

Same procedure

Ich denk noch: Mann!, denk ich, hatte mich grad so an das Letzte gewöhnt, hätt‘ ruhig so weiter gehen können. Andererseits, denk ich, irgendwie tut‘s das ja auch, oder? Gleich morgen geht uns der Präsident verloren, nu, und was denken Sie? Die Frau Kanzler gleich mit? Ich mein, die schiessen doch nur deswegen in Zeitlupe, weil sie nur so eine Chance haben, die ganze Regierung gleich mit sturmreif zu kartätschen. Ich sach zu meiner Frau, es tut gut, sag ich, dass die Dinge in Bewegung sind. Jou, sagt meine Frau, der rasende Stillsstand, sagt sie, da falle es gar nicht weiter auf, wenn alle immer nur auf der Stelle treten.
Dabei, wie wir morgens so beim Kaffee sitzen, wir zwei beiden hier, hatten wir die Zukunft ja schon länger schon beerdigt, grad erst letztes Jahr wieder. Und wirklich, sie war weg. Dachte noch, ‘s wäre vorübergehend und hab immer mal inner Zeitung gesucht, aber, auf Ehre und Gewissen, keine Spur. Nichts zu sehen.
Hat meine Frau gesagt: die tun halt nur mal so als ob.
Ich: Häh?
Sagt sie: Klemmen son „S“ hinter die 4 oder zählen ‘nen Zehntelpunkt hoch auf 10.7. Meine Frau war irgendwie zackig drauf, gestern morgen, ich dagegen mehr im Halbschlaf. Ich sag noch: „Hhhm, „NICHTS“ - wäre weniger, aber viel war es nicht gewesen, das Jahr über.“ (Wie gesagt: ich auf 80%).
Aber, es kreiselte mir im Kopf herum. Sehen Sie, der Kaufmann neigt ja zur Klage. Völlig zu Unrecht! Schön, dass mal wieder etwas Ruhe einkehrt - so muss man das sehen. Soll‘s doch anderwärts toben, beim Chines‘ oder bein Inder, oder der Russe, da is was los; hier is eher was gemütlich und ich find‘s völlig genug. Kann man lustig über den KT herziehen, oder den CW, wenn‘s sonst nix gibt. Und solang wir alle ganz prima um unseren Spargroschen zittern, wird‘s auch nicht langweilig. Und zu meiner Frau sag ich: Kann mal ruhig so weiter gehen, sag ich, nur die Ruhe, sag ich. Es war doch auch, sag ich, genug anstrengend all die Jahr, immer was Neues.
Aber die sagt: Hallo?! Und dass ich ganz und gar falsch liege. Sie sei vielmehr ganz wunderbar für das mit der Zukunft und die solle sich jetzt endlich mal prächtig über uns hermachen. Holla!, denk ich (und behalte das pfiffige Wortwitz still für mich), und guck noch tiefer in die Zeitung: hätt‘ ich da was verpasst? Nur zum Beispiel, sagt meine Frau und betont das Beispiel, als wäre es der Beginn einer laaangen Geschichte, z.B. das iPad solle ja nun dieses Retina-Display kriegen. Und es würde auch bald so Brillen geben, Augmented Reality,und das TV sei jetzt auch dran. Und mit der Biologie würde jetzt die Technik ganz wo anders was werden, und Ohren und Augen würden elektrifiziert, und die Stammzellen, das alles. Und ich zieh den Kopf ein, wie sie all die Zukunft so maschinengewehrmässig über den Tisch rattert.
Sonst fällt mir aber nix ein, ausser Bedenken, und dass das alles nicht funzt und sowieso, und zieh noch (weil: der geht immer) über all die Ewiggestrigen her, die mit angefrorenen Fingern an ihren Microsoft-Standern stehen und von Marktanteilen reden. „Phhhh“, sagt meine Frau und nimmt sich das Feuilleton vor. HimmelSackZement, ich mach heut einfach keinen Stich bei ihr. Wir schweigen eine Weile, was gut tut, denn ich bin müüüüde!
OK, sagt sie dann, das Neue Jahr! Und schaut mich mit ihren 3 Hektar Dunkelaugen an, dass mir schwummerig wird. Du hast drei Wünsche frei!
Wissense, wie man sich da fühlt?
Ich am zählen der Leere im Hirn und sie legt mir nen Elfmeter.
