über Michael Seemanns "Das Neue Spiel"

Das Alte Spiel

Rezension

Buchtitel und Autor Michael Seemann, Das Neue Spiel
Das Neue Spiel - von Michael Seemann

Michael Seemann ist ein kluger Kopf. Sein Buch „Das Neue Spiel - Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust“ behandelt, wie ich meine zutreffend, die Fragen, die sich während und nach der Digitalisierung für „die“ Gesellschaft stellen. Ich habe das Buch mit grossem Gewinn gelesen und bin froh und dankbar, dass „endlich einmal“ jemand diesen Knoten aufgedröselt und durchdacht hat. 

In einigen Punkten sehe ich gravierende Schwächen:

Das Subjekt

Das zentrale Paradox seines Denkens, scheint mir, erwächst aus dem Widerspruch zwischen einer (fatalistischen) Sicht auf die Digitalisierung einerseits und einem (idealistischen) Rekurs auf ein handelndes Subjekt andererseits. Dazu komme ich später.

Wie Seemann halte auch ich die „vollumfängliche“ Digitalisierung „von allem“ für eine (unter den gegeben Umständen) unumkehrbare Entwicklung (… wo nicht bereits Tatsache). Doch das geht nicht ohne ein paar Nebenbemerkungen ab!

Erster Hinweis: „unter den gegebenen Umständen“. Zwei Kräfte schlummern in den gegebenen Umständen:
Ian Pearson hat schon früh auf die (gemessen an einem ungebrochenen Fortschrittsglauben) „disruptiven Potentiale“ der Reaktanz aufmerksam gemacht, also auf einen „aktuell zwar unvorstellbaren“ gesellschaftlichen Widerstand (vergleichbar den Maschinenstürmern), der aber sehr wohl Entwicklungen zum Stillstand, wenn nicht zu einem RollBack, bringen könnte. Bislang gibt es dafür wenig Indizien; das besagt aber nichts, denn  
Nassim Nicholas Taleb hat (in „Der Schwarze Schwan“) auf die dramatische Wirkungsmacht singulärer Ereignisse hingewiesen, also von Ereignissen, die gleichsam aus dem Nichts kommen (die, vergleichbar einem Tsunami oder anderer Grosskatastrophen, aber auch etwa als „neuer Algoritmus“ auftreten können) und in ihrer Erscheinung und Tragweite beispiellos sind.
Insofern steht auch die scheinbar unabweisbare Digitalisierung unter einem Generalvorbehalt. 

Zweiter Hinweis: Wir überschätzen die kurz- und unterschätzen die langfristigen Folgen von Disruptionen. Obwohl Seemann, wie ich meine weitsichtig, die Folgen der Digitalisierung für unser unmittelbares Leben darlegt, ist auch ihm das Telos, das langfristige Zielbild dieser Entwicklung nicht präsent. Ich meine: es steckt in der unscheinbaren Formulierung „von allem“. 

Zu diesem „Allem“ haben sich bereits eine ganze Reihe von einflussreichen Denkern geäussert, allen voran sicherlich Ray Kurzweil. Sie alle sprechen von den Möglichkeiten und den Wahrscheinlichkeiten und diskutieren dabei besonders die bislang nur vorsichtig oder unter Vorbehalt skizzierten Folgerungen, die sich aus dem Auftreten einer digitalen (oder - spannend, beklemmend, überzeugend bei Kasuaki Takano: mutagenen), überlegenen Intelligenz ergeben. Kurzweil nennt dieses Auftreten (in Analogie zum Big Bang) „die Singularität“, und meint damit vor allem, dass nicht prognostizierbar ist, was danach geschieht. Wie weitreichend dieses „Danach“ sein könnte, machen Takano in Extinction, aber auch Daniel Suarez in Daemon/DarkNet, sehr anschaulich. Insofern sich allerdings heute sehr viele, sehr unterschiedliche Forschungsstränge der Singulartät annähern, sind auch quasi humanoide Varianten nicht ausgeschlossen: etwa, wenn in einem Zusammenspiel von gestiegenen Rechenleistungen (z.B. Quantencomputer) und fortgeschrittenen Forschungsleistungen im Bereich der Cognitionswissenschaften (z.B. aus dem HBI-Projekt heraus) eine Mensch-Maschine-Schnittstelle möglich wird - und, als Folge daraus, hybride Lebensformen zwischen Mensch und Maschine und schliesslich auch ein virtuelles Leben. Daraus folgt ein

