hindern?“ gerät in den Vordergrund. Gelegentlich mit Abscheu gemischt, mit Resignation, seltener mit Weisheit.

Bei Donald B. aus B. (weder verwandt noch verwechselbar) habe ich gelernt, dass „der Betrunkene* kein anderer Mensch ist“ und nicht nur die Wahrheit sagt, sondern auch den Charakter zeigt. Jetzt die Frage: Wer bin ich und wenn ja, wie viele? 

In einer vorläufigen Conclusio erscheint es mir schwer, die Meinung durch das Leben durchzuhalten. Die Horizonte, in denen die Meinung steht oder fällt, wechseln. From dusk til dawn stellen sich andere Bezüge her.

Soweit das Feuilleton.

Ich möchte nämlich daran erinnern, dass (jeweils) das juste milieu die Bewertung durchsetzt, welche Meinung gerade die Norm sei. Ich möchte darauf hinweisen, dass die radikale Jugend oder das radikale Alter, sozusagen aus ihren gegenüber liegenden Lebensperspektiven, dem Juste Milieu mit dem Vorwurf der Korrumpierbarkeit gleichermassen den Mittelfinger zeigen. Das sich dann beeilt, beide Sichtweisen mit einem „Das geht ja gar nicht.“ zu skandalisieren. Ich versuche den Punkt zu machen, dass sich in den Meinungen Argumente finden lassen, die, auch wenn sie dem Juste Mlieu nicht in den Kram passen, gehört oder bedacht werden sollten, sogar wenn sie sich in den „falschen“ Zusammenhang stellen (lassen). 

Zwei Beispiele:
Wenn Greta Thunberg („Ich will, dass ihr in Panik geratet“) also die Mitte der Gesellschaft das Fürchten lehren will, so mag sie möglicherweise noch nicht vom bitteren Wein der realen Verhältnisse getrunken haben, legt aber doch einen fetten Salzfinger in die grosse Wunde unserer Zeit.
Wenn Thilo Sarrazin über die Abschaffung Deutschlands (und manches andere) philosophiert, so mag er seine Erkenntnisse durchaus mit Rassismus kontaminieren, verweist aber doch auch auf ein paar mathematische Grundsätze oder überprüfbare Fakten. 

Zu beiden Positionen habe ich differenzierte, andere Meinungen – dennoch erscheinen sie mir als die richtigen Beispiele!  Identitätspolitik hilft, jedes Argument zu ignorieren: Der Tanz geht nur noch um die Person wie um das goldene Kalb und enthebt die Mitte der Gesellschaft von der Notwendigkeit, sich mit den Dingen auseinander zu setzen, die ihr nicht schmecken.

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