Gleich, sag ich, Zeit gewinnen, ich muss ersma - ne Runde nachdenken. Ganz erleichtert zurück am Frühstückstisch, sag ich zu ihr, ich hätt mir da folgendes überlegt und zwar, sie solle mal gefälligst zuhören und mich nicht unterbrechen:
Eins, sag ich. Ich täte nicht dran glauben an die kleinen Schritte. Es täte nämlich Gesetze brauchen. Bloss korrekt sein, das hülfe nicht, denn alles, was „auslegbar“ ist, da sei mir das Hemd näher als die Hose. Also sei ich für Verbote. Aber gegen Lobbyismus. Nämlich, sag ich, sollten die Regeln - wohlverstanden (mit Zeigefinger) - den Interessen der Gesellschaft dienen, nicht aber den Interessen der Interesseninhaber. Deswegen: für Tempolimit, Transaktionssteuer und erneuerbare Energie. Aber gegen Parkraumbewirtschaftung oder Kohlesubvention. Und für Copyrights nur für Personen (Künstler, Erfinder, Autoren …); Gema, sonst nix (und in Klammer sag ich: als Prinzip, über die Organisation sei ja heftig zu diskutieren). Und gegen Steuersenkungen. Und für Leistungsgehälter für Politiker. Und gegen Wahlkampfgelder für Parteien. Diese Richtung. Meine Frau hat schon mal den Kopf schräg gelegt, wobei mir nix Gutes schwant.
Zwei, sag ich. Und schiebe das Kinn vor, vorsichtshalber. Ich täte auch nicht dran glauben an die Meinungsvielfalt. Denn, sag ich, solange diese lokalen Kleinmedienveranstalter in ihren prekären Wirtschaftsverhältnissen herumagieren (müssen) täten, täten sie ihre Meinungsbildung nach der Decke strecken. Und die sei in der Fläche an der Volksverdummung genauso beteiligt, wie RTSAPR-USW. Meine These sei: Qualität gäb‘s nur im Grossen, aber/und/oder nämlich sei die Anzahl der sinnvollen Meinungen begrenzt. Deswegen täte ich mir ein ausgreifendes Fusionsrecht wünschen für Bereinigung nämlich der Flächen - und dazu ein scharfes, sanktionsbewährtes Pressegesetz gegen die Willkür und die ganze Papparazzia-Journalje. Die ARD solle alles dürfen, was sie für die Gebühren hinkriegt, nur den Quotenschwachsinn solle sie den Privaten überlassen. Meine Frau, die Augenlider halb über ihre ganzen zwei Hektar gezogen, was furchtbar blöd aussieht, versucht, mir mit dieser Grimasse den Schneid abzukaufen, ich aber tapfer:
Drei, sag ich. Ich bin Europäer, aber ich tät nicht mehr dran glauben, an Europa. Womit ich sagen wolle: die Konstruktion sei falsch. Die Globalisierung täte nunmal föderale Kontinente erfordern, weitreichend und zwar in Sachen Wirtschafts-, Struktur- und Aussenpolitik (und in Klammern sag ich: nach Mehrheitsprinzip: one WoMan one Vote! was meine Frau mit einem entseelten Du-Schleimer-Blick in die Decke quittiert). Umgekehrt brauche es starke Regionen in allen Fragen der Lebens(raum)gestaltung. Und damit der Kontinent zusammenwachse, täte es eine gemeinsame Sprache brauchen: und zwar englisch. Zwar wäre chinesisch sinnvoller, sag ich, aber keine andere, nur englisch, wäre durchsetzbar! Und nur eine gemeinsame Sprache würde „die Bedingungen der Möglichkeit einer europäischen Meinungsbildung“ schaffen! (Die Gänsefüsschen müssen Sie sich mit den Fingern denken - aber das Ausrufezeichen dahinter, das hätten Sie mal hören sollen!) Es war nämlich so, dass ich unterdessen doch wach war.
Ich hatte mir das alles ganz schnittig so zurecht gelegt, aber meine Frau schüttelt nur den Kopf und guckt mich an, als wär ich vom Mars, und widmet sich wieder dem Feuilleton. Wortlos. Als wenn nix gewesen wär. Da soll jetzt einer mal draus schlau werden.
Wissense, so mein ich das: es geht einfach alles immer so weiter!
(IvD)