Dritter Hinweis: zu dem digitalen Fatalismus gesellt sich ein ökologischer. Die dystopischen Potentiale der bestehenden Wirtschafts- und Weltorganisation muss man nicht lange ausmalen; es reicht, ein (nicht soo abgelegenes) Szenario von Klimawandel, Überbevölkerung, Ressourcenverknappung und Migration anzudeuten, um zu begründen, dass für die bestehenden lebensweltlichen Bedingungen keine Garantie gegeben wurde. Unter den daraus resultierenden, sich auf einem längeren Pfad kontinuierlich verschärfenden, katastrophalen Bedingungen ist die Virtualisierung des Lebens „an sich“ zwar immer noch ein fern liegender, aber kein absurder Gedanke. Man könnte sogar soweit gehen, zu behaupten (und in aller Vorsicht neige ich dazu), dass sich die Virtualiserung des Lebens als einer der überhaupt wenigen Auswege aus dem ökologischen Desaster darstellen könnte. 

Soweit skizzenhaft zur Rahmenhandlung Digitalisierung und den bei Seemann nicht oder nicht hinreichend berücksichtigten Potentialen. Zu Seemanns Diagnose des Kontrollverlustes habe ich zunächst keinen, dann aber doch einen fundamentalen Widerspruch (der in Teilen bereits in dem Ersten Hinweis zur Reaktanz enthalten ist). 

Kontrolle 

Zunächst stimme ich zu: Kontrolle entgleitet. Seemann bezieht und beschränkt das Phänomen zunächst und vor allem auf die Digitalisierung; das halte ich für falsch (Einschränkung s.u.). Er betrachtet den Kontrollverlust aus einer gleichsam konsumistischen Perspektive, aus der Sicht der Betroffenen, die sich letztlich in den Kontrollverlust „fügen“ müssen. Tatsächlich aber sehe ich den Kontrollverlust in einer weit grösseren Dimension: längst hat sich „die“ Wirtschaft „allen“ Regularien entzogen (nur beispielhaft: zahlreiche sehr grosse Unternehmen entziehen sich der Steuerhoheit ihrer Wirtsgesellschaften, zahlreiche, wenn nicht alle chinesischen Produzenten kümmen sich einen kühlen Kericht um Schutzrechte und fast alle Rüstungsunternehmen der Welt unterlaufen fast alle Exportkontrollen …). Von einer – wie auch immer – staatlich regulierenden Souveränität zu reden, ist eine Schimäre; und in transstaatlicher (internationaler, globaler) Hinsicht bestehen nahezu gar keine der vormaligen Durchgriffsrechte (Einschränkung s.u.). 

Einerseits ist dafür die nationalstaatliche Desintegration bei zeitgleicher globaler Integration der Informationsströme verantwortlich: die ökonomischen Player nutzen diesen TradeOff ohne jede Hemmung. Andererseits ist das ausserordentlich verschärfte, wissenschaftliche und, in der Folge, technologische Tempo von den administrativen Kräften (und ihren behäbigen Kompetenz-, Legitimations- und Entscheidungsprozeduren) kaum mehr mitzuhalten. „Die“ Wirtschaft ist „der“ Politik um Jahre und Jahrzehnte voraus. Insofern leben wir in einer Reinkarnation des Manchester- jetzt als Silicon Valley-Kapitalismus, und von Kontrolle kann nicht die Rede sein ((jetzt die Einschränkung) erst weit hinten im Buch kommt Seemann zu ähnlichen, allerdings recht kursorischen Überlegungen, die, wie sich weiter unten lesen lässt, ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannte). 

Auf der Ebene der Konsumtion beobachtet Seemann, nach meiner Meinung, richtig, dass die Kontrolle hergegeben wird. Sein Privacy-Paradox (hysterisch auf Nachfrage, fahrlässig im Alltag) trifft die Entwicklung auf den Punkt, wobei die fehlenden painpoints, sicher aber auch eine allgemeine gesellschaftliche Indolenz (dazu der Vergleich mit dem Widerstand gegen das vergleichsweise „harmlose“ Volkszählungsgesetz) wesentliche Treiber dieses Paradoxes sind. Unterbelichtet dagegen bleibt, dass die (subjektiv, besonders unter nativen Netzbewohnern) Not!wendigkeit der gesellschaftlichen Partizipation und das perfide eingesetzte Instrument der einhergehenden Zustimmungspflicht zu „Allgemeinen Geschäftsbedingungen“ den vom Autor diagnostizierten „permissiven“ Teil in diesem Paradox so massiv einschränken, dass ich mich scheue, von Freiwilligkeit zu sprechen (hinzu kommt, dass ich, allein im letzten Monat, rund 300 Seiten deutsche und überwiegend englische, juristische Texte hätte lesen müssen, um auch nur zur Kenntnis zu nehmen, welchen Regeln ich zustimme; geschweige denn zu verstehen oder gar zu verhandeln). Ursächlich, meine ich, ist hier das Versagen des Gesetzgebers oder Regulierers, der diese wahnhafte, ökonomisch gleichwohl sinnvolle Volksverhaftung begünstigt. 

Jetzt aber, nachdem Seemann den Kontrollverlust konstatiert und für unvermeidlich erklärt hat, entwickelt er Gedanken und Verhaltensformen, die dazu beitragen sollen, dass aus der blossen Beobachtung der Akteure (= Datensammeln, das nicht a priori schlecht sein muss; hier nähert sich bis auf gefährlich wenige Centimeter dem Circle von Dave Eggers) keine Repression erwächst.

Nee, da geh ich nicht mehr mit. „Wir“ können, einerseits, die unschuldig-harmlos sich einschleichende Digitalisierung nicht aufhalten, dann aber, andererseits, soll uns das gelingen gegen die scharf konturierte, effektvoll ausgestatte, letztlich existentiell bedrohliche Repression, gegen das Gewaltmonopol des Staates und/oder das Existenzmonopol der Wirtschaft? Als wenn politischer Widerstand eben noch mal kurz zu erfinden wäre und keine Geschichte hätte, als wenn es aussichtsreicher wäre, gegen staatliche (oder sonstwie dominante) Institutionen anzugehen, als gegen wirtschaftliche. Es ist vielleicht eine Generationenfrage, in seinen politischen Folgerungen ist der ansonsten aufgeklärte, scharfsichtige Seemann, nach meiner Meinung und Erfahrung, naiv.

Doch halt: zu diesem Zeitpunkt liegt noch ein Drittel des Buches vor mir. Seemanns Ansatz verspricht dann dazu/dagegen/dafür Strategien die er unter folgenden Überschriften diskutiert:

  1. Du kannst das Spiel nicht gegen den Kontrollverlust spielen
  2. Die Überwachung ist Teil des Spiels
  3. Wissen ist, die richtige Frage zu stellen
  4. Organisation und Streit für alle
  5. Du bist die Freiheit des Anderen
  6. Macht hat, wer die Plattform kontrolliert
  7. Staaten sind Teil des Problems, nicht der Lösung
  8. Datenkontrolle schafft Herrschaft
  9. Der Endgegener sind wir selbst

Wie immer, wenn wir aus der Theorie in die Praxis transkribieren, geraten all jene kleinen und grossen Hindernisse in den Weg, die sich theoretisch in eleganten Formulierungen oder grosszügigen Voraussetzungen so hilfreich umschiffen lassen.

Luxus

Gehen wir nochmal zurück zum Kontrollverlust: Seemann ist ein Realo. Bei aller gesellschaftlichen Kritik, die Faktizität des Faktischen ist ihm geläufig. Er befürwortet die staatliche (und, btw, ökonomische) Kontrolle nicht, er kann sie aber auch nicht bestreiten, und insoweit muss ich ihm folgen. Ich glaube jedoch, dass er in seinen Strategien eine unstatthafte und/oder unüberlegte Luxusposition einnimmt und jedenfalls nicht genügend weit voraus blickt. 

„Souverän ist, wer den Ausnahmezustand kontrolliert.“ so hat es Carl Schmitt lakonisch auf den Punkt gebracht. 

Der Luxus an der Seemann’schen Position beruht auf dem Umstand, dass er/wir den Ausnahmezustand unter den Bedingungen des Kontrollverlustes noch nicht erlebt hat/haben. 
Diesen gibt es, glaube ich, in zwei grundsätzlich zu unterscheidenden Ausprägungen, nämlich als gesellschaftlichen Ausnahmezustand einerseits, wie er (hier nur beispielhaft) politisch im Dritten Reich, in der UdSSR und ihren Satelliten oder im Iran aufgetreten ist – oder in seiner sozusagen ökologischen Variante, wie ihn etwa Marc Elsberg in BlackOut beschrieben hat (Stichworte: Fukushima, Bophal, das Erdbeben vor Sumatra, u.ä.m.). 
Auf der anderen Seite sehe ich den persönlichen (gleichsam stellvertretenden) Ausnahmezustand, wie ihn Manning/Assange/Snowdon erlebt haben (oder die Vertreter der politischen Opposition in … Chile, el Salvador, Persien, Argentinien, China, …). Diese Unterscheidung zeigt Schnittmengen, soll aber besagen, dass einerseits eine komplette Bevölkerung in Regress genommen wird, während andererseits nur paradigmatische Vertreter einem Repressionsregime ausgesetzt werden.

Solange „wir“ (besser gesagt: Du!) weder das Eine noch das Andere befürchten, können wir uns relativ locker mit einem Kontrollverlust arrangieren. 

Bei dieser Gegelegenheit konstatiere ich auch einen grundsätzlichen Unterschied in der Weltanschauung: für Seemann ist das Leben, ist die Welt ein Spiel; und das er, folgerichtig, (s)eine „Spieltheorie“ darauf anwendet, ist, glaube ich, auch eine Generationenfrage. Möglicherweise liegt hier eine der Ursachen seiner luxuriösen Gelassenheit: So richtig ernst ist es bei ihm noch nicht geworden. Ich dagegen habe das Denken unter existentialistischen Vorzeichen gelernt: Gewalt, Leid und Tod sind für mich zu berücksichtigende Faktoren. Ich sehe, dass das Gefüge einer materiellen Gesellschaft ein fragiles Kartenhaus ist, und dass die Kontrolle in diesem Gewackel eine zentrale Rolle spielt. Mein Denken hat, in dieser Perpsektive, auch psycho-historische Wurzeln: ich „weiss“, dass es disruptive Formen gesellschaftlicher Dynamik gibt, die sich als das „End-“Ergebnis einer Reihe von einzeln je unkritischen Einzelzustände manifestieren. 

Ich mache das einmal beispielhaft an der Migrationsfrage fest. Im Einzelnen ist es eine menschenwürdige Grundhaltung, das Elend anderer durch (schmerzfreies) Teilen zu lindern, selbstverständlich, nicht der Rede (wohl aber des Tuns) wert; doch schon in dem Moment, wo die eigene Existenz (oder Partikularinteressen darin) als prekär eingeschätzt wird, und zugleich die Summe der Ressourcen (wie auch anders) begrenzt ist, erkennt der Einzelne das Nullsummenspiel: Was jenen gegeben wird, wird mir, muss mir vorenthalten werden. Wenn keine anderen Kräfte in diese Mechanik eingreifen, dann wird eine solche Dichotomie an einem Tipping Point eskalieren; das ist eine simple, schwer widerlegbare Prognose. Und wenn das stimmt, so führt eine „Grenzöffnungs“-Forderung notwendig zu im Einzelnen unberechenbaren, und in Summe gewaltsamen, gesellschaftlichen Konflikten: zu einer Polarisation der Gesellschaft, ein Pendelschwung in Richtung autoritativer, bisweilen sogar faschistoider Regelungsbegehren. Das heisst, um es klar auszusprechen: die Dynamik gutmenschlicher Solidarität kann (bei genügend kritischer Masse: muss) in eine regressive, gesellschaftliche Eskalation einmünden. 

Ganz sicher ist die Migration nicht die einzige Ursache dieser, tatsächlich ja in ganz Europa zu beobachtenden Entwicklung; wahrscheinlicher ist, dass dazu ein Parallelogramm verunsichernder Kräfte beiträgt: 

• der rasante technologische Wechsel und die damit verbundenen Wirkungen auf Arbeit und Kultur 
• die bis zur Unbechenbarkeit aufgeschwungenen, bedrohlichen Finanz-politischen und makroökonomischen Verwerfungen mit ihren in der kollektiven Erinnerung verwurzelten Drohungen der Vermögensvernichtung 
• der öffentlich offenkundige Durchgriffsverlust einer auch begrifflich, systematisch entmächtigten politischen Kaste. 

Ich kann, um diesen Aspekt zusammenzufassen, nicht darüber hinwegsehen, dass der Kontrollverlust erst in der Krise an seinen Schmerzpunkt gerät, oder anders gesagt, dass unsere lapidar-nachlässige Haltung heute mit der Abwesenheit von Schmerz zu tun hat (mit historischen Analogien zur Weimarer Republik).

Frag!

Wesentliche Unterschiede zeigen sich auch, wenngleich jetzt weniger als generative Unterscheidung, wenn Seemann das Wissen unter das Generalparadigma der Frage, wie er sagt: der Query stellt. Ich selbst brenne auf Antworten! Vielleicht muss man hier zunächst das suchende vom antwortenden Fragen unterscheiden. Eins: Ich frage, weil ich nicht weiss, nicht kenne, was die Antwort ist; ich bitte um Belehrung. Zwei: Das antwortende Frage, und ich meine nicht das suggestive, dagegen ist apodiktisch und auch hinterhältig; es belehrt und es entscheidet. Dieses Fragen erhöht den Fragenden über den Befragten.

Ich wüsste nicht, was gegen das suchende Fragen vorzubringen wäre. Ich bin aber vor allem unter dem Fetisch der antwortenden Frage gross geworden und habe sie sehr oft als Goldenes Kalb erlebt: die Figur erlaubte es, die Antwort zu verweigern, zu verstecken, nicht auszusprechen, aber: auch nicht mehr für wichtig zu erachten. Hinzu kommt, dass die Frage in ihrer Substanz undialektisch ist: als wenn es EINE richtige Antwort gäbe! Der Fragefetisch etabliert einen (und sei es unbewussten, latenten) Hang zur Dichotomie: Schwarz oder Weiss. WEIL der Fragende die Existenz einer richtigen Antwort unterstellt (und insgeheim oder wenigstens potentiell die Antwort auch kennt oder zumindest dies insinuiert), neigt er zu einer apodiktischen Sicht. Er positioniert sich als einer, der zu einer im Stillen gegebenen oder sogar nicht gegebenen, nicht einmal gewussten Antwort „Siehste!“ sagt, und damit sich als „den Wissende in der Gnade der Erkenntnis“ vorstellt, der einem Dölmer zur Erleuchtung verhilft. 

In diesem Sinne stehe ich Seemann voller Widerspruch zur Seite. Ich akzeptiere und teile seinen richtigen Hinweis auf die Macht der „Query“, habe aber grundsätzliche Zweifel, dass damit bereits das Ende der Analyse erreicht ist: 

Herrschaftswissen hat es schon immer gegeben! Eine Weile lang schien es so, als würde die „Öffnung der Hochschulen“ (in den 1970er Jahren) dazu beitragen, das Herrschaftswissen zu demokratisieren. Doch es zeigte sich bald, welch mächtige Ausschlusskraft die Des- und besser noch die „Über“-Information darstellt. Wir blicken auf eine Zeit zurück, in der nicht nur „alles“ offengelegt worden ist, sondern, schlimmer, auch die (tatsächlich ja zahllosen) widersprüchlichen Anschauungen eines gegebenen Sachverhaltes ausgebreitet wurden. Koriphäe A erklärt Atomkraftwerke für Katastophenschauplätze, während Koriphäe B Kernkraftwerke zu Erfolgsfaktoren der Zukunft deklariert. Wo widersprüchliche Positionen unaufgelöst bleiben, entsteht Lähmung. Und das, nach meiner persönlichen Einschätzung, ist schlimmer als ein Fehlentscheid (weil so auch die Möglichkeit der Korrektur ausbleibt und sich der Missstand perpetuiert). Die Frage also ist lediglich das Agens der Erkenntnis, die - ohne Antwort - ausbleibt.

Think! Twice!

Seemann denkt gut! Er legt offen, wo und inwieweit dem Staat (und all seinen Institutionen) der Durchgriff entgleitet. Er zeigt die Mechanismen, mit denen Geheimdienste versuchen, die Lücke zu füllen. Er analysiert die Kräfte, mit denen „wir“ die Kontrolle der „Plattformen“ bestärken und sanktionieren. Er seziert die Kräfte im Zeitalter der Digitalisierung. Und er scheut nicht davor zurück, diese komplexen Entwicklungen in ihren Interdependenzen zu zeigen und in einem Gesamtbild aufzulösen. 

Seemann denkt gut! Ja, …aber er liegt falsch. Seemann ist scharf, wenn es um das Delta zum Status Quo ante geht, aber er ist vom guten, menschlichen Wünschen verführt, wenn er auf den Weg in die Zukunft zeigt. Er führt seine Analyse nicht zu ihren logischen Ergebnissen, sondern zu einer voluntaristischen, ideologischen Folgerung: der Einzelne soll seine Freiheit im Kontrollverlust erkennen (in Analogie etwa: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s ziemlich ungeniert …)  und, btw, sich gegen die Übergriffe des Staates, der Geheimdienste und der Plattformen zur Wehr setzen. Dabei, einer meiner bestgehassten Lieblingssätze, dirigiert Seemann Truppen, über die er nicht verfügt.